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Next Libra­ry®? This Libra­ry!

24 September 2018

Gast­bei­trag von Dr. Micha­el Roeder

Smart City – Smart Libra­ry – Next Libra­ry®

Vom 12. bis zum 15. Sep­tem­ber fand in einem eigens auf­ge­bau­ten Kon­fe­renz­cam­pus vor der Ame­ri­ka-Gedenk­bi­blio­thek die Next Libra­ry® Con­fe­rence 2018 statt. “Next Libra­ry®” ist eine ein­ge­tra­ge­ne Waren­mar­ke der Aar­hus Kom­mu­nes Biblio­te­ker. Bei der geschütz­ten Ware soll es sich um die Biblio­thek der Zukunft han­deln.

Smart City

Vol­ker Hel­ler, Vor­stand und Manage­ment­di­rek­tor der Stif­tung Zen­tral- und Lan­des­bi­blio­thek Ber­lin (ZLB), nach eige­nem Ver­ständ­nis “Biblio­theks­ma­cher“ (1), füh­ren­der Kopf des Next Libra­ry® Con­fe­rence Ber­lin 2018 Teams, wies in einem Inter­view zur Vor­be­rei­tung der Kon­fe­renz nach­drück­lich auf den engen Zusam­men­hang zwi­schen der von ihm anvi­sier­ten Biblio­thek der Zukunft und dem Kon­zept der Smart City hin (S. 56). Daher zunächst: Wor­um geht es bei der Smart City?

Die Smart City-Stra­te­gie Ber­lin (April 2015) umreißt auf S. 3 Aus­gangs­punkt und Ziel ihres Kon­zepts fol­gen­der­ma­ßen:

Wie vie­le Metro­po­len welt­weit steht auch Ber­lin vor ver­schie­de­nen Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft: Die wach­sen­de Stadt […] verlang[t] nach […] Lösungs­an­sät­zen. Der Smart City-Ansatz zielt dar­auf, mit intel­li­gen­ter Tech­nik Lösun­gen für die öko­lo­gi­schen, sozia­len, öko­no­mi­schen und kul­tu­rel­len Her­aus­for­de­run­gen Ber­lins zu fin­den.“ Das End­ergeb­nis, die hoch­ent­wi­ckel­te Smart City, könn­te dann so aus­se­hen: „Die gesam­te städ­ti­sche Umge­bung ist mit Sen­so­ren ver­se­hen, die sämt­li­che erfass­ten Daten in der Cloud ver­füg­bar machen. So ent­steht eine per­ma­nen­te Inter­ak­ti­on zwi­schen Stadt­be­woh­nern und der sie umge­ben­den Tech­no­lo­gie. Die Stadt­be­woh­ner wer­den so Teil der tech­ni­schen Infra­struk­tur einer Stadt.“ (Wiki­pe­dia: Smart City)

Im End­sta­di­um wären die Smart City-Bewoh­ner glä­ser­ne Men­schen, die der digi­ta­len Tech­nik der Ver­wal­tung Infor­ma­tio­nen geben, um im Gegen­zug von ihr über­wacht und gesteu­ert zu wer­den (also eine rein tech­ni­sche Inter­ak­ti­on).

Möch­ten wir Bür­ger das wirk­lich? Und über­haupt: Von einem gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Gesichts­punkt aus muss man nach den Moti­ven der Poli­ti­ker fra­gen, die das Wachs­tum gro­ßer Städ­te för­dern und die die not­wen­di­ger­wei­se dar­aus ent­ste­hen­den Pro­ble­me dann steu­er­kos­ten­auf­wen­dig mit digi­ta­ler Tech­no­lo­gie lösen wol­len (Tech­nik­gläu­big­keit), statt sich um die Bele­bung von klei­ne­ren Kom­mu­nen zu küm­mern und sie lebens­wer­ter zu machen. Fol­ge­rich­tig wur­de das Smart City-Kon­zept in die­sem Jahr mit einem “Big Bro­ther Award” aus­ge­zeich­net.

