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Tex­te aus der taz-Son­der­bei­la­ge: “Im sieb­ten Zins­him­mel”

27 Oktober 2016
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Nor­bert Häring. Foto: Pri­vat

Ren­di­te: Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten ver­die­nen im hart­nä­cki­gen Nied­rig­zins­um­feld nicht genug. Des­halb wol­len sie, dass der Staat sie an Infra­struk­tur­pro­jek­ten und -gesell­schaf­ten betei­ligt. Es win­ken siche­re Ren­di­ten auf Kos­ten der Steu­er­zah­ler und der künf­ti­gen Nut­zer. Von Nor­bert Häring

Als Sig­mar Gabri­el im Som­mer 2014 anfing uns zu erzäh­len, der Staat müs­se pri­va­tes Kapi­tal hin­zu­zie­hen, um ange­mes­sen in Infra­struk­tur inves­tie­ren zu kön­nen, da konn­te sich der Bund für 0,9 Pro­zent Zin­sen lang­fris­tig Geld am Kapi­tal­markt besor­gen – abzüg­lich der gleich hohen Infla­ti­ons­ra­te also zu Kos­ten von Null. Zwi­schen­zeit­lich sind Zins und Infla­ti­ons­ra­te etwa im Gleich­schritt gesun­ken. Jede Inves­ti­ti­on mit einer posi­ti­ven Ren­di­te aus gesell­schaft­li­cher Sicht soll­te ent­spre­chend unver­züg­lich aus­ge­führt wer­den.

Pri­va­te Geld­ge­ber, die an ein­zel­nen Pro­jek­ten betei­ligt wer­den, anstatt dem Staat all­ge­mein Geld zu lei­hen, erwar­ten dage­gen eine aus­kömm­li­che Ren­di­te. Der Chef­an­la­ge­stra­te­ge der Alli­anz, Andre­as Lind­ner, spricht im Inter­view mit dem Han­dels­blatt (19.9.2016) von 2,5 Pro­zent Ren­di­te, wenn der Ver­si­che­rer Fremd­ka­pi­tal­ge­ber ist, und von fünf bis acht Pro­zent, wenn er als Eigen­ka­pi­tal­ge­ber und Betrei­ber auf­tritt. Pro­jek­te, die weni­ger abwer­fen, müs­sen also unter­blei­ben – oder den Nut­zern wird zusätz­lich Geld zur Finan­zie­rung die­ser pri­va­ten Ren­di­ten aus der Tasche gezo­gen. Die Rech­nungs­hö­fe stel­len dem­ge­mäß immer wie­der fest, welch schlech­tes Geschäft die staat­lich-pri­va­te Finan­zie­rungs­ko­ope­ra­ti­on für Bür­ger und Steu­er­zah­ler ist.

War­um ist unse­re Bun­des­re­gie­rung den­noch erpicht dar­auf, pri­va­tes Kapi­tal ein­zu­be­zie­hen? Die Ant­wort lie­fert die Ent­ste­hungs­ge­schich­te. »Alli­anz wit­tert Chan­cen bei der Infra­struk­tur«, titel­te die Bör­sen-Zei­tung am 28.8.2014. Bei der Finan­zie­rung staat­li­cher Infra­struk­tur zu hel­fen sei sehr attrak­tiv für die Asse­ku­ranz, sag­te Alli­anz-Anla­ge­stra­te­ge Lind­ner. Denn der Staat garan­tie­re einen sta­bi­len Cash­flow. Über­set­zung: hohe Ren­di­te, kein Risi­ko – auf Kos­ten des Steu­er­zah­lers.

Lind­ners Inter­view war nur ein Bei­trag von vie­len, in denen die Ver­si­che­rungs­bran­che bekun­de­te, sich zu attrak­ti­ven Kon­di­tio­nen an der Infra­struk­tur­fi­nan­zie­rung betei­li­gen zu wol­len. Denn auf­grund der Nied­rig­zin­sen kann sie die Ren­di­te­er­war­tun­gen der Ver­si­cher­ten und die Divi­den­den­er­war­tun­gen ihrer Anle­ger nicht mehr ohne wei­te­res erfül­len. Hin­zu kommt die gro­ße Pein­lich­keit für die Poli­tik, dass die pri­va­ten Ren­ten­vor­sor­ge­pro­duk­te, in die sie die Men­schen durch Absen­kung des gesetz­li­chen Ren­ten­ni­veaus gezwun­gen hat, sich dadurch als schlech­tes Geschäft her­aus­stel­len. Und so mach­te sich Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Sig­mar Gabri­el die Alli­anz-Argu­men­te zu eigen und gab die Grün­dung einer Kom­mis­si­on aus Ver­si­che­rungs­lob­by­is­ten, Indus­trie­ver­tre­tern und Ali­bi-Wis­sen­schaft­lern zur Infra­struk­tur­fi­nan­zie­rung bekannt. Zu den ers­ten Mit­glie­dern der vom Chef des Deut­schen Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung gelei­te­ten »Fratz­scher-Kom­mis­si­on« gehör­ten Jür­gen Fit­schen (Deut­sche Bank), Hel­ga Jung (Alli­anz) und Tors­ten Oletz­ky (Ergo) sowie eine Rei­he von Indus­trie­ver­tre­tern. Dabei ging es vor allem dar­um, die Offen­sicht­lich­keit der Sub­ven­ti­on von Ver­si­che­rern durch über­höh­te, staat­li­che garan­tier­te Ren­di­ten zu ver­ne­beln. Das gelang nicht gut.

Beson­ders im ers­ten Ent­wurf des Fratz­scher-Berichts von Anfang 2015 wird nur all­zu deut­lich, wor­um es geht. Dort ist ganz offen von Zusatz­kos­ten der pri­va­ten Kofi­nan­zie­rung die Rede, die man klein hal­ten will. Zur Begrün­dung, war­um die vor­ge­schla­ge­ne Infra­struk­tur­ge­sell­schaft kei­nes­falls Staats­ga­ran­ti­en bekom­men soll­te, schrieb Fratz­scher im ers­ten Ent­wurf sogar selbst­ent­lar­vend, der Anschein eines Risi­kos müs­se auf­recht­erhal­ten wer­den, weil es sonst kei­ne Recht­fer­ti­gung der erwünsch­ten hohen Ren­di­ten gebe. Weil das kri­tisch the­ma­ti­siert wur­de, hat Fratz­scher die Argu­men­ta­ti­on umge­stellt. Im Abschluss­be­richt heißt es, um »die Kon­for­mi­tät einer Gesell­schaft mit den Maas­tricht-Kri­te­ri­en zu gewähr­leis­ten«, müs­se »eine kla­re Abgren­zung der Gesell­schaft zum Staats­sek­tor erfol­gen«. Des­halb dür­fe es kei­ne Staats­ga­ran­tie geben. Das hat den Hin­ter­grund, dass ein Neben­zweck der pri­va­ten Finan­zie­rung dar­in besteht, staat­li­che Ver­schul­dung zu ver­ste­cken, indem man die Schul­den­auf­nah­me in eine pri­vat­recht­li­che Gesell­schaft aus­la­gert, die vom Staat kei­ne Garan­ti­en bean­spru­chen darf. Doch das Schul­den­ver­ste­cken in Euro­pa geht auch mit Staats­ga­ran­tie, was die Kom­mis­si­on­mit­glie­der auch wuss­ten, denn sie schrei­ben im sel­ben Bericht: »In Öster­reich finan­ziert die ASFI­NAG, die ein pri­vat­recht­li­ches Unter­neh­men im Bun­des­be­sitz ist, die cir­ca 2 200 Kilo­me­ter Fern­stra­ßen […] Zur Kapi­tal­auf­nah­me gibt die ASFI­NAG Anlei­hen aus, die mit einer Garan­tie der Repu­blik Öster­reich aus­ge­stat­tet sind. Die ASFI­NAG wird nicht dem öster­rei­chi­schen Staats­sek­tor zuge­ord­net. Ihre Ver­schul­dung wird somit bei der Prü­fung zur Ein­hal­tung der Maas­tricht-Kri­te­ri­en nicht berück­sich­tigt.«

Das darf aber in Deutsch­land so nicht sein, denn die ASFI­NAG nimmt pri­va­tes Kapi­tal zu fast gleich nied­ri­gen Zin­sen auf wie der Staat. Eine Infra­struk­tur­ge­sell­schaft, die pri­va­ten Kapi­tal­ge­bern kei­ne höhe­ren Ren­di­ten beschert, ist für die­se völ­lig unin­ter­es­sant. Also muss ein theo­re­ti­sches Risi­ko erhal­ten blei­ben, mit dem man die Sub­ven­tio­nie­rung der Ver­si­che­rungs­bran­che not­dürf­tig ver­schlei­ern kann.

Nor­bert Häring ist pro­mo­vier­ter Volks­wirt, Wirt­schafts­jour­na­list, Blog­ger (www.norberthaering.de), Autor popu­lä­rer Wirt­schafts­bü­cher und Ko-Direk­tor der World Eco­no­mics Asso­cia­ti­on sowie ehe­ma­li­ger Ban­ken­ana­lyst. Zuletzt erschien von ihm bei Qua­dri­ga: »Die Abschaf­fung des Bar­gelds und die Fol­gen: Der Weg in die tota­le Kon­trol­le«. Nor­bert Häring lebt und arbei­tet in Frank­furt am Main.

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