Home » Autobahn, Faktenblatt, GG-Änderung, Infrastruktur, Mobilität, PPP

Grundgesetz­änderung — Aus­wir­kun­gen auf Ver­kehrs- und Bil­dungs­in­fra­struk­tur

23 Januar 2017

GiB hat aktu­el­le Infor­ma­tio­nen und Bewer­tun­gen zur geplan­ten Grundgesetz­änderung in einem Fly­er zusam­men­ge­stellt. Der Fly­er umfasst acht Sei­ten und kann hier her­un­ter­ge­la­den wer­den.

Ein Bei­trag von Lau­ra Valen­tu­ke­vici­u­te und Carl Waß­muth

Das Bun­des­ka­bi­nett hat am 14. Dezem­ber den Ent­wurf zu einer umfang­rei­chen Grund­ge­setz­än­de­rung samt Begleit­ge­setz vor­ge­stellt — ein gro­ßes Reform­vor­ha­ben, ver­gleich­bar mit den Föde­ra­lis­mus­re­for­men I und II. Zuvor hat­te man ein Jahr lang mit den Minis­ter­prä­si­den­tin­nen und –prä­si­den­ten ver­han­delt, der Bun­des­tag war bis dato noch nicht ein­ge­bun­den wor­den. Nun soll alles aber recht schnell gehen: Ende März soll das Paket schon ver­ab­schie­det wer­den – nicht viel Zeit für Abge­ord­ne­te, sich zu Fol­gen und wech­sel­sei­ti­gen Bezü­gen eine fun­dier­te Mei­nung zu bil­den. Nach­fol­gend wer­den wich­ti­ge Aspek­te der Geset­zes­vor­schlä­ge mit Blick auf ihren Pri­va­ti­sie­rungs­ge­halt bewer­tet.

Das Grund­ge­setz gestat­tet eine  Zen­tra­li­sie­rung der Auto­bah­nen schon heu­te

Das Grund­ge­setz erlaubt den Län­dern schon heu­te, die Auf­trags­ver­wal­tung der Bun­des­fern­stra­ßen voll­stän­dig an den Bund abzu­ge­ben. Sie­he dazu Art. 90 GG, Absatz 3:

Auf Antrag eines Lan­des kann der Bund Bun­des­au­to­bah­nen und sons­ti­ge Bun­des­stra­ßen des Fern­ver­kehrs, soweit sie im Gebiet die­ses Lan­des lie­gen, in bun­des­ei­ge­ne Ver­wal­tung über­neh­men.“

Sind die Län­der sich also einig, dass künf­tig der Bund die Auto­bah­nen ver­wal­ten soll, ist nicht mehr als ein (gemein­sa­mer) Antrag nötig. Die vor­ge­schla­ge­nen Grund­ge­setz­än­de­run­gen die­nen also ander­wei­ti­gen Zie­len, wie z.B. der Schaf­fung von Anla­ge­mög­lich­kei­ten für die wegen der Nied­rig­zins­pha­se in Not gera­te­ne Ver­si­che­run­gen und einer Umge­hung von Schul­den­re­geln wie der Schul­den­brem­se oder der Maas­tricht-Kri­te­ri­en. Die­se Zie­le müss­ten erst noch trans­pa­rent dar­ge­legt und dis­ku­tiert wer­den.

Wie viel Pri­va­ti­sie­rung steckt in der Reform?

Im Vor­feld des Kabi­netts­be­schlus­ses war die Pres­se­be­richt­erstat­tung recht tur­bu­lent, sie reich­te von „die Auto­bah­nen wer­den pri­va­ti­siert“ bis hin zu „jede Pri­va­ti­sie­rung ist aus­ge­schlos­sen“. Letzt­lich haben sich die maß­geb­li­chen Ver­tre­ter der Bun­des­re­gie­rung und spä­ter auch der Län­der gegen Pri­va­ti­sie­run­gen im Bereich der Auto­bah­nen aus­ge­spro­chen. Auch im Bun­des­tag haben sich vie­le in die­sem Sin­ne deut­lich posi­tio­niert. Sie wur­den bestä­tigt durch Umfra­ge-Ergeb­nis­se, wie sie etwa im „Spie­gel“ oder im „ARD-Polit­ba­ro­me­ter“ ver­öf­fent­licht wur­den. Aller­dings erlau­ben die nun vor­ge­leg­ten Tex­te wei­ter­hin Pri­va­ti­sie­run­gen. Dar­auf wei­sen der Bun­des­rech­nungs­hof (BRH)[1] und ein aktu­el­les Gut­ach­ten im Auf­trag des Zen­tral­ver­bands des Deut­schen Bau­ge­wer­bes (ZDB)[2] hin. Künf­ti­ge Pri­va­ti­sie­rungs­mög­lich­kei­ten bezo­gen auf die Auto­bah­nen wären:

  • Ver­kauf von Toch­ter­fir­men
  • Öffent­lich-pri­va­te Part­ner­schaf­ten (ÖPPs)
  • stil­le Betei­li­gun­gen und ande­re eigen­ka­pi­tal­ähn­li­che Anla­ge­for­men („Mez­za­ni­ne-Kapi­tal“)
  • Fremd­ka­pi­tal, das direkt oder indi­rekt über den Bun­des­haus­halt besi­chert wird.

Zudem wer­den ein­zel­ne Pri­va­ti­sie­rungs­mög­lich­kei­ten grund­ge­setz­lich zunächst erlaubt und nur ein­fach­ge­setz­lich wie­der aus­ge­schlos­sen, wodurch bestehen­de Pri­va­ti­sie­rungs­schran­ken deut­lich gesenkt wer­den. So könn­te der Ver­kauf der neu­en Auto­bahn-Gesell­schaft spä­ter mit ein­fa­cher Mehr­heit beschlos­sen wer­den. Eine künf­ti­ge För­de­rung von Pri­va­ti­sie­run­gen bezo­gen auf die Bil­dungs­ein­rich­tun­gen wie Schu­len bestün­de in der Fest­le­gung von der grund­sätz­li­chen För­der­fä­hig­keit von ÖPP. Mit der For­mu­lie­rung „pri­va­tes Kapi­tal kann in [öffent­li­che] Infra­struk­tur­maß­nah­men flie­ßen“ wird für Auto­bah­nen zuge­stan­den, dass sich Pri­va­te betei­li­gen dür­fen:

Sofern zusätz­lich pri­va­tes Kapi­tal in Infra­struk­tur­maß­nah­men flie­ßen soll, wäre dies, wenn die Wirt­schaft­lich­keit gege­ben ist, für Pro­jek­te der Gesell­schaft mög­lich. Dadurch soll die Mög­lich­keit geschaf­fen wer­den, dass sich Pri­va­te am Netz­aus­bau und –erhalt betei­li­gen kön­nen, so dass die Inves­ti­ti­ons­stra­te­gie der Bun­des­re­gie­rung in ihrer Wir­kung noch ver­stärkt wer­den kann.“ (aus der Begrün­dung zum Begleit­ge­setz zur Grund­ge­setz­än­de­rung)

Es ent­steht ein offe­ner Wider­spruch zwi­schen münd­li­chen Aus­sa­gen von Regie­rungs­ver­tre­tern, dass Pri­va­ti­sie­run­gen aus­ge­schlos­sen sei­en und den vor­ge­leg­ten Gesetz­ent­wür­fen. Alle genann­ten Pri­va­ti­sie­rungs­for­men kön­nen ohne Ein­schrän­kun­gen auch vor­ge­nom­men wer­den, wenn statt einer pri­vat­recht­li­chen GmbH eine Anstalt öffent­li­chen Rechts (AöR)eingesetzt wird. Denn auch bei einer AöR blei­ben ÖPPs, stil­le Betei­li­gun­gen und Ver­käu­fe von Toch­ter­ge­sell­schaf­ten wei­ter erlaubt. Die Pri­va­ti­sie­rung der Ber­li­ner Was­ser­be­trie­be (BWB) wur­de mit der Umwand­lung in eine AöR ein­ge­lei­tet. Stil­le Betei­li­gun­gen und ÖPPs wur­den damit mög­lich, eben­so wie Ren­di­te­ga­ran­ti­en für pri­va­te Kapi­tal­an­le­ger. Das Par­la­ment hat­te nach der Ver­trags­un­ter­zeich­nung in die­sen Fra­gen nahe­zu kei­ne Ein­fluss­mög­lich­kei­ten mehr und konn­te nur sehr wenig kon­trol­lie­ren. Der Wei­sungs­aus­schuss, der nach For­de­rung des Ber­li­ner Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein­ge­rich­tet wur­de und die öffent­li­che Legi­ti­ma­ti­on in dem mehr­heit­lich öffent­li­chen Unter­neh­men sicher­stel­len soll­te, hat nie getagt.[3]

Wer­den ÖPPs geför­dert?

