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Pri­va­ti­sie­rungs­feh­ler nicht wie­der­ho­len!

4 Oktober 2018

Cover Ossietz­ky 19/2018 © Ver­lag Ossietz­ky

Von Her­bert Storn

2009 hat der Maas­tricht-Ver­trag von 1992 eine wei­te­re Ver­schär­fung erfah­ren: Die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten beschlos­sen, das Kre­dit­auf­nah­me­ver­bot im Grund­ge­setz zu ver­an­kern. Zusam­men mit einer Fis­kal­po­li­tik, wel­che die Unter­neh­men ent­las­tet und dem Staat die not­wen­di­gen Ein­nah­men vor­ent­hält, führt dies zu einer Stran­gu­lie­rung des Staats­we­sens.

Das ist schon des­halb gro­tesk, weil mit dem Schein­ar­gu­ment „Genera­tio­nen­ge­rech­tig­keit“ das staat­li­che Kre­dit­auf­nah­me­ver­bot als unum­gäng­lich in die Köp­fe der Men­schen „implan­tiert“ wur­de.

Wie über Spra­che mani­pu­liert wird, zeigt sich in der Titu­lie­rung „Schul­den­brem­se.“ Denn, wenn die Ein­schnü­rung staat­li­cher Hand­lungs­spiel­räu­me nicht ohne­hin wie vor­ge­se­hen zu einer Strei­chung oder Pri­va­ti­sie­rung öffent­li­cher Güter führt, wird zuneh­mend der Umweg über „Schat­ten­haus­hal­te“ pro­pa­giert. Bei­des zusam­men „bremst“ die Schul­den nicht, son­dern ver­teu­ert die Vor­ha­ben und ent­zieht öffent­li­che Güter zuneh­mend der öffent­li­chen Kon­trol­le.

Es soll­ten also alle mög­li­chen Auf­klä­rungs­ver­su­che zur Rück­erobe­rung der öko­no­mi­schen Ver­nunft unter­nom­men wer­den, statt das auch von den Bera­ter­kon­zer­nen emp­foh­le­ne Hin­ter­tür­chen „Schat­ten­haus­halt“ zu pro­pa­gie­ren.

2009, also vor der Grund­ge­setz­än­de­rung, warn­ten unter Feder­füh­rung von Peter Bofin­ger und Gus­tav Horn über 200 Pro­fes­so­rIn­nen und wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter ein­dring­lich: „Die Schul­den­brem­se gefähr­det die gesamt­wirt­schaft­li­che Sta­bi­li­tät und die Zukunft unse­rer Kin­der“ (gleich­na­mi­ges Papier vom 25.5.2009).

2015 posi­tio­nier­ten sich im Rah­men der Fratz­scher-Kom­mis­si­on DGB und Gewerk­schaf­ten war­nend.

Und auch die AutorIn­nen des Ende Juli 2018 erschie­ne­nen Papiers „Zukunfts­in­ves­ti­tio­nen ermög­li­chen – Spiel­räu­me der Schul­den­brem­se in den Bun­des­län­dern nut­zen!“ über­neh­men die grund­sätz­li­che Kri­tik, weil alle damals gemach­ten Pro­gno­sen inzwi­schen empi­risch und haut­nah („ein­stür­zen­de Schul­bau­ten“) erfahr­bar sind. Das Papier von Sebas­ti­an Dul­li­en, Dierk Hir­schel, Jan Priewe, Sabi­ne Rei­ner, Danie­la Tro­chow­ski, Axel Troost, Achim Tru­ger und Harald Wolf legi­ti­miert dann jedoch bedau­er­li­cher Wei­se die Über­füh­rung eines Teils der geplan­ten Ber­li­ner Schul­neu­bau­ten und Groß­sa­nie­run­gen ins Pri­vat­recht als alter­na­tiv­lo­se Mög­lich­keit zur Umge­hung der Neu­ver­schul­dung.

In einem Streit­ge­spräch der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung Ende August warn­te Danie­la Tro­chow­ski, Staats­se­kre­tä­rin im bran­den­bur­gi­schen Finanz­mi­nis­te­ri­um, unwi­der­spro­chen davor, dass das Kre­dit­auf­nah­me­ver­bot die nächs­te Kri­se noch ein­mal ver­schär­fen wer­de.

Die Zeit ist also über­reif, die Kri­ti­ken an dem staat­li­chen Kre­dit­auf­nah­me­ver­bot von 2009 (spä­ter auch in den Ver­fas­sun­gen vie­ler Bun­des­län­der ver­an­kert) auf eine brei­te­re Basis zu stel­len.

