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Öffent­li­che Biblio­the­ken im Aus­ver­kauf

6 März 2018

Pres­se­mit­tei­lung Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand (GiB) e.V.

Fach­ta­gung zur Zukunft der Öffent­li­chen Biblio­the­ken in Ber­lin: Legi­ti­ma­ti­ons­ver­such der Pri­va­ti­sie­rung einer Metro­po­len­bi­blio­thek im Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­haus

Auf der gest­ri­gen Fach­ta­gung “Zukunft der Öffent­li­chen Biblio­the­ken in Ber­lin” wur­de die umstrit­te­ne Neu­aus­rich­tung der Zen­tral- und Lan­des­bi­blio­thek Ber­lin (ZLB) dis­ku­tiert. ZLB-Direk­tor Vol­ker Hel­ler hat­te im Sep­tem­ber 2017 mit sei­nen Vor­stands­kol­le­gen ZLB dem Groß­buch­händ­ler Hugen­du­bel den Zuschlag erteilt, in den nächs­ten Jah­ren den Groß­teil der Medi­en­be­schaf­fung für die Biblio­thek zu über­neh­men. Gleich­zei­tig wur­de die Anzahl der haus­in­ter­nen Biblio­the­ka­re und Fach­lek­to­ren redu­ziert und ihre Kern­auf­ga­be dar­auf beschränkt, all­ge­mei­ne Bedarfs­pro­fi­le zur Ori­en­tie­rung für die Aus­wahl der Medi­en zu erstel­len.

Ulri­ke von Wie­sen­au, Kul­tur­re­fe­ren­tin von Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand (GiB), kom­men­tiert die­se Ent­wick­lung wie folgt:

Die Pri­va­ti­sie­rung der Buch- und Medi­en­aus­wahl der öffent­li­chen Biblio­the­ken bedeu­tet den Ver­lust ihrer inhalt­li­chen Kom­pe­tenz. Denn ein dif­fe­ren­zier­tes Kon­zept kann nur mit fach­lich qua­li­fi­zier­ten und inhalt­lich spe­zia­li­sier­ten Fach­lek­to­ren rea­li­siert wer­den. Die­ses inhalt­li­che Rück­grat der Biblio­thek wird nun gebro­chen. Die Biblio­the­ka­re wer­den einem Pro­zess der Dequa­li­fi­zie­rung aus­ge­setzt, das Know-How der Biblio­thek wird ver­nich­tet. Öko­no­mi­sche Kri­te­ri­en und eine rein betriebs­wirt­schaft­li­che Logik sol­len dar­über ent­schei­den, wel­ches Wis­sen für uns ver­füg­bar gehal­ten wird.”

GiB kri­ti­siert auch die Aus­rich­tung der Ver­an­stal­tung. Nach Ein­schät­zung von GiB soll­te die gest­ri­ge Ver­an­stal­tung weni­ger einer fach­li­chen Dis­kus­si­on mit offe­nem Aus­gang die­nen als viel­mehr der Legi­ti­ma­ti­on der Pri­va­ti­sie­rung der Medi­en­be­schaf­fung an der ZLB und des von Hel­ler ver­folg­ten Kon­zepts. Alle sie­ben gela­de­nen Red­ner teil­ten offen­bar die Posi­ti­on von Hel­ler. Ein­zig der Per­so­nal­rats­vor­sit­zen­de der ZLB Lothar Bren­del erhielt zehn Minu­ten die Gele­gen­heit, die fach­li­che Sicht der über­wie­gen­den Mehr­heit der Beleg­schaft dar­zu­stel­len, die eine Gegen­po­si­ti­on dar­stell­te. Eine wei­te­re Kri­ti­ke­rin des Kon­zepts, die zustän­di­ge Gewerk­schafts­se­kre­tä­rin von ver.di Jana Sep­pelt, war als Red­ne­rin abge­lehnt wor­den.