Öffent­lich-pri­va­te Part­ner­schaf­ten (ÖPPs) gibt es sowohl im Auto­bahn­be­reich als auch bei Schu­len schon heu­te. Dazu Finanz­mi­nis­ter Dr. Schäub­le am 14.12.2016 im Bun­des­tag:

Jeden­falls ent­hal­ten die Gesetz­ent­wür­fe, die wir heu­te im Kabi­nett beschlos­sen haben, kei­ne Ein­schrän­kung der Mög­lich­kei­ten, Ver­kehrs­in­fra­struk­tur­pro­jek­te in öffent­lich-pri­va­ten Part­ner­schafts­pro­jek­ten umzu­set­zen. Das machen wir ja auch bis­her. Die­se Mög­lich­kei­ten wer­den in der Zukunft nicht ein­ge­schränkt.“

Tat­säch­lich gibt es auf 3,6 Pro­zent der Auto­bahn­stre­cken bereits ÖPPs; 8,8 Pro­zent der für die Auto­bah­nen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel wer­den dafür auf­ge­wen­det.[4] Die geplan­te GG-Ände­rung ermög­licht gleich­wohl eine deut­li­che Aus­wei­tung von ÖPP, denn es wer­den die bis­he­ri­gen par­la­men­ta­ri­schen Schran­ken auf­ge­ho­ben. Das Manage­ment der neu­en Gesell­schaft kann dann allei­ne die Ent­schei­dun­gen dar­über tref­fen, ob und in wel­chem Umfang ÖPP-Ver­trä­ge abge­schlos­sen wer­den. Zu  Wirt­schaft­lich­keits­un­ter­su­chun­gen wer­den sie nicht ver­pflich­tet sein. So könn­te das Manage­ment inner­halb weni­ger Jah­re das Auf­trags­vo­lu­men der Gesell­schaft für 30 Jah­re (250 bis 300 Mil­li­ar­den Euro) per ÖPP pri­va­ti­sie­ren. Die Prü­fungs­rech­te des Bun­des­rech­nungs­hofs könn­ten künf­tig ein­ge­schränkt umsetz­bar sein. Der BRH war in der Fra­ge der Wirt­schaft­lich­keit von ÖPP bis­her eine wich­ti­ge Kon­troll­in­stanz.

Wel­che Legi­ti­ma­ti­on hat die Grund­ge­setz­än­de­rung?

For­mal hat die Gro­ße Koali­ti­on im Bun­des­tag eine 80-Pro­zent-Mehr­heit. Wenn also die Abge­ord­ne­ten den Vor­schlä­gen ihrer Regie­rung fol­gen, wäre die Grund­ge­setz­än­de­rung im Bun­des­tag juris­tisch hin­rei­chend legi­ti­miert. Es ist aller­dings frag­lich, ob den Bür­ge­rin­nen und Bür­ger eine rein for­ma­le Legi­ti­ma­ti­on aus­reicht. In vie­len Berei­chen füh­len sich Wäh­le­rIn­nen von der offi­zi­el­len Poli­tik an den Rand gedrängt und getäuscht, sie wen­den sich des­we­gen Par­tei­en und Strö­mun­gen am (aktu­ell vor­wie­gend rech­ten) Rand der Gesell­schaft zu. Das Grund­ge­setz dient dazu,  einen brei­ten gesell­schaft­li­chen Kon­sens rechts­si­cher fest­zu­hal­ten. Ob die gro­ße Koali­ti­on kurz vor Neu­wah­len einen sol­chen Kon­sens noch reprä­sen­tiert, darf nicht als selbst­ver­ständ­lich ange­se­hen wer­den. Es ist sogar unbe­kannt, ob es in den Regie­rungs­par­tei­en zu dem Vor­schlag einer Grund­ge­setz­än­de­rung eine eige­ne Mehr­heit gibt, denn bis­her gibt es auf Bun­des­ebe­ne kei­ne Par­tei­tags­be­schlüs­se zu der Fra­ge. Die nächs­ten Bun­des­par­tei­ta­ge von CDU, CSU und SPD fin­den erst nach der anvi­sier­ten Abstim­mung im Bun­des­tag statt. Die Reform erfüllt auch die im Koali­ti­ons­ver­trag getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen nicht voll­um­fäng­lich. Dem­nach soll­te mit den Län­dern Ein­ver­neh­men her­ge­stellt wer­den:

Zudem wer­den wir gemein­sam mit den Län­dern Vor­schlä­ge für eine Reform der Auf­trags­ver­wal­tung Stra­ße erar­bei­ten und umset­zen.“

Im Gegen­satz dazu wur­den die Vor­schlä­ge der Län­der  aus der Bode­wig-II-Kom­mis­si­on im Ent­wurf des  Bun­des­ka­bi­netts nicht berück­sich­tigt. Die Län­der hat­ten die Bode­wig-Kom­mis­si­on ein­be­ru­fen, weil sie eige­ne Kon­zep­te zur Ver­bes­se­rung der Ver­kehrs­in­fra­struk­tur ein­brin­gen woll­ten. Den Vor­schlag des Bun­des zur völ­li­gen Auf­ga­be des bis­he­ri­gen Sys­tems lehn­ten die Ver­kehrs­mi­nis­ter ein­stim­mig ab. Sie­ben Lan­des­par­la­men­te hat­ten zudem schon im Vor­feld Beschlüs­se zum Erhalt der Auf­trags­ver­wal­tung gefasst. Allein die Minis­ter­prä­si­den­tIn­nen der Län­der haben im Zusam­men­hang mit der Zusa­ge eines jähr­li­chen Finanz­trans­fers in Höhe von 9,75 Mil­li­ar­den Euro ihre vor­läu­fi­ge Zustim­mung gege­ben. Letzt­lich wur­den inhalt­li­che Beden­ken wegen der gro­ßen Geld­sum­me hint­an­ge­stellt. Grund­ge­setz­ar­ti­kel sind aber kei­ne Tausch­wa­re. Der Bund-Län­der-Finanz­aus­gleich und Auto­bahn­pri­va­ti­sie­rung haben im Grund­satz nichts mit ein­an­der nichts zu tun. Jede ein­zel­ne Ver­fas­sungs­än­de­rung soll­te für sich mehr­heits­fä­hig sein. Die Tür­kei wird von vie­len Sei­ten kri­ti­siert, weil sie sich von demo­kra­ti­schen und rechts­staat­li­chen Grund­sät­zen immer wei­ter ent­fernt. Bei der geplan­ten Ände­rung von 18 Ver­fas­sungs­ar­ti­keln der Tür­kei soll aber jeder Arti­kel ein­zeln dis­ku­tiert und abge­stimmt wer­den. Hier­zu­lan­de soll die Ände­rung von 14 Ver­fas­sungs­ar­ti­keln im Paket erfol­gen. Das ist for­mal und von den Mehr­heits­ver­hält­nis­sen even­tu­ell mög­lich, aller­dings könn­te die Glaub­wür­dig­keit der han­deln­den Poli­ti­ker nach innen und außen beschä­digt wer­den.

Ein gesell­schaft­li­cher Kon­sens für eine Grund­ge­setz­än­de­rung, kann abge­le­sen wer­den an:

  • Volks­ent­schei­den
  • Koali­ti­ons­ver­trä­gen
  • Mit­glie­der­ent­schei­den von Regie­rungs­par­tei­en
  • Par­tei­tags­be­schlüs­se der Regie­rungs­par­tei­en mit sta­bi­len Mehr­hei­ten
  • brei­ten gesell­schaft­li­chen Debat­ten, die eine weit­ge­hen­de Über­ein­stim­mung auf­zei­gen
  • reprä­sen­ta­ti­ven Mei­nungs­um­fra­gen.

Mehr ÖPP im Bereich von Schu­len und Kitas?

