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Gro­ße Koali­ti­on will Gemein­we­sen umfor­men zuguns­ten von Kapi­tal­an­le­gern

21 Februar 2018

Alli­anz-Adler in neu­em Kon­text: Pro­test gegen Auto­bahn­pri­va­ti­sie­rung, Bild: Chris Gro­dotz­ki

von Carl Waß­muth

Mit der Neu­auf­la­ge der Gro­ßen Koali­ti­on droht die Umfor­mung des Gemein­we­sens. Unter dem Deck­man­tel der “Inves­ti­tio­nen” erwar­ten uns mas­si­ve for­mel­le, funk­tio­nel­le und mate­ri­el­le Pri­va­ti­sie­run­gen. Wir haben den Ent­wurf für den Koali­ti­ons­ver­trag auf sei­ne ver­steck­ten Pri­va­ti­sie­rungs­plä­ne unter­sucht. Man fin­det sie bei genau­em Hin­schau­en an vie­len Stel­len.

Öffent­lich-Pri­va­te Part­ner­schaf­ten

3393 Wir wer­den die noch nicht fer­tig­ge­stell­ten Öffent­lich-Pri­va­ten Part­ner­schaf­ten der
3394 1.–3. Staf­fel rea­li­sie­ren, wenn deren Wirt­schaft­lich­keit auf Basis der mit dem Bun­des-
3395 rech­nungs­hof abge­stimm­ten Regu­la­ri­en trans­pa­rent nach­ge­wie­sen wor­den ist.

Kom­men­tar GiB: Von den ÖPP-Pro­jek­ten der 3. Staf­fel ist fast noch nichts ver­ge­ben, man könn­te ein­fach aus­stei­gen. Die ÖPP-Lob­by jubelt schon:

Am 07.02.2018 haben sich CDU/CSU und SPD auf einen gemein­sa­men Koali­ti­ons­ver­trag geei­nigt. Der vor­lie­gen­de Ent­wurf sieht vor, den Inves­ti­ti­ons­hoch­lauf für die Ver­kehrs­in­ves­ti­tio­nen min­des­tens auf dem heu­ti­gen Niveau fort­zu­füh­ren. Die noch nicht fer­tig­ge­stell­ten Öffent­li­chen-Pri­va­ten Part­ner­schaf­ten der 3. Staf­fel sol­len rea­li­siert wer­den.“ (Quel­le: PSPC GmbH)

Kein Wun­der freu­en die sich — das sind noch­mal 15 Mrd. Euro Auf­trags­vo­lu­men. Also vol­le Bücher für die nächs­ten 10 Jah­re! Und das sind nur die offi­zi­el­len Zah­len, also ohne die ÖPP-typi­schen Kos­ten­stei­ge­run­gen. Was sol­che Kos­ten­stei­ge­run­gen bedeu­ten, wird man bald näher erfah­ren (müs­sen): Am 18. Mai 2018 fin­det in Han­no­ver ein Gerichts­ter­min in Sachen ÖPP-Ver­trags­neh­mer A1 mobil GmbH ver­sus Steu­er­zah­len­de statt. Die Nach­for­de­run­gen der Pri­va­ten lie­gen bei knapp einer Mil­li­ar­de Euro. In nur einem Pro­jekt! Und steht zu ÖPP im Ent­wurf für den Koali­ti­ons­ver­trag? „Bedin­gung <Wirt­schaft­lich­keit trans­pa­rent nach­wei­sen> ein­hal­ten“. Das gab es noch bei kei­ner Auto­bahn-ÖPP! Wenn das der neue Grund­satz ist, wäre es flä­chen­de­ckend aus mit ÖPP. Aber sicher gibt es eine ganz eige­ne Aus­le­gung von “trans­pa­rent nach­wei­sen” … Und da ist sie auch schon:

3396 Die Wirt­schaft­lich­keits­un­ter­su­chung und die Kon­zes­si­ons­ver­trä­ge wer­den wir nach
3397 Ver­ga­be bei Zustim­mung des Kon­zes­si­ons­neh­mers im Inter­net ver­öf­fent­li­chen.

Kom­men­tar GiB: Also erst ver­ge­ben — dann ver­öf­fent­li­chen. Damit eine genaue­re Prü­fung der Wirt­schaft­lich­keits­un­ter­su­chung ja nicht dazu führt, dass doch kei­ne ÖPP gemacht wird! Und wenn der Kon­zes­si­ons­neh­mer nicht will, dann ver­öf­fent­licht man eben doch nicht. Dabei könn­te man so eine Ver­öf­fent­li­chung zur Bedin­gung der Aus­schrei­bung machen.

