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Schul­pri­va­ti­sie­rung in Ber­lin — in weni­gen Tagen wird ent­schie­den

17 November 2018

Die Ent­wick­lung ist rasant – schon am 21.November steht die wich­tigs­te Vor­ent­schei­dung zur Schul­pri­va­ti­sie­rung an. Der Haupt­aus­schuss des Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­hau­ses berät dort unter den Tages­ord­nungs­punk­ten 22 die soge­nann­te Ber­li­ner Schul­bau­of­fen­si­ve (BSO). [1] Die Vor­la­ge des Ber­li­ner Senats zur BSO [2] soll dem Ple­num des Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­hau­ses zur zustim­men­den Kennt­nis­nah­me emp­foh­len wer­den. Das wäre ein fata­les Signal für die nur acht Tage spä­ter fol­gen­de Abstim­mung am 29. Novem­ber. In fast allen Fäl­len folgt das Abge­ord­ne­ten­haus dem Haupt­aus­schuss. Ist die Senats­vor­la­ge vom Par­la­ment erst ein­mal zustim­mend zur Kennt­nis genom­men, kann der Senat den Ver­trag noch im Dezem­ber unter­zeich­nen — und Ber­lin wäre für min­des­tens 37 Jah­re in die Schul­pri­va­ti­sie­rung ein­ge­stie­gen.

Gemein­gut in Bür­ge­rin­nen­hand (GiB) hat­te drin­gend vor den Fol­gen einer mit der BSO ver­bun­de­nen Pri­va­ti­sie­rung gewarnt. Die von GiB ins Leben geru­fe­ne Volks­in­itia­ti­ve “Unse­re Schu­len” hat­te mit über 28.000 gül­ti­gen Unter­schrif­ten eine öffent­li­che Anhö­rung erzwun­gen, die am 7. Novem­ber statt­fand. Hier kann die Anhö­rung in einem Video ange­se­hen wer­den. Das vor­läu­fi­ge Wort­pro­to­koll der Anhö­rung steht hier.  Vor­be­rei­tend zur Anhö­rung hat­te GiB eine umfas­sen­de Stel­lung­nah­me erar­bei­tet, in der die in der Anhö­rung vor­ge­tra­ge­nen Argu­men­te auf 100 Sei­ten ver­tieft sowie mit Quel­len und Hin­ter­grün­den ver­se­hen wur­den.

Am Vor­abend vor der Anhö­rung stell­te Finanz­se­na­tor Mat­thi­as Kol­latz den Ent­wurf eines Rah­men­ver­trags mit der Howo­ge GmbH [3] ins Inter­net und infor­miert um 18:07 Uhr GiB per E-Mail dar­über [4]. GiB hat­te die Offen­le­gung des Ver­trags vor der Anhö­rung gefor­dert. Nun war die Zeit für eine juris­ti­sche Prü­fung aller­dings zu knapp. GiB bean­trag­te daher eine zwei­te Sit­zung, in der auch der Rah­men­ver­trag debat­tiert wer­den soll­te. Am ver­gan­ge­nen Frei­tag hat GiB die­se For­de­rung noch ein­mal an den Prä­si­den­ten des Abge­ord­ne­ten­hau­ses gestellt und um rechts­mit­tel­fä­hi­gen Bescheid gebe­ten.

Die Abge­ord­ne­ten der Regie­rungs­frak­tio­nen bemüh­ten sich in der Anhö­rung am 7. Novem­ber, den Ein­druck auf­recht­zu­er­hal­ten, es wür­de sich gar nicht um eine Pri­va­ti­sie­rung han­deln. Finanz­se­na­tor Mat­thi­as Kol­latz wehr­te noch bar­scher ab: Er sah vie­le Unter­stel­lun­gen, vor­ge­tra­ge­ne Argu­men­te sei­en „gegen­stands­los“. Was der Sena­tor ver­schwieg: Er selbst hat­te zwei Gut­ach­ten [5] beauf­tragt, die den Pri­va­ti­sie­rungs­ge­halt das Vor­ha­bens unter­su­chen soll­ten. Die über­mit­tel­te Kol­latz aber erst drei Arbeits­ta­ge nach der öffent­li­chen Anhö­rung der Volks­in­itia­ti­ve ans Par­la­ment. Die Gut­ach­ten las­sen kei­nen Zwei­fel dar­an, dass es sich nicht nur um ein Pri­va­ti­sie­rungs­vor­ha­ben han­delt, son­dern dass die­ses Vor­ha­ben auch für das Gemein­wohl Risi­ken birgt. Ent­schei­dend für die Dis­kus­si­on ist beson­ders Fol­gen­des:

Bei­de Gut­ach­ten bestä­ti­gen glas­klar, dass es sich bei der BSO um eine for­mel­le Pri­va­ti­sie­rung mit Antei­len funk­tio­na­ler Pri­va­ti­sie­rung han­delt. Bestä­tigt wird auch, dass damit Risi­ken ver­bun­den sind. Damit sind wir end­lich in der Debat­te ankom­men, die wir seit andert­halb Jah­ren ein­for­dern: Wel­che Risi­ken birgt die­se Pri­va­ti­sie­rung?

Klar wird auch, dass mit der BSO gegen die Beschlüs­se der SPD ver­sto­ßen wird. Im SPD-Par­tei­tags­be­schluss vom Mai 2017 zu Fra­ge heißt es: “Sanie­rung, Aus­bau, Neu­bau und Erhalt [der öffent­li­chen Schu­len in Ber­lin erfol­gen] durch öffent­li­che Ver­wal­tun­gen und im öffent­li­chen Recht” [6]. Damit wür­de nun durch die for­mel­le Pri­va­ti­sie­rung ekla­tant ver­sto­ßen. Und auch hier­durch: “Die Finan­zie­rung erfolgt aus öffent­li­chen Mit­teln” heißt es im Beschluss. Kre­di­te, die eine pri­vat­recht­li­che Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft bei Ban­ken auf­nimmt, sind kei­ne öffent­li­chen Mit­tel. Andern­falls wäre der zu bera­ten­de Haus­halt um eini­ge Mil­li­ar­den aus den Unter­neh­men des Lan­des grö­ßer – was nicht der Fall ist. Die Unter­neh­men ent­schei­den selbst über die Mit­tel­ver­wen­dung. Wozu Par­tei­tags­be­schlüs­se fas­sen, wenn sich nie­mand dar­an hält? Der Sena­tor macht den SPD-Par­tei­tag zum Demo­kra­tie­thea­ter.

 

[1] Ein aktu­el­les Glos­sar von Dr. Her­mann Woll­ner zu wich­ti­gen Begrif­fen der BSO ist hier zu fin­den

[2] Bericht Senat von Ber­lin — Fin II LIP Ro — vom 25.09.2018, Ber­li­ner Schul­bau­of­fen­si­ve (BSO), hier: Modell­kon­zep­ti­on zu Neu­bau und Sanie­rung durch HOWO­GE

[3] Ein­bin­dung der HOWO­GE in die Ber­li­ner Schul­bau­of­fen­si­ve (BSO), hier: Ent­wurf des Rah­men­ver­tra­ges

[4] Auf­schluss­reich ist auch die von Dr. Her­mann Woll­ner (sinn­wah­rend) zusam­men­ge­fass­te und kom­men­tier­te Fas­sung des Rah­men­ver­trags

[5] Bericht SenFin — I A — vom 12.11.2018, Ein­bin­dung der HOWO­GE in die Ber­li­ner Schul­bau­of­fen­si­ve (BSO), hier: gut­ach­ter­li­che Stel­lung­nah­men

[6] Beschluss des Lan­des­par­tei­tags der SPD Ber­lin vom Mai 2017: „Schul­neu­bau und Schul­sa­nie­rung in Ber­lin – ohne Schat­ten­haus­hal­te, in öffent­li­cher Ver­ant­wor­tung“

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