Smart Libra­ry

Und was haben unse­re Biblio­the­ken nun mit die­ser Smart City zu tun? Deren Prot­ago­nis­ten schrei­ben den Biblio­the­ken sogar eine wesent­li­che Rol­le bei der Errei­chung ihres Ziels zu; so sol­len sie nach dem Wil­len des Senats-Stra­te­gie­pa­piers “Attrak­ti­ve Biblio­the­ken für die Metro­po­le Ber­lin” (Juli 2016, S. 2f.) zu “zen­tra­len Kno­ten­punk­ten einer Smart City” wer­den, wes­halb “in der Ent­wick­lung zur Smart City, dem inter­na­tio­nal flo­rie­ren­den Wirt­schafts- und Wis­sens­stand­ort und der impuls­ge­ben­den, krea­ti­ven und inte­gra­ti­ven Haupt­stadt, an der stra­te­gi­schen Pla­nung eines vor­bild­li­chen Sys­tems Öffent­li­cher Biblio­the­ken – in der Kom­bi­na­ti­on bezirk­li­cher Biblio­theks­net­ze und der ZLB – kein Weg vor­bei­führt“.
Wenn das alles so klappt, sind bis 2030 unse­re Stadt­bü­che­rei­en etwas ganz ande­res gewor­den: “Begeg­nungs­ort und öffent­li­ches Wohn- und Arbeits­zim­mer”, “Forum poli­ti­scher Par­ti­zi­pa­ti­on für die Kiez- und Metro­pol­ge­sell­schaft”, “metro­po­li­ta­ner ‘Pla­ce­ma­ker’ und Garant für die Attrak­ti­vi­tät der Stadt”, “Ort der Frei­zeit­ge­stal­tung” mit “‚Gaming‘-Angeboten”, “Ort des Will­kom­mens” und noch vie­les mehr. Da ist es nur kon­se­quent, dass in die­ser “Visi­on von einer moder­nen Biblio­thek” das Wort Buch nicht ein ein­zi­ges Mal vor­kommt, denn Bücher spie­len in die­sen Vor­stel­lun­gen fast kei­ne Rol­le mehr. (2)

Natür­lich sind in Zei­ten, in denen der Ein­per­so­nen­haus­halt (im Nor­den Euro­pas) der häu­figs­te Haus­halts­typ ist (3), Orte nötig, an denen man ohne Kon­sum­zwang ande­re tref­fen kann, mit­ein­an­der klö­nen, ein­fach zusam­men sein, Musik machen, den Kin­dern vor­le­sen, an Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen teil­neh­men uvm. Offen­bar gibt es die­se Orte viel zu wenig. Wenn also Poli­ti­ker und Stadt­ver­wal­tun­gen inso­fern etwas für ihre Bür­ger tun woll­ten, soll­ten sie viel mehr sozio­kul­tu­rel­le Zen­tren ermög­li­chen, vor­zugs­wei­se sol­che, die von den Bür­gern selbst ver­wal­tet wer­den. Aber war­um tun sie gera­de das nicht, son­dern bemü­hen sich gemein­sam mit soge­nann­ten Biblio­theks­ma­chern, die Biblio­the­ken ihrer Kern­auf­ga­ben zu berau­ben? Das obi­ge Stra­te­gie­pa­pier gibt eine ers­te Ant­wort: In ihm kom­men die Bür­ger mit ihren eigent­li­chen Wün­schen und Bedürf­nis­sen näm­lich über­haupt nicht vor, dafür wird an ers­ter Stel­le als Nutz­nie­ßer der Smart Libra­ry der „inter­na­tio­nal flo­rie­ren­de Wirt­schafts­stand­ort“ genannt, das heißt, es geht bei der Umwand­lung dar­um, die Biblio­the­ken als Mit­tel im Kon­kur­renz­kampf der Metro­po­len unter­ein­an­der ein­zu­set­zen.