Die geplan­te GG-Ände­rung wei­tet in Form von geziel­ter För­de­rung von ÖPP Pri­va­ti­sie­run­gen im Bereich kom­mu­na­ler Bil­dungs­in­fra­struk­tur aus. Nach Arti­kel 104b GG soll fol­gen­der Arti­kel 104c ein­ge­fügt wer­den:

Der Bund kann den Län­dern Finanz­hil­fen für gesamt­staat­lich bedeut­sa­me Inves­ti­tio­nen der finanz­schwa­chen Gemein­den und Gemein­de­ver­bän­de im Bereich der kom­mu­na­len Bil­dungs­in­fra­struk­tur gewäh­ren. Arti­kel 104b Absatz 2 und 3 gel­ten ent­spre­chend.“

Das dazu­ge­hö­ri­ge Begleit­ge­setz legt dann fest, dass ÖPP för­der­fä­hig ist. Dort heißt es im Absatz 2:

För­der­fä­hig sind auch Inves­ti­ti­ons­vor­ha­ben, bei denen sich die öffent­li­che Ver­wal­tung zur Erle­di­gung der von ihr wahr­zu­neh­men­den Auf­ga­ben über den Lebens­zy­klus des Vor­ha­bens eines Pri­va­ten im Rah­men einer ver­trag­li­chen Zusam­men­ar­beit bedient. Dabei kann sie dem pri­va­ten Ver­trags­part­ner für den inves­ti­ven Kos­ten­an­teil des Vor­ha­bens eine ein­ma­li­ge Vor­ab­fi­nan­zie­rung gewäh­ren – im Fol­gen­den Vor­ab­fi­nan­zie­rungs-ÖPP (Öffent­lich Pri­va­te Part­ner­schaft).“

Eine sol­che Aus­wei­tung von ÖPP im Bil­dungs­be­reich durch die zwei­stu­fi­ge Kas­ka­de Grund­ge­setz-Begleit­ge­setz könn­te die öffent­li­chen Mit­tel beschrän­ken statt sie wie inten­diert aus­zu­wei­ten. Für zahl­rei­che Schul-ÖPP-Pro­jek­te lie­gen Prüf­be­rich­te der Rech­nungs­hö­fe vor, die bele­gen, dass die­se Pro­jek­te deut­lich teu­rer sind als ver­gleich­ba­re öffent­lich durch­ge­führ­te Vor­ha­ben. Die Mehr­kos­ten gehen in sol­chen Fäl­len den Infra­struk­tu­ren und somit der Daseins­vor­sor­ge ver­lo­ren, man kann in der Sum­me weni­ger bau­en statt mehr.

Wel­che Vor­tei­le haben die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger durch die Auto­bahn­re­form?

Auto­bahn­brü­cken ver­fal­len, zahl­rei­che Bau­stel­len behin­dern den Ver­kehr – wird das durch die Auto­bahn­re­form bes­ser? Zwei­fel sind ange­bracht. Dabei gibt es zwei Mög­lich­kei­ten, wie es für die All­ge­mein­heit ungüns­tig ver­lau­fen könn­te:

  1. Wenn die zen­tra­le Infra­struk­tur­ge­sell­schaft alles selbst machen soll, muss eine Mam­mut­be­hör­de kom­plett neu errich­tet wer­den. Man wird auch neue regio­na­le Satel­li­ten­ge­sell­schaf­ten benö­ti­gen, um die Arbeit der Bun­des­be­hör­de vor Ort erle­di­gen zu kön­nen. Gleich­zei­tig wer­den die Län­der für die Ver­wal­tung der bei ihnen ver­blei­ben­den Bun­des­stra­ßen ihre Län­der­ge­sell­schaf­ten wei­ter­hin betrei­ben. Es ent­ste­hen teu­re Dop­pel­struk­tu­ren. Ob es also ins­ge­samt — nach einer belas­ten­den und teu­ren Umbau­pha­se von ver­mut­lich 10 Jah­ren — eine effi­zi­en­te­re Struk­tur geben wird, steht in den Ster­nen.
  2. Hält man die neue Infra­struk­tur­ge­sell­schaft hin­ge­gen schlank, muss der Groß­teil der Leis­tun­gen schon auf die­ser Ebe­ne pri­va­ti­siert wer­den. Man müss­te zahl­rei­che pri­va­te Betrei­ber, Pla­ner und Pro­jekt­ge­sell­schaf­ten ein­be­zie­hen. Es könn­te ähn­lich wie bei der DB AG (der­zeit ca. 950 Toch­ter­ge­sell­schaf­ten) ein intrans­pa­ren­tes Fir­men­ge­flecht ent­ste­hen, des­sen Pro­fi­te sich aus Steu­ern und Gebüh­ren gene­rie­ren.