Auto­bahn-Pri­va­ti­sie­rung

Zur Infra­struk­tur­ge­sell­schaft Ver­kehr, der neu zu errich­ten­den GmbH für künf­ti­ge Auto­bahn­pri­va­ti­sie­rung und einer mög­li­chen künf­ti­gen Maut­ge­büh­ren-Abzo­cke hat man sich auf Fol­gen­des geei­nigt:

3399 Den Auf­bau der Infra­struk­tur­ge­sell­schaft Ver­kehr wer­den wir unter Ein­bin­dung der
3400 Gewerk­schaf­ten und Per­so­nal­rä­te bei den Orga­ni­sa­ti­ons­ent­schei­dun­gen eng
3401 beglei­ten. Die Mög­lich­keit, die Plan­fest­stel­lung wei­ter­hin durch die Län­der
3402 durch­füh­ren zu kön­nen, ist rechts­si­cher aus­zu­ge­stal­ten.

Kom­men­tar GiB: Was soll das hei­ßen … eng beglei­ten …? Dahin­ter steht weder etwas Rechts­ver­bind­li­ches noch etwas Trans­pa­ren­tes. Aber wei­ter:

449 Ver­kehr
450 — Wir inves­tie­ren auf Rekord­ni­veau in unse­re Infra­struk­tur. Fort­set­zung des
451 Inves­ti­ti­ons­hoch­laufs für die Infra­struk­tur. Pla­nungs­be­schleu­ni­gungs­ge­setz, u. a.
452 zur Ver­ein­fa­chung von Ver­fah­ren und Digi­ta­li­sie­rung von Pla­nen und Bau­en. […]

Kom­men­tar GiB: Die neue Infra­struk­tur-GmbH gibt es ja noch gar nicht, und sie wird es auch lan­ge nicht geben. Und wenn sie end­lich gegrün­det ist, wird sie lan­ge brau­chen, bis sie nen­nens­wert etwas ver­bau­en kann. Bei der öster­rei­chi­schen ASFI­NAG hat die Umstel­lung neun Jah­re gedau­ert. Die Fort­set­zung des Inves­ti­ti­ons­hoch­laufs für die Infra­struk­tur bedeu­tet also noch mehr ÖPP-Pro­jek­te, denn dort schränkt die begrenz­te staat­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit die Bau­tä­tig­keit nicht ein. Fragt sich nur, zu wel­chem Preis und bei wel­cher Qua­li­tät.

Pri­va­tes Kapi­tal för­dern

Im Ent­wurf für den Koali­ti­ons­ver­trag gibt es vie­le Hin­wei­se dar­auf, dass (auch) pri­va­tes Kapi­tal geför­dert wer­den soll. Die Vor­schlä­ge ori­en­tie­ren sich weit­ge­hend an den unse­li­gen Ide­en der Fratz­scher-Kom­mis­si­on sowie von Pri­ce­wa­ter­house­Coo­pers pwc (bei­de von Sig­mar Gabri­el beauf­tragt):

1873 Wir wer­den die Inves­ti­ti­ons­be­reit­schaft in Wachs­tums­un­ter­neh­men erhö­hen und hier
1874 die rich­ti­gen Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen. Wir wol­len, dass Ide­en aus Deutsch­land
1875 auch mit Kapi­tal aus Deutsch­land finan­ziert wer­den kön­nen. Des­halb wol­len wir
1876 mehr pri­va­tes Kapi­tal sowie insti­tu­tio­nel­le Anle­ger für Inves­ti­tio­nen in Star­tups. Ge-
1877 mein­sam mit der deut­schen Indus­trie wol­len wir die Auf­la­ge eines gro­ßen natio­na­len
1878 Digi­tal­fonds initi­ie­ren.

Kom­men­tar GiB: “Wir wol­len mehr pri­va­tes Kapi­tal sowie insti­tu­tio­nel­le Anle­ger für Inves­ti­tio­nen in Star­tups” …, und was wollt ihr ihnen geben, damit sie tun, was ihr wollt? Steu­er­geld.

2455 1. Wirt­schaft
2456 Die deut­sche Wirt­schaft ist in guter Ver­fas­sung. Das Güte­sie­gel „Made in Ger­ma­ny“
2457 steht für alles, was die Wirt­schaft die­ses Lan­des aus­macht: Ide­en, Inno­va­tio­nen und
2458 Qua­li­tät. Damit das so bleibt, muss die Wirt­schaft durch Stär­kung von pri­va­ten und
2459 öffent­li­chen Inves­ti­tio­nen, durch Stär­kung der Inno­va­tio­nen und einen ver­bes­ser­ten
2460 Trans­fer der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se in hoch­wer­ti­ge Pro­duk­te und Ver­fah-
2461 ren, durch wei­te­re Moder­ni­sie­rung der Infra­struk­tur und geziel­te Qua­li­fi­ka­ti­on der Be-
2462 schäf­tig­ten zukunfts­fest gemacht wer­den.