Wei­te­re Zie­le von Poli­tik und Ver­wal­tung bei der Schaf­fung von Smart Libra­ries

Bli­cken wir auf eini­ge schon jetzt sicht­ba­re Ver­än­de­run­gen in unse­ren Bezirks­bi­blio­the­ken – ver­ur­sacht unter ande­rem durch die vom Senat vor­ge­ge­be­ne Kos­ten-Leis­tungs-Rech­nung – und auf von Poli­ti­kern geäu­ßer­te Absich­ten: stark gelich­te­te Rega­le, weil Bücher wegen gerin­ge­rer Aus­lei­he weg­ge­wor­fen wer­den; vor­wie­gend Anschaf­fung von Rat­ge­bern und Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur, dar­un­ter ins­be­son­de­re Best­sel­ler, zur “Grund­ver­sor­gung”; Instal­la­ti­on von über­flüs­si­gen Infor­ma­ti­ons­mo­ni­to­ren “zur Inspi­ra­ti­on der Besu­che­rin­nen und Besu­cher” sowie Gaming-Zonen mit Spie­le­kon­so­le inklu­si­ve Vir­tu­al-Rea­li­ty-Bril­le, wo Erwach­se­ne “ein­fach und kos­ten­los vir­tu­el­le Wel­ten erfah­ren” und dabei “ihre Scheu ver­lie­ren” kön­nen, “denn dies ist die Zukunft”. (4)

Dar­aus kann man schon able­sen, was mit der Smart Libra­ry auf uns Bür­ger zukommt:

  • geziel­te Absen­kung des Ange­bots vor Ort, also bewuß­te intel­lek­tu­el­le Ver­fla­chung der Bezirks­bi­blio­the­ken (“Grund­ver­sor­gung”)
  • die Ver­nich­tung von Bestand aus vor­wie­gend sta­tis­ti­schen Grün­den (Kos­ten-Leis­tungs-Rech­nung) stellt eine Ver­schleu­de­rung von Volks­ver­mö­gen dar
  • die­se Ver­nich­tung zusam­men mit der beschränk­ten Anschaf­fungs­pra­xis bedeu­tet eine Kos­ten­ab­wäl­zung auf uns Nut­zer, denn wer mehr möch­te, muss aus ande­ren Büche­rei­en aus­lei­hen, was seit August 2017 auch inner­halb des eige­nen Bezirks drei Euro je Medi­um kos­tet
  • durch die Umwand­lung der Biblio­the­ken zu Frei­zeit­hei­men spart man sich sozio­kul­tu­rel­le Zen­tren, ins­be­son­de­re sol­che, die selbst­ver­wal­tet sind und damit nur beschränkt der behörd­li­chen Kon­trol­le unter­lie­gen
  • Gewöh­nung der Bür­ger an umfas­sen­de Digi­ta­li­sie­rung, denn die größ­te Her­aus­for­de­rung bei der Eta­blie­rung der Smart City sind die Men­schen, beson­ders der Teil von ihnen, der nicht wil­lens oder “in der Lage ist, Online-Trans­ak­tio­nen zu machen” (5).
  • hin­zu kommt: Pri­va­ti­sie­rung des Bestands­auf­baus zuguns­ten von Groß­un­ter­neh­men (ekz oder Hugen­du­bel) zulas­ten qua­li­fi­zier­ter Biblio­theks­mit­ar­bei­ter und des ört­li­chen Buch­han­dels – und sowie­so ohne Ein­be­zie­hung der Nut­zer.