Für den Ver­wal­tungs­um­bau wäre das Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um zustän­dig. Ob dort die erfor­der­li­che Kom­pe­tenz vor­liegt, darf in Fra­ge gestellt wer­den. Die Umstän­de und das Ergeb­nis der Ver­wal­tungs­re­form des Was­ser- und Schiff­fahrts­amts durch das Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um wur­den bereits breit kri­ti­siert. Für die neue, wesent­lich grö­ße­re Reform wur­de noch nicht ein­mal ein Kon­zept vor­ge­legt.

Die Bun­des­län­der prä­sen­tie­ren die zusätz­li­chen 9,75 Mrd. Euro als einen spür­ba­ren Mehr­wert für Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. Dabei han­delt es sich aber nicht um zusätz­li­ches Geld. Ob die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger am Ende aus der Steu­er­geld-Rocha­de einen Vor­teil haben, hängt davon ab, wo infol­ge der jähr­lich an die Län­der abzu­ge­ben­den 9,75 Mrd. Euro beim Bund gekürzt wer­den soll. Bereits heu­te inves­tiert der Bund deut­lich zu wenig in die Infra­struk­tu­ren der Daseins­vor­sor­ge, nun hat er  ins­ge­samt weni­ger Geld zur Ver­fü­gung, über­nimmt aber zusätz­li­che Auf­ga­ben im Bereich der Auto­bahn­ver­wal­tung.

ÖPP ist Pri­va­ti­sie­rung

Dass ÖPP eine Form von Pri­va­ti­sie­rung ist, ist schon län­ger Stand der wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur. Nichts­des­to­trotz wird die­ser Umstand zuwei­len igno­riert. Fol­gen­de Merk­ma­le machen den Pri­va­ti­sie­rungs­cha­rak­ter von ÖPP deut­lich: Die Infra­struk­tur der Daseins­vor­sor­ge wird mit ÖPP-Ver­trä­gen zu einem Finanz­pro­dukt. Das Eigen­ka­pi­tal der ÖPP-Pro­jekt­ge­sell­schaf­ten kann wei­ter­ver­kauft wer­den. In Groß­bri­tan­ni­en wur­den bereits für 20 Mrd. Euro Antei­le an den ÖPP-Pro­jek­ten wei­ter­ver­kauft, ein rele­van­ter Anteil davon an Fir­men mit dem Sitz in den Steu­er­oa­sen. Eine Stu­die der European Ser­vices Stra­te­gy Unit (ESSU) zeigt, dass Infra­struk­tur­fonds mit dem Sitz in Steu­er­oa­sen mitt­ler­wei­le an 74% der 735 aktu­el­len ÖPP-Pro­jek­te Groß­bri­tan­ni­ens betei­ligt sind. Allein die fünf größ­ten die­ser Fonds mach­ten 2011–2015 rund 2,1 Mil­li­ar­den Euro Gewin­ne, die laut ESSU nicht in Groß­bri­tan­ni­en besteu­ert wur­den.[5]

Ent­schei­den­de Rech­te am öffent­li­chen Eigen­tum wer­den bei ÖPP an die pri­va­ten Part­ner über­tra­gen. Dazu ver.di:

Nicht der Eigen­tü­mer, son­dern der Stra­ßen­bau­last­trä­ger und der Nut­zungs­be­rech­tig­te (sie­he ASFI­NAG) ent­schei­det über das Schick­sal der Stra­ße, ihre Nut­zung und ihre Ver­än­de­rung. Die ver­fas­sungs­recht­li­che Garan­tie in Absatz 1 trifft des­halb letzt­lich nur das zivil­recht­li­che „Restei­gen­tum“, das trotz der Wid­mung und nach der Nut­zungs­über­tra­gung noch übrig bleibt. Eigen­tum und durch die Unver­äu­ßer­lich­keit bewirk­te Eigen­tums­ga­ran­tie schüt­zen somit nicht vor einer weit­ge­hen­den Pri­va­ti­sie­rung der Stra­ßen bzw. der staat­li­chen Auf­ga­be „Bereit­stel­lung von Bun­des­fern­stra­ßen“. Die Eigen­tums­ga­ran­tie in Arti­kel 90 Absatz 2 GG-E ist kei­ne hin­rei­chen­de ver­fas­sungs­recht­li­che Pri­va­ti­sie­rungs­schran­ke.”[6]