Kom­men­tar GiB: “Stär­kung von pri­va­ten und öffent­li­chen Inves­ti­tio­nen”: Und was wollt ihr den pri­va­ten Inves­to­ren geben, um sie zu stär­ken? Steu­er­geld.

2844 Grün­dun­gen
2845 Wir för­dern die Grün­dungs­kul­tur in Deutsch­land und wol­len des­halb unse­re erfolg­rei-
2846 chen Pro­gram­me wie EXIST fort­füh­ren. Wir schaf­fen Struk­tu­ren, die Neu­grün­dun­gen
2847 und Nach­fol­ge in der Start- und Über­gangs­pha­se unter­stüt­zen. In der Start- und
2848 Über­gangs­pha­se wer­den wir die Büro­kra­tie­be­las­tung auf ein Min­dest­maß redu­zie-
2849 ren. In den ers­ten bei­den Jah­ren nach Grün­dung wer­den wir die Unter­neh­men von
2850 der monat­li­chen Vor­anmel­dung der Umsatz­steu­er befrei­en. Zudem wer­den wir die
2851 Bedin­gun­gen für Wag­nis­ka­pi­tal wei­ter ver­bes­sern. Antrags-, Geneh­mi­gungs- und
2852 Besteue­rungs­ver­fah­ren wer­den wir ver­ein­fa­chen. Ziel soll­te ein „One-Stop-Shop“
2853 sein. Wir brau­chen in Deutsch­land eine deut­li­che Aus­wei­tung des Volu­mens des
2854 Wag­nis­ka­pi­tal­mark­tes, um ins­be­son­de­re Unter­neh­men in der Wachs­tums­pha­se zu
2855 unter­stüt­zen. Des­halb wol­len wir die Ein­füh­rung steu­er­li­cher Anrei­ze zur Mobi­li­sie-
2856 rung von pri­va­tem Wag­nis­ka­pi­tal über die bis­he­ri­gen Maß­nah­men hin­aus prü­fen. An
2857 die­sen Wag­nis­ka­pi­tal­fi­nan­zie­run­gen sol­len sich Pri­vat­wirt­schaft, öffent­li­che Hand,
2858 KfW und euro­päi­sche Finanz­part­ner betei­li­gen.

Kom­men­tar GiB: “Die Büro­kra­tie­be­las­tung (für pri­va­tes Kapi­tal) auf ein Min­dest­maß redu­zie­ren” bedeu­tet wohl, die letz­ten Kon­trol­len für pri­va­tes Kapi­tal auch noch abzu­schaf­fen — damit Steu­er­flucht risi­ko­frei wird. ÖPP-Pro­jekt­ge­sell­schaf­ten haben in Groß­bri­tan­ni­en schon heu­te über­wie­gend ihren Sitz in Jer­sey, Guern­sey und Luxem­burg. Aber auch eini­ge der Inves­to­ren in deut­sche Auto­bahn-ÖPPs sind heu­te schon in Steu­er­oa­sen ansäs­sig. “Die Ein­füh­rung steu­er­li­cher Anrei­ze zur Mobi­li­sie­rung von pri­va­tem Wag­nis­ka­pi­tal” — also da steht es ja. Wozu um Him­mels wil­len, soll man pri­va­tes Wag­nis­ka­pi­tal mit Steu­er­geld anfüt­tern, damit sie noch ris­kan­ter anle­gen? Will jemand noch eine Finanz­kri­se her­auf­be­schwö­ren?

Neu­er Kolo­nia­lis­mus

3022 Wir wol­len das Außen­wirt­schafts­för­der­instru­men­ta­ri­um, ins­be­son­de­re in Bezug auf
3023 neue Märk­te und mit dem Schwer­punkt Afri­ka, wei­ter­ent­wi­ckeln. Wir neh­men be-
3024 wusst die Zukunfts­the­men des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents in den Fokus – Digi­ta­li­sie-
3025 rung, Inno­va­ti­on und Aus­bil­dung – und set­zen zu die­sem Zwe­cke das Eck­punk­te­pa-
3026 pier zur wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung Afri­kas um, u. a. durch die Stär­kung pri­va­ter
3027 Inves­ti­tio­nen, Her­mes-Bürg­schaf­ten und inno­va­ti­ver Finan­zie­rungs­in­stru­men­te.