Und der Blick auf Dokk1 in Aar­hus lässt erah­nen, was in nächs­ter Zeit unse­re Biblio­the­ken und deren Beschäf­tig­te noch zu erwar­ten haben: Umwand­lung in fach­frem­de Ser­vice­sta­tio­nen, die Per­so­nal­aus­wei­se ver­län­gern, über Zahn­hy­gie­ne infor­mie­ren, Kita­plät­ze ver­ge­ben, Bau­ge­neh­mi­gun­gen ertei­len, 3D-Dru­ckern aus­lei­hen und so wei­ter – vie­les davon heut­zu­ta­ge Auf­ga­ben der Bür­ger­äm­ter und ande­rer Abtei­lun­gen der Ver­wal­tung, in Zukunft dann, nach einem rie­si­gen Ratio­na­li­sie­rungs­schritt, Haupt­auf­ga­be der Smart Libra­ries.

Was geht dadurch ver­lo­ren?

Ver­lo­ren gehen die Kern­auf­ga­ben der Biblio­thek: ein Ort zu sein, der uns Bür­gern Infor­ma­ti­ons-, Wis­sens- und Bil­dungs­an­ge­bo­te fach­li­cher und lite­ra­ri­scher Art macht, und zwar in Form eines reich­be­stück­ten Medi­en­be­stan­des in Frei­hand­auf­stel­lung und durch qua­li­fi­zier­te digi­ta­le Ange­bo­te.

Next Libra­ry®

Next Libra­ry® Con­fe­rence Ber­lin 2018 – Inter­na­tio­na­le Zukunfts­kon­fe­renz für Öffent­li­che Biblio­the­ken scheint die Speer­spit­ze der Smart Libra­ry-Bewe­gung zu sein. Man ver­steht sich selbst als eine inter­na­tio­na­le Gemein­schaft von “vor­wärts­den­ken­den Biblio­theks­fach­leu­ten, Erneue­rern und Ent­schei­dern, die Gren­zen über­schrei­ten und Ände­run­gen her­bei­füh­ren zuguns­ten des Ler­nens (6) im 21. Jahr­hun­dert””. Und über die­se Ver­an­stal­tung der “Biblio­theks­füh­rer und -erneue­rer aus welt­weit 96 Staa­ten” heißt es, sie sei “mehr als eine Kon­fe­renz; es ist eine Gemein­schaft” (eig. Übers.).

Wenn man davon aus­geht, dass Kon­fe­renz bedeu­tet, dass dort vor allem Bespre­chun­gen, Dis­kus­sio­nen unter­schied­li­cher Stand­punk­te, Bera­tun­gen und Erfah­rungs­aus­tausch statt­fin­den, dann sah man schon nach einem Blick auf das Pro­gramm bestä­tigt, dass die­se Ver­an­stal­tung tat­säch­lich kei­ne Kon­fe­renz war, son­dern ein Gemein­schafts­er­leb­nis, das auf einen gemein­sa­men Kurs ein­stim­men soll­te: Auf zwei Tage ver­teilt, fan­den in sechs Blö­cken 33 inter­ak­ti­ve Work­shops (Par­al­lel Ses­si­ons) statt sowie  48 Kurz­prä­sen­ta­tio­nen (Igni­te Talks: je fünf Minu­ten lang, beglei­tet von 20 Foli­en im 15-Sekun­den-Takt; Mot­to: “Beleh­re uns, aber faß dich kurz!“). Hin­zu kam an vier Tagen je ein Impuls­vor­trag (Key­note) zur Ein­stim­mung:

Impuls­vor­trag David Lan­kes (Pro­fes­sor für Biblio­theks­wis­sen­schaf­ten, Direk­tor der School of Libra­ry and Infor­ma­ti­on Sci­ence der Uni­ver­si­ty of South Carolina/USA – als Video­auf­zeich­nung: A Mani­festo for Glo­bal Libra­ri­anship).
In sei­nem Brief an eine Alt­be­kann­te beschrieb er – als Vor­be­rei­tung die­ser Kon­fe­renz – die Biblio­the­ka­re der Zukunft: Ihre Auf­ga­be “soll­te nicht sein, alles zu sam­meln, was unse­re Gesell­schaft braucht, son­dern eine klü­ge­re, bewuss­te­re und offe­ne­re Gesell­schaft in die Welt zu ent­sen­den”. Die Biblio­thek der Zukunft wür­de “Motor der Ver­än­de­rung der Welt zum Bes­se­ren” sein und ihre Biblio­the­ka­re “enga­gier­te Bera­ter, die der Gesell­schaft hel­fen, klü­ge­re Ent­schei­dun­gen zu tref­fen”. Sein Fazit: “Die Gesell­schaft braucht uns, denn es gibt nur wenig ande­re, die ihr hel­fen kön­nen.” – Biblio­the­ka­re als Welt­ver­bes­se­rer: das wirft eine Men­ge Fra­gen auf, zum Bei­spiel: Wer bil­det sie dazu aus? Mit wel­chem poli­ti­schen Stand­punkt? Wen sol­len sie bera­ten? Gegen wen? Wes­sen Ent­schei­dun­gen sind offen­bar nicht klug genug? Und dann natür­lich: War­um sol­len sie nicht das sam­meln, “was unse­re Gesell­schaft braucht” und was dann Biblio­theks­be­su­cher selbst nut­zen kön­nen, um eine bes­se­re Gesell­schaft nach ihren eige­nen Vor­stel­lun­gen zu schaf­fen? Soll die­sen ihre poli­ti­sche Akti­vi­tät aus der Hand genom­men wer­den, und sol­len sie ver­trau­ens­voll abwar­ten, dass Biblio­the­ka­re „eine klü­ge­re Gesell­schaft in die Welt ent­sen­den”? Wo bleibt da der mün­di­ge Bür­ger?

Impuls­vor­trag Nina Simon (Direk­to­rin des Muse­um of Art and Histo­ry, San­ta Cruz/USA)
Ihr Anlie­gen ist Par­ti­zi­pa­ti­on (Teil­ha­be). Die Pro­gramm­lei­ter der Kon­fe­renz, T. Leik und J. Pran­ke, resü­mier­ten ihren Stand­punkt für die Kon­fe­renz dahin­ge­hend, dass “Biblio­the­ken als Kul­tur- und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen Orte [sind], an denen Demo­kra­tie immer wie­der neu ein­ge­übt wird” (S. 11). – Geht es ihr um Demo­kra­tie in der Biblio­thek (Bestands­auf­bau, inne­re Aus­ge­stal­tung)? Die ist schon lan­ge fäl­lig in Form von Mit­spra­che der Nut­zer. Oder meint sie Demo­kra­tie in der Gesell­schaft? Letz­te­re gehört doch in die Gesell­schaft selbst und wird im übri­gen aus­ge­übt. Und was das “Ein­üben” betrifft: Jeder, der je als Bür­ger mit Ver- oder Abge­ord­ne­ten zu tun hat­te, weiß, wie sie die Par­ti­zi­pa­ti­on der Bür­ger (Bür­ger­be­tei­li­gung) zwar im Mun­de füh­ren, aber wie zuwi­der sie den meis­ten in der Pra­xis ist und wie nötig die­se Poli­ti­ker das Ein­üben hät­ten, aber sie wer­den kaum je dazu in die Biblio­thek kom­men. Wenn statt­des­sen Bür­ger dort Demo­kra­tie „ein­üben“ sol­len, erin­nert das an ein Pla­ce­bo und bedeu­tet die Ent­mün­di­gung des sou­ve­rä­nen Bür­gers.