Lothar Bren­del, Per­so­nal­rats­vor­sit­zen­den der Zen­tral- und Lan­des­bi­blio­thek Ber­lin (ZLB) ver­trat die Sache des Gemein­guts der Öffent­li­chen Biblio­the­ken:

Die­ses Vor­ge­hen der Ber­li­ner Kul­tur­ver­wal­tung ist ein kul­tur­po­li­ti­scher Offen­ba­rungs­eid, denn nach den Bezirks­bi­blio­the­ken wird nun auch noch mit der ZLB fast der gesam­te Erwer­bungs­etat der öffent­li­chen Biblio­the­ken Ber­lins an Hugen­du­bel und EKZ ver­ge­ben. Eine schwe­re Schä­di­gung der vie­len Fach­buch­händ­ler in der Stadt und ein Schlag gegen die Buch­kul­tur in Ber­lin. Soll die­ses quick­le­ben­di­ge geis­ti­ge Bio­top, in dem sich die unter­schied­lichs­ten Inter­es­sen und Niveaus mischen, in dem jeder Bücher ent­de­cken kann, die er nicht erwar­tet hat, dem­nächst aus­ge­trock­net wer­den und auf eine Mono­kul­tur aus­schließ­lich popu­lä­rer, durch Kenn­zah­len ermit­tel­te Bücher beschränkt wer­den?”

Nach den Dar­le­gun­gen von Bren­del kön­nen Kenn­zah­len wie etwa Aus­leih­zah­len zwar Hin­wei­se für die Aus­rich­tung des Biblio­theks­an­ge­bots lie­fern, aber kei­nes­wegs hin­rei­chen­de. Denn vor­her müss­ten die inhalt­li­chen Zie­le, das Pro­fil der Biblio­thek, bestimmt wer­den. Und das sei­en bei einer gemein­nüt­zi­gen, steu­er­fi­nan­zier­ten Ein­rich­tung wie der ZLB Maß­stä­be der Ver­mitt­lung von Bil­dung und Wis­sen für alle Bevöl­ke­rungs­schich­ten als Ergän­zung zu den Ange­bo­ten, die in den Bezirks­bi­blio­the­ken vor­han­den sind. Wer allein auf hohe Aus­leih­zah­len set­ze, ver­fol­ge im Grun­de ein rein kom­mer­zi­el­les Prin­zip wie in Super­märk­ten, wo es nur auf den maxi­ma­len Umsatz pro Qua­drat­me­ter ankommt.

GiB befürch­tet: Bei der anste­hen­den Fra­ge­stel­lung geht es nicht nur um die ZLB, son­dern um alle öffent­li­chen Biblio­the­ken Ber­lins. Das Pri­va­ti­sie­rungs­mo­dell könn­te an Deutsch­lands öffent­li­chen Biblio­the­ken Schu­le machen. Offen­bar wer­den auch schon Pflö­cke für den künf­ti­gen Biblio­theks­ent­wick­lungs­plan ein­ge­schla­gen. Der Chef der Abtei­lung der Hugen­du­bel Fach­in­for­ma­ti­on, die bereits den größ­ten Teil der Medi­en­be­schaf­fung in den Ber­li­ner Bezirks­bi­blio­the­ken und der ZLB in der Hand hat, trat per­sön­lich auf.

Der Schrift­stel­ler Ingo Schul­ze schrieb dem Kul­tur­re­fe­rat von GiB:

Ich wün­sche mir Biblio­the­ka­rin­nen und Biblio­the­ka­re, die ihre eige­ne Kom­pe­tenz ach­ten und die­se im Sin­ne des Gemein­we­sens auch ver­ant­wort­lich nut­zen dür­fen, und Biblio­theks­lei­ter und –lei­te­rin­nen, die nicht Hoheits­rech­te des Gemein­we­sens ver­un­treu­en und an der Selbst­ab­schaf­fung ihrer Insti­tu­ti­on und ihres Beru­fes arbei­ten.”

Pres­se­kon­takt: Ulri­ke von Wie­sen­au, GiB- Kul­tur­re­fe­rat

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