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Kampf der Kul­tu­ren

9 März 2018

Cover Ossietz­ky 4/2018 © Ver­lag Ossietz­ky

Von Karl Goeb­ler

Anfang 2012 rief der Ber­li­ner Kul­tur­se­nat die Beleg­schaft der Zen­tral- und Lan­des­bi­blio­thek Ber­lin (ZLB) in einem Hör­saal der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin zusam­men. Ein neu­er Manage­ment­di­rek­tor, so hieß es, sol­le neben der fach­lich ver­ant­wort­li­chen Gene­ral­di­rek­to­rin vor­ge­stellt wer­den. Zur gro­ßen Über­ra­schung prä­sen­tier­te der Kul­tur­staats­se­kre­tär dann den Lei­ter sei­ner Kul­tur­ver­wal­tung als Mana­ger der ZLB; gleich­zei­tig ver­ab­schie­de­te er die Gene­ral­di­rek­to­rin – sie wer­de in Zukunft Auf­ga­ben als Lei­te­rin einer Biblio­thek im Emi­rat Katar wahr­neh­men. Damit war die erst ein Jahr zuvor per Gesetz ein­ge­führ­te Dop­pel­spit­ze der ZLB prak­tisch schon wie­der abge­schafft.

Seit die­ser Rocha­de rin­gen Beleg­schaft und Füh­rung um die grund­le­gen­de Aus­rich­tung der Biblio­thek. Die ZLB ist mit 3,4 Mil­lio­nen Medi­en nicht nur die größ­te öffent­li­che Biblio­thek Deutsch­lands, sie ver­fügt auch über den größ­ten aus­leih­ba­ren Buch­be­stand einer öffent­li­chen Biblio­thek in Euro­pa. Die ZLB bie­tet dabei eine für die All­ge­mein­heit wich­ti­ge, ein­zig­ar­ti­ge Band­brei­te von popu­lä­ren und wis­sen­schaft­li­chen Büchern. Bis zum Füh­rungs­wech­sel sorg­te ein Stab hoch­qua­li­fi­zier­ter Mit­ar­bei­ter für den Auf­bau des Medi­en­be­stan­des. Die Biblio­the­ka­re koope­rier­ten mit zahl­rei­chen aus­ge­wähl­ten Ver­la­gen und Buch­hand­lun­gen und gewähr­leis­te­ten auf die­se Wei­se die für eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft unver­zicht­ba­re Viel­falt des Medi­en­an­ge­bots. Wie Umfra­gen und die hohe Aus­leih­zahl zei­gen, ent­sprach die­ses Ange­bot auch den Wün­schen des Publi­kums.

Trotz der posi­ti­ven Erfah­run­gen, möch­te die Lei­tung der ZLB in Zukunft ande­re Wege gehen. So heißt es auf der Web­site der Biblio­thek: »In unse­rer sich wan­deln­den Gesell­schaft mit Zugang zu Infor­ma­tio­nen und Medi­en rund um die Uhr im Inter­net kann und darf der Schwer­punkt biblio­the­ka­ri­scher Arbeit nicht mehr auf dem Bestands­auf­bau lie­gen.« Statt Medi­en­aus­wahl und -beschaf­fung, so die neue Füh­rung, soll­ten die Biblio­the­ka­re »Zukunfts­auf­ga­ben« über­neh­men, wobei vage auf den Besu­cher­ser­vice und die Mit­hil­fe bei der Durch­füh­rung von »Events« hin­ge­wie­sen wird. Im Rah­men ihrer »Zukunfts­stra­te­gie« hat die Biblio­theks­lei­tung bis heu­te aller­dings kei­ne in sich stim­mi­ge, aus­for­mu­lier­te digi­ta­le Agen­da vor­ge­legt. Immer­hin aber mach­te sie deut­lich, wohin die Rei­se gehen soll: Ein »Höchst­maß an wirt­schaft­li­chem Ein­satz von Fremd­dienst­leis­tun­gen« sei ange­strebt.

Bereits Anfang 2015 hat­te die ZLB unter dem neu­en Manage­ment­di­rek­tor Vol­ker Hel­ler beschlos­sen, etwa die Hälf­te ihrer Buch­be­stel­lun­gen an die EKZ-Biblio­theks­ser­vice GmbH (EKZ) in Reut­lin­gen aus­zu­la­gern. Doch die Zusam­men­ar­beit erwies sich als pro­ble­ma­tisch, die Aus­lie­fe­rung war zu pau­schal, wur­de in stan­dar­di­sier­ten Pake­ten mit vie­len Dop­pe­lun­gen abge­wi­ckelt. Dar­auf­hin erfolg­te eine euro­pa­wei­te Aus­schrei­bung, die schließ­lich der Kon­zern Hugen­du­bel gewann. Waren bis­lang mit der Aus­wahl haus­in­ter­ne Fach­lek­to­ren oder Biblio­the­ka­re befasst, ist seit Sep­tem­ber 2017 der Groß­buch­händ­ler Hugen­du­bel nahe­zu allein dafür zustän­dig, wel­che Medi­en ange­schafft wer­den. Der Vor­stand der ZLB hat ihm den Zuschlag erteilt, in den nächs­ten drei Jah­ren den Groß­teil der Medi­en der Biblio­thek zu lie­fern.

Dage­gen reg­te sich mas­si­ver Wider­stand. Die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di zum Bei­spiel stell­te am 29. August 2017 – nach Berech­nung auf Basis des Hugen­du­bel ver­trag­lich zuge­si­cher­ten Volu­mens – kri­tisch fest, dass die Aus­wahl der Bücher damit »nahe­zu kom­plett an die Pri­vat­wirt­schaft über­ge­ben« wer­de. Die Kri­ti­ker befürch­ten, dass mit dem Zuschlag an Hugen­du­bel, die Kom­pe­tenz und Gemein­wohl­ori­en­tie­rung einer öffent­li­chen Insti­tu­ti­on dem Par­ti­ku­lar­in­ter­es­se und den gänz­lich andern Qua­li­täts­kri­te­ri­en eines pri­va­ten Kon­zerns geop­fert wer­den. Ein gewinn­ori­en­tier­tes Buch­han­dels­un­ter­neh­men, das zudem ohne bil­dungs- und kul­tur­po­li­ti­schen Auf­trag han­delt, kön­ne eine qua­li­fi­zier­te Medi­en­aus­wahl nicht in glei­cher Wei­se leis­ten.

Nach dem Füh­rungs­wech­sel in der ZLB ver­lo­ren 17 Fächer ihre erfah­re­nen Fach­lek­to­rin­nen und -lek­to­ren, nur acht wur­den bei­be­hal­ten. Die Zahl der Fach­lek­to­ren in der Erwach­se­nen­bi­blio­thek wur­de von 25 (2013) auf 15 (2016) redu­ziert. Ohne einen sol­chen Stab von inhalt­lich spe­zia­li­sier­ten Fach­leu­ten kön­nen jedoch weder die Medi­en­aus­wahl noch die Aus­wahl von Daten­ban­ken und digi­ta­len Diens­ten oder die Fach­be­ra­tung in ange­mes­se­ner Qua­li­tät erfol­gen. Sol­che Mit­ar­bei­ter sind eben­so unver­zicht­bar wie die Redak­teu­re von Zei­tun­gen oder die Lek