Bei ÖPP pla­nen, finan­zie­ren, bau­en, betrei­ben und ver­wer­ten pri­va­te Fir­men Schu­len, Kran­ken­häu­ser, Was­ser­be­trie­be und ande­re Ein­rich­tun­gen der Daseins­vor­sor­ge. Die Pri­va­ten tun dies mit öffent­li­chem Geld. Die zuvor pri­vat auf­ge­nom­me­nen Kre­di­te wer­den zuzüg­lich einer Ren­di­te vom öffent­li­chen Auf­trag­ge­ber in Raten zurück­ge­zahlt. ÖPPs haben stets die Form lang lau­fen­der, kre­dit­ähn­li­cher Rechts­ver­trä­ge. „Lang“ bedeu­tet im Fal­le von ÖPP 25 oder 30 Jah­re, gele­gent­lich auch 40 oder 50 Jah­re. Eine ordent­li­che Kün­di­gung ist zumeist nicht vor­ge­se­hen. Ins­ge­samt wird des­we­gen bei ÖPP auch von einer „funk­tio­na­len Pri­va­ti­sie­rung“ gespro­chen.[7]

Umge­hung von Schul­den­brem­se und Maas­tricht-Kri­te­ri­en mög­lich

Nach Aus­sa­ge des BRH wäre mit der Grund­ge­setz­re­form eine Umge­hung der Schul­den­brem­se mög­lich:

Die Kre­di­te der Ver­kehrs­in­fra­struk­tur­ge­sell­schaft, sofern die­se selbst­stän­di­ger Rechts­trä­ger ist, wer­den bei der Berech­nung der zuläs­si­gen Neu­ver­schul­dung nicht berück­sich­tigt. Da zur Ermitt­lung der Kre­dit­gren­ze die Ein­nah­men und Aus­ga­ben um finan­zi­el­le Trans­ak­tio­nen berei­nigt wer­den, könn­te der Bund Kre­di­te auf­neh­men und mit die­sem Geld das Eigen­ka­pi­tal der Ver­kehrs­in­fra­struk­tur­ge­sell­schaft erhö­hen. Der Bund könn­te damit lau­fen­de Ver­lus­te, die durch zu hohe Auf­wen­dun­gen (z. B. für Per­so­nal- oder Instand­hal­tung) ent­stan­den sind, durch Ein­zah­lun­gen ins Eigen­ka­pi­tal aus­glei­chen, ohne dass sich dies auf die Neu­ver­schul­dung aus­wirkt.“

Auch eine Umge­hung der Maas­tricht-Kri­te­ri­en wäre mög­lich, wenn die Steue­rungs- und Kon­troll­mög­lich­kei­ten des Bun­des und der Ein­fluss des Par­la­men­tes auf die Ent­schei­dun­gen der Ver­kehrs­in­fra­struk­tur­ge­sell­schaft gering wäre. Das ver­an­lasst die Rech­nungs­hö­fe, hin­sicht­lich der Aus­ge­stal­tung einer Ver­kehrs­in­fra­struk­tur­ge­sell­schaft fol­gen­de War­nung aus­zu­spre­chen:

Der Bun­des­be­auf­trag­te sowie die Prä­si­den­tin­nen und Prä­si­den­ten der Rech­nungs­hö­fe der Län­der sind der Auf­fas­sung, dass die Grün­dung der Ver­kehrs­in­fra­struk­tur­ge­sell­schaft nicht dem Ziel die­nen darf, Schul­den aus den Kern­haus­hal­ten des Bun­des aus­zu­la­gern und die Schul­den­gren­zen zu umge­hen.“

Schul­den für Ein­rich­tun­gen der öffent­li­chen Daseins­vor­sor­ge soll­ten voll­stän­dig und trans­pa­rent in den öffent­li­chen Haus­hal­ten dar­ge­stellt wer­den.