Impuls­vor­trag Ste­fan Kaduk (geschäfts­füh­ren­der Part­ner der Mus­ter­bre­cher Manage­ment­be­ra­ter, For­schungs­part­ner der Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr Mün­chen)
Zur Cha­rak­te­ri­sie­rung des Red­ners und sei­ner Gedan­ken­welt zwei Zita­te: „Zukünf­tig müs­sen wir expe­ri­men­tell – statt in der gewohn­ten Mei­len­stein-Pro­jekt­lo­gik – an einer neu­en Füh­rungs­hal­tung arbei­ten. Die­se ist geprägt von Lei­den­schaft, sie nutzt die kol­lek­ti­ve Intel­li­genz und setzt auf eine frei atmen­de Orga­ni­sa­ti­on.” (Wochen­blatt Deg­gen­dorf, 12.1.2018) Und: “[Mus­ter­bre­cher] arbei­ten vor­wie­gend am Sys­tem — und nicht im Sys­tem. Sie schaf­fen Wett­be­werbs­vor­tei­le 2. Ord­nung, indem sie mutig expe­ri­men­tie­ren. Die alte Pro­jekt­lo­gik hat aus­ge­dient. Oder kann man ernst­haft glau­ben, durch das Abar­bei­ten von Mei­len­stei­nen eine Kul­tur der Lei­den­schaft zu erzeu­gen?” (Mus­ter­bre­cher) – Die Ein­la­dung an S. Kaduk wies dar­auf hin, dass es Hin­der­nis­se zu über­win­den gilt – bei den Nut­zern alle­mal und wohl auch bei einem Teil der Biblio­the­ka­re – auf dem Weg zu die­ser Art von Biblio­thek, und dass die­se füh­ren­den Biblio­theks­ma­cher die mensch­li­chen Hin­der­nis­se mit Lei­den­schaft (im Sport heißt das Zau­ber­wort “Emo­tio­nen”) zu über­ren­nen hof­fen statt auf die Bedürf­nis­se der Nut­zer ein­zu­ge­hen, wie sie in ver­schie­de­nen Umfra­gen (7) deut­lich wur­den.

Impuls­vor­trag San­di Hil­al (paläs­ti­nen­si­sche Archi­tek­tin und Wis­sen­schaft­le­rin; poli­tisch enga­giert für die Men­schen vor Ort)

Eine ihrer zen­tra­len Ide­en lau­tet, dass aka­de­mi­sche Erkennt­nis zu ideo­lo­gisch sei; ihr stellt sie die­je­ni­ge Erkennt­nis gegen­über, die dem eige­nen Lebens­zu­sam­men­hang ent­springt. Eine wei­te­re zen­tra­le Idee nennt sie “stän­di­ge Vor­läu­fig­keit” (“Per­ma­nent Tem­pora­r­i­ness”). – Bei­de Kon­zep­te ent­spre­chen den Lebens­um­stän­den von Men­schen, deren Lage gekenn­zeich­net ist durch per­ma­nen­te Unsi­cher­heit und Bil­dungs­fer­ne. Folg­lich sind die­se Kon­zep­te für die hie­si­gen Ver­hält­nis­se eigent­lich nicht nutz­bar, denn Biblio­the­ken sol­len der viel­fäl­ti­gen Bevöl­ke­rung hier ein dif­fe­ren­zier­tes und anspruchs­vol­les Ange­bot machen, was außer­dem dau­er­haf­te Struk­tu­ren erfor­dert. Jedoch zei­gen die Bestre­bun­gen der “Biblio­theks­ma­cher” in ZLB und Bezir­ken erstaun­li­che Par­al­le­len zu S. Hil­als aus der Not gebo­re­nen Kon­zep­ten: Einer­seits fin­det sich ihre Gering­schät­zung höhe­rer Bil­dung hier wie­der in der Beschrän­kung der Bezirks­bi­blio­the­ken auf blo­ße “Grund­ver­sor­gung” sowie in der geplan­ten Absen­kung des Niveaus der ZLB, wäh­rend gleich­zei­tig pro­pa­giert wird, dass der direk­te Aus­tausch der Leser unter­ein­an­der der inten­si­ven Nut­zung des Medi­en­be­stands über­le­gen sei. Ande­rer­seits ähneln V. Hel­lers Über­le­gun­gen (S. 55) zu “Expe­ri­men­tie­ren mit neu­en Funk­tio­nen” und “schnell gemein­sam an Ide­en zu arbei­ten” stark der erzwun­ge­nen “stän­di­gen Vor­läu­fig­keit” eines paläs­ti­nen­si­schen Flücht­lings­la­gers.

Was set­zen wir dage­gen?

Eine Biblio­thek ist nach unse­rer Vor­stel­lung ein Ort, der uns Bür­gern Infor­ma­ti­ons-, Wis­sens- und Bil­dungs­an­ge­bo­te fach­li­cher und lite­ra­ri­scher Art macht, und zwar in Form eines reich­be­stück­ten Medi­en­be­stan­des in Frei­hand­auf­stel­lung und von qua­li­fi­zier­ten digi­ta­len Ange­bo­ten. Wesent­lich ist, dass dort das unge­bun­de­ne, zweck­freie Inter­es­se aller Nut­zer geför­dert wird statt nur die Ver­mitt­lung von ver­wert­ba­rem Wis­sen. Daher sind die Nut­zer bei der Bestands­pfle­ge (Neu­erwerb, Aus­sor­tie­ren) betei­ligt; Aus­sor­tie­ren fin­det grund­sätz­lich nur nach eng gefass­ten inhalt­li­chen Kri­te­ri­en statt. Auf Wunsch wer­den die Nut­zer in die Arbeit in einer Biblio­thek ein­schließ­lich Benut­zung der digi­ta­len Medi­en ein­ge­wie­sen; nicht vor Ort vor­rä­ti­ge Medi­en kön­nen kos­ten­los aus ande­ren VÖBB-Biblio­the­ken aus­ge­lie­hen wer­den. Die Biblio­thek bie­tet – getrennt von den Lese- und Arbeits­be­rei­chen – Platz für gemein­sa­me Akti­vi­tä­ten wie Spie­le, Vor­le­sen und Gesprä­che sowie geschlos­se­ne, kos­ten­los nutz­ba­re Räu­me für Arbeits­grup­pen; ein klei­nes Café ergänzt die­sen Bereich. Und schließ­lich sei­en in die­ser nicht voll­stän­di­gen Auf­zäh­lung noch Ver­an­stal­tun­gen zu kom­mu­na­len, poli­ti­schen und lite­ra­ri­schen The­men genannt.

Dr. Micha­el Roeder für die Bür­ger­initia­ti­ve Ber­li­ner Stadt­bi­blio­the­ken

 

Mate­ria­li­en:

Anmer­kun­gen:
(1) Tat­säch­lich ist V. Hel­ler jedoch weder von sei­ner Aus­bil­dung noch von sei­ner Pra­xis her Biblio­theks­fach­mann. Er hat u.a. Kul­tur­ma­nage­ment stu­diert und ist seit Mit­te der 90er Jah­re als Kul­tur­ver­wal­ter tätig, zuletzt in Ber­lin 2005–2012 als Lei­ter der Abt. V Kul­tur der Senats­kanz­lei und seit 2012 als Manage­ment­di­rek­tor ZLB.
(2) Vgl. dazu die­sen Bericht des Deutsch­land­funks aus dem Jahr 2015 über die Büche­rei einer Klein­stadt in Däne­mark, dem füh­ren­den Land in Sachen Smart Libra­ry, wo es heißt: „Ganz ver­ein­zelt fin­den sich auch ein paar Rega­le mit Büchern, Zeit­schrif­ten, CDs oder DVDs zum Aus­lei­hen. Der Biblio­theks­chef: ‚Ja es ist eine moder­ne Büche­rei – es ist die Zukunft der Büche­rei!‘”
(3) Lt. Sta­tis­ti­schem Bun­des­amt sind 2016 in Deutsch­land 41 Pro­zent der Haus­hal­te Ein­per­so­nen­haus­hal­te, im Land Ber­lin 51 Pro­zent; in der Hei­mat der Smart Libra­ry, Skan­di­na­vi­en, sind es 43 (Däne­mark) bis 52 Pro­zent (Schwe­den).
(4) Für mehr Ein­zel­hei­ten und für die Quel­len­nach­wei­se der Zita­te sie­he die Kapi­tel Infor­ma­ti­ons­mo­ni­to­re, Gaming-Zonen und Die Ideo­lo­gie von der Grund­ver­sor­gungs­bü­che­rei‘.
(5) V. Hel­ler hält sich zugu­te, dass er sei­ne ZLB und auch noch alle 80 Bezirks­bi­blio­the­ken, die “jede Men­ge Com­pu­ter­ar­beits­plät­ze” haben, der Senats- und den Bezirks­ver­wal­tun­gen zur Bewäl­ti­gung ihrer Pro­ble­me ange­bo­ten hat (S. 56)
(6) Wer wie Next Libra­ry ® Biblio­the­ken dar­auf beschränkt, ein Ort des Ler­nens zu sein, sieht offen­bar den Men­schen vor­ran­gig unter dem Gesichts­punkt sei­ner beruf­li­chen Ver­wert­bar­keit. Ein sou­ve­rä­nes Indi­vi­du­um zeich­net sich aber gera­de auch dadurch aus, dass es in der Biblio­thek sei­nen eige­nen, auch völ­lig zweck­frei­en Inter­es­sen nach­ge­hen möch­te. Die­se Beschrän­kung ist letzt­lich eine Absa­ge an die Eman­zi­pa­ti­on des ein­zel­nen und hat logi­scher­wei­se auch Kon­se­quen­zen für den Bestand, vor allem den künst­le­ri­schen und wis­sen­schaft­li­chen. -
(7)Insti­tut für Demo­sko­pie Allens­bach, “Die Zukunft der Biblio­the­ken in Deutsch­land” (Novem­ber 2015): 76 Pro­zent der Befrag­ten möch­ten vor allem ein umfang­rei­ches Ange­bot an Büchern, E-Books, Zeit­schrif­ten, Musik und Fil­men.
Nut­zung und Ein­stel­lun­gen zu den Ange­bo­ten und Dienst­leis­tun­gen der Ber­li­ner Biblio­the­ken (August 2014): “Die Befra­gungs­er­geb­nis­se zei­gen, dass eine über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit — neun von zehn befrag­ten Berliner/innen — die Öffent­li­chen Biblio­the­ken für unab­ding­bar hält, um die Grund­ver­sor­gung mit Fach- und Unter­hal­tungs­me­di­en in Form von Büchern, Zeit­schrif­ten, Zei­tun­gen, CDs, DVDs, Noten und elek­tro­ni­schen Medi­en für brei­te Bevöl­ke­rungs­schich­ten zu sichern.” Und: “Das Kern­ge­schäft der Öffent­li­chen Biblio­the­ken Ber­lins ist nach wie vor Medi­en für ein brei­tes Publi­kum bereit zu stel­len.”; dazu die Gra­fik zur Fra­ge „Was tun Sie kon­kret vor Ort?”
— Zusam­men­fas­sung der Kin­der-Medi­en-Stu­die 2018 im Bör­sen­batt (7. August 2018): “Kin­der mögen am liebs­ten gedruck­te Bücher””.
— “Was Men­schen an Biblio­the­ken wich­tig fin­den” (Umfra­ge des Schwei­ze­ri­schen Insti­tuts für Infor­ma­ti­ons­wis­sen­schaft, 11.8.2017). Dort heißt es unter 4.: “Nicht die Biblio­thek ist unmo­dern und hält an über­kom­men­den Auf­ga­ben (…) fest und ‘ver­liert’ des­halb Nut­ze­rin­nen und Nut­zer, son­dern die ‘neu­en Auf­ga­ben’, die sich die Biblio­thek zuschreibt, sind gar nicht die, die Men­schen beson­ders an Biblio­the­ken schät­zen.”

Für Rück­fra­gen: Peter Delin

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