Viel­leicht kann ja dies­mal die schwä­bi­sche Haus­frau, die nur das aus­ge­ben kann, was sie in der Kas­se hat, durch den schwä­bi­schen Häus­le­bau­er ersetzt wer­den, der sich kaum ohne (Bauspar-)Kredite sein Häus­le leis­ten kann.

Es ist fatal, wenn durch die Ein­schät­zung, dass die­ser ideo­lo­gi­sche Kampf und auch der um ein alter­na­ti­ves Steu­er­kon­zept in abseh­ba­rer Zeit nicht gewon­nen wer­den kön­ne, „aus Not­wehr“ das Hin­ter­tür­chen gewählt wird, das zu Schat­ten­haus­hal­ten mit über­teu­er­ten Kre­di­ten für die nächs­ten 30 Jah­re und einem Trans­pa­renz- und Demo­kra­tie­ab­bau führt.

Genau dies wird aber in dem Papier von Dul­li­en et al. gemacht: „In die­sem Kon­text skiz­ziert nach­fol­gen­der Bei­trag ein­lei­tend die kon­tra­pro­duk­ti­ve Wir­kung der Schul­den­brem­se und ana­ly­siert dann am Bei­spiel des Ber­li­ner Schul­baus die Vor- und Nach­tei­le einer Kre­dit­fi­nan­zie­rung außer­halb des Kern­haus­halts im Rah­men von Öffent­lich-Öffent­li­chen-Part­ner­schaf­ten (ÖÖP). Bei Abwä­gung aller Argu­men­te plä­die­ren wir für eine offen­si­ve Aus­nut­zung der trotz der Schul­den­brem­se wei­ter­hin vor­han­de­nen Spiel­räu­me, ins­be­son­de­re durch ÖÖP, wohl wis­send, dass dies von vie­len poli­ti­schen Akteu­ren als Auf­ruf zur Bil­dung von Schat­ten­haus­hal­ten und als ver­ant­wor­tungs­lo­ser Ver­stoß gegen die Schul­den­brem­se denun­ziert wird.“

Die durch­aus von den Autoren zuge­stan­de­ne Pro­ble­ma­tik der Gewähr­leis­tung von Trans­pa­renz und par­la­men­ta­ri­scher Kon­trol­le unter einem sol­chen Modell erhält noch ein­mal ein ganz neu­es Gewicht, wenn die Erfah­run­gen mit den Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Ber­li­ner Was­ser­be­trie­be ein­be­zo­gen wer­den.

Harald Wolf hat dan­kens­wer­ter­wei­se für die Jah­re sei­ner Regie­rungs­be­tei­li­gung „2002 – 2011: eine (selbst-)kritische Bilanz“ gezo­gen (Unter­ti­tel sei­nes Buches „Rot-Rot in Ber­lin“, VSA, 2015). Dar­in beschreibt er auch: „Die Aus­ein­an­der­set­zung um Pri­va­ti­sie­rung und Rekom­mu­na­li­sie­rung der Ber­li­ner Was­ser­be­trie­be“ (BWB).

Wolf schil­dert ein­drucks­voll sei­nen Kampf aus der Oppo­si­ti­on gegen die vom SPD-CDU-Senat durch­ge­setz­te Teil­pri­va­ti­sie­rung. 2002 wur­de Wolf als Wirt­schafts­se­na­tor einer rot-roten Koali­ti­on Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der eben die­ser pri­va­ti­sier­ten BWB. Dies ver­an­lasst ihn zur Beschrei­bung des fol­gen­den Dilem­mas: „Mit der Initia­ti­ve des Was­ser­tischs für einen Volks­ent­scheid zur Offen­le­gung der Pri­va­ti­sie­rungs­ver­trä­ge wur­de der Wider­spruch – Geg­ner der Pri­va­ti­sie­rung zu sein und zugleich die damals geschlos­se­nen Ver­trä­ge exe­ku­tie­ren zu müs­sen – beson­ders akut.“ (S. 252) „Dass wir aber ver­such­ten, die ‚Par­tei außer­halb des Staats­ap­pa­ra­tes‘ auch in die­se Regie­rungs­lo­gik ein­zu­bin­den, war ein Feh­ler.“ (S. 252)