Kom­men­tar GiB: Also, die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung Afri­kas benö­tigt sicher kei­ne “Stär­kung pri­va­ter Inves­ti­tio­nen, Her­mes-Bürg­schaf­ten und inno­va­ti­ver Finan­zie­rungs­in­stru­men­te”. Das genau ist doch, was sie seit vie­len Jahr­zehn­ten in die Schul­den­fal­le getrie­ben hat.

Kom­mu­na­le und ande­re öffent­li­che Unter­neh­men schwä­chen

Lyri­sche Wor­te oder loben­de Wor­te kön­nen nicht immer dar­über hin­weg­täu­schen, dass ein künf­ti­ger Ver­lust ange­kün­digt wird:

2522 Kom­mu­na­le und ande­re öffent­li­che Unter­neh­men sind wich­ti­ge Säu­len der Sozia­len
2523 Markt­wirt­schaft und der Daseins­vor­sor­ge. Sie bie­ten siche­re und gute Arbeit, stär­ken
2524 die regio­na­le Iden­ti­tät und sind unver­zicht­bar für die Bereit­stel­lung öffent­li­cher Güter.
2525 Sie sind von gro­ßer Bedeu­tung für die loka­le Wert­schöp­fung. Dabei muss die Wett-
2526 bewerbs­gleich­heit zwi­schen öffent­li­chen und pri­va­ten Unter­neh­men sicher­ge­stellt
2527 wer­den.

Kom­men­tar GiB: Die “Wett­be­werbs­gleich­heit zwi­schen öffent­li­chen und pri­va­ten Unter­neh­men” — das könn­te zum Bei­spiel bedeu­ten, dass der “Wett­be­werbs­vor­teil” man­cher öffent­li­cher Unter­neh­men, kei­ne Umsatz­steu­er zah­len zu müs­sen, geschlif­fen wird. Die­ser Vor­schlag stand schon mal im Zusam­men­hang mit dem “ÖPP-Erleich­te­rungs­ge­setz” 2009 auf der poli­ti­schen Agen­da, ist dann aber geschei­tert. Zu Recht. Aber die nächs­te Gro­ße Koali­ti­on könn­te es schaf­fen, die letz­ten noch funk­tio­nie­ren­den öffent­li­chen Unter­neh­men in den Ruin zu trei­ben — oder den Gebüh­ren­zah­len­den eine 19-pro­zen­ti­ge Steu­er­erhö­hung über­zu­hel­fen. Die Mehr­wert­steu­er ist eine sehr unso­zi­als­te Form der Steu­er­erhe­bung.

2529 Mit einem kohä­ren­ten Zusam­men­spiel von pri­va­ten und öffent­li­chen Inves­ti­tio­nen,
2530 einer Stär­kung der Inno­va­ti­ons­kraft der Unter­neh­men, dem geziel­ten Aus­bau moder-
2531 ner Infra­struk­tu­ren und einer Qua­li­fi­ka­ti­ons­of­fen­si­ve wol­len wir, dass Deutsch­land
2532 auch in den nächs­ten Jah­ren auf Wachs­tums­kurs bleibt und somit die Bedin­gun­gen
2533 für mehr Beschäf­ti­gung wei­ter ver­bes­sert wer­den

Kom­men­tar GiB: Das “kohä­ren­te Zusam­men­spiel von pri­va­ten und öffent­li­chen Inves­ti­tio­nen” — was könn­te das sein? Die öffent­li­chen Inves­ti­tio­nen wer­den über GmbHs abge­wi­ckelt, damit pri­va­te Inves­to­ren mit­ein­stei­gen kön­nen — um dann Zin­sen (bei Bank­kre­di­ten) und Ren­di­ten (bei Eigen­ka­pi­tal von Pri­va­ten und bei ÖPP) zu bekom­men. Geld, das dann spä­ter der Daseins­vor­sor­ge fehlt. Das zumin­dest ist es, was pwc Sig­mar Gabri­el im Gut­ach­ten emp­fiehlt. Und der hat noch nicht fer­tig, oder?

Ein Kommentar »

  • Hinweise des Tages | NachDenkSeiten – Die kritische Website sagt:

    […] Kom­men­tar GiB: Also erst ver­ge­ben – dann ver­öf­fent­li­chen. Damit eine genaue­re Prü­fung der Wirt­schaft­lich­keits­un­ter­su­chung ja nicht dazu führt, dass doch kein ÖPP gemacht wird! Und wenn der Kon­zes­si­ons­neh­mer nicht will, dann ver­öf­fent­licht man eben doch nicht. Dabei könn­te man so eine Ver­öf­fent­li­chung zur Bedin­gung der Aus­schrei­bung machen. Quel­le: Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand […]

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