Anmer­kun­gen:

[1] BRH-Gut­ach­ten zu Orga­ni­sa­ti­ons­for­men und Finan­zie­rungs-Vari­an­ten für  die Bun­des­fern­stra­ßen Gz.V 3–2015-1068,  Bonn, den 30. November2016 https://www.gemeingut.org/bundesrechnungshof-warnt-in-neuem-gutachten-vor-autobahnprivatisierung-per-oepp/

[2] Her­mes / Weiß / Beckers (6.12.16): Kurz­gut­ach­ten im Auf­trag des ZDB, „Ver­hin­dert der Vor­schlag der Bun­des­re­gie­rung vom 24.11.2016 zur Neu­fas­sung des Art. 90 GG eine Pri­va­ti­sie­rung der Bun­des­au­to­bah­nen?“

[3]  Sie­he auch Ber­li­ner Was­ser­tisch, Klär­werk-Info Nr. 3, http://blog.klaerwerk-berlin.net/wp-content/uploads/2012/01/KlaerwerkNr3.pdf

[4] Lehr­stuhl für Infra­struk­tur-und Immo­bi­li­en­ma­nage­ment der TU Braunschweig(2.3.2016): Bericht zum For­schungs­vor­ha­ben „ÖPP- Infra­struk­tur­pro­jek­te und Mit­tel­stand“, http://www.zdb.de/zdb-cms.nsf/res/TUBS_Forschungsbericht_ZDB.pdf/$file/TUBS_Forschungsbericht_ZDB.pdf

[5] Henn (2016): Netz­werk Steu­er­ge­rech­tig­keit, Blog Steu­er­ge­rech­tig­keit,  „Sit­zen unse­re Auto­bah­nen auch bald in Steu­er­oa­sen?“, http://steuergerechtigkeit.blogspot.de/2016/11/sitzen-unsere-autobahnen-auch-bald-in.html

[6]  Ver.di-Stellungnahme zum Ent­wurf eines Geset­zes zur Ände­rung des Grund­ge­set­zes (Arti­kel 74, 90, 91c, 104b, 104c, 107, 108, 109a, 114, 125c, 143d, 143e, 143f, 143g) sowie zum Ent­wurf eines Begleit­ge­set­zes zur Neu­re­ge­lung des bun­des­staat­li­chen Finanz­aus­gleichs­sys­tems ab dem Jahr 2020 und zur Ände­rung haus­halts­recht­li­cher Vor­schrif­ten: https://www.daserste.de/information/ wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/kritik-verdi-autobahnprivatisierung-100.pdf

[7] Thie­le, Waß­muth (2016): Aktu­el­le Ent­wick­lun­gen bei der Pri­va­ti­sie­rung der Daseins­vor­sor­ge in Deutsch­land mit beson­de­rem Fokus auf Bun­des­fern­stra­ßen, Stu­die im Auf­trag der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung und der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di, www.gemeingut.org/privatisierungsstudie

Ein Kommentar »

  • Nero sagt:

    Wie soll man da freund­lich blei­ben ?

    Der gan­ze Deal ist offen­bar von lan­ger Hand still und heim­lich geplant und zwi­schen den diver­sen zukünf­ti­gen Nutz­nie­ßern und den wei­sungs­ab­hän­gi­gen Fach­leu­ten in den Minis­te­ri­en bis ins letz­te Detail geplant, trick­reich aus­ge­ar­bei­tet und eng ter­mi­niert wor­den.

    Bemer­kens­wert an die­sem groß­an­ge­leg­ten rein pro­fit­ori­en­tier­ten Angriff auf die öffent­li­che Infra­struk­tur, die zur finan­zi­el­len Aus­schlach­tung frei­ge­ge­ben wird, ist die legis­la­ti­ve Chuz­pe der exe­ku­ti­ven Minis­ter, die das ange­lei­ert haben :
    Man scheut sich nicht, vom Par­la­ment mal schnell das Grund­ge­setz ändern zu las­sen, nur damit aus­ge­such­te pri­va­te Fir­men ihre stre­cken­be­zo­ge­ne, völ­lig risi­ko­freie (weil staat­lich garan­tier­te) Super­ren­di­te ein­fah­ren kön­nen.

    Wer hat denn da einen Amts­eid geschwo­ren ?

Kommentar hinterlassen:

Hinterlasse dein Kommentar. Du kannst die Kommentare auch via RSS abonnieren.

Sei freundlich. Bleib beim Thema. Kein Spam.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.