Inter­es­sant ist dann die fol­gen­de Aus­füh­rung (Zitat S.253): „Das Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen Unter­neh­mens­in­ter­es­se einer­seits und dem öffent­li­chen Inter­es­se ande­rer­seits ist ein grund­sätz­li­ches Pro­blem für von einer Kom­mu­ne oder einem Land ent­sand­te Auf­sichts­rats­mit­glie­der. So heißt es in einem Leit­fa­den für Auf­sichts­rats­mit­glie­der: ‚Die ent­sand­ten Ver­tre­ter einer Gebiets­kör­per­schaft unter­lie­gen dabei einem beson­de­ren Zwie­spalt zwi­schen dem öffent­li­chen Inter­es­se der Gebiets­kör­per­schaft einer­seits und dem Unter­neh­mens­in­ter­es­se ande­rer­seits. Obwohl es den ent­sand­ten Auf­sichts­rats­mit­glie­dern näher ste­hen mag, das Unter­neh­mens­in­ter­es­se dem der Gebiets­kör­per­schaft unter­zu­ord­nen, hat der Bun­des­ge­richts­hof in zahl­rei­chen Ent­schei­dun­gen den Vor­rang des Gesell­schafts­rechts betont: Der Staat muss, bedient er sich der Frei­hei­ten des pri­vat­recht­li­chen Wirt­schaf­tens, die dort gel­ten­den Spiel­re­geln ein­hal­ten. Dann aber muss er auch akzep­tie­ren, dass das öffent­li­che Unter­neh­men ein eige­nes – ggfs. von der Gebiets­kör­per­schaft ver­schie­de­nes – Inter­es­se besitzt. Ein all­ge­mei­ner Vor­rang der öffent­li­chen Belan­ge lässt sich nicht begrün­den. Des­halb sind die in der Gemein­de­ord­nung ent­hal­te­nen Auf­for­de­run­gen, dass bei der Auf­sichts­rats­aus­übung auch die Belan­ge und Inter­es­sen der Gebiets­kör­per­schaft zu beach­ten sei­en (vgl. z.B. § 88 Abs. 4 GemO RP), gesell­schafts­recht­lich nur als Emp­feh­lun­gen zu ver­ste­hen.‘“ (Ver­weis auf KPMG, Public gover­nan­ce 2006)

Wenn man Feh­ler wie bei den Ber­li­ner Was­ser­be­trie­ben nicht wie­der­ho­len will, dies­mal bei der Howo­ge GmbH und der Pri­va­ti­sie­rung von Schul­ge­bäu­den und -grund­stü­cken im Rah­men der soge­nann­ten Ber­li­ner Schul­bau­of­fen­si­ve, soll­ten sol­che Erkennt­nis­se nicht in den Wind geschla­gen wer­den!

Nicht zuletzt zeigt das desas­trö­se Bei­spiel des hes­si­schen Land­krei­ses Offen­bach mit dem bis­her größ­ten ÖPP-Schul­pro­jekt in Euro­pa ganz real, wie einem Land­kreis, obwohl sogar Gesell­schaf­ter (fünf Pro­zent) an zwei ÖPP-Gesell­schaf­ten, bis­her ent­schei­den­de Unter­la­gen der bei­den Bau­kon­zer­ne vor­ent­hal­ten wer­den. Auf­grund sei­nes für 15 Jah­re ein­ge­gan­ge­nen Schul-Pri­va­ti­sie­rungs­aben­teu­ers rutsch­te der Land­kreis 2015 vom zweit­reichs­ten zum zwei­tärms­ten Land­kreis in Hes­sen ab. Ber­li­ner Poli­ti­ker haben den Bür­ge­rIn­nen der Stadt schon genü­gend Finanz­las­ten mit dem Ban­ken­skan­dal und der Pri­va­ti­sie­rung der Was­ser­be­trie­be auf­ge­halst, so dass sich ein wei­te­res Aben­teu­er mit Pri­va­ti­sie­rungs­fol­gen ver­bie­tet, beson­ders für einen rot-rot-grü­nen Senat!

Der Bei­trag erschien in Ossietz­ky — Zwei­wo­chen­schrift für Poli­tik | Kul­tur | Wirt­schaft, Nr. 19/2018 vom 29. Sep­tem­ber 2018, 21. Jahr­gang, S. 675 f. Wir dan­ken dem Ver­lag Ossietz­ky für die Geneh­mi­gung zur Ver­öf­fent­li­chung.

Von Her­bert Storn erschien soeben das Buch „Mit Demo­kra­tie ernst machen: Für eine radi­ka­le öko­no­mi­sche Auf­klä­rung. Über­le­gun­gen zum Poli­ti­schen Unter­richt“ (Büch­ner-Ver­lag, 204 Sei­ten, 22 €). Storn schaut hin­ter die Fas­sa­de unse­rer Demo­kra­tie. Das Buch ist eng ver­floch­ten mit dem per­sön­li­chen Lebens­weg des Autors. In Storns Ana­ly­sen und Über­le­gun­gen gehen fast ein hal­bes Jahr­hun­dert kon­kre­ter Erfah­run­gen als Leh­rer an einer Beruf­li­chen Schu­le in Frank­furt am Main, als akti­ver Gewerk­schaf­ter und als Leh­rer-Haupt­per­so­nal­rat beim hes­si­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­um ein.

 

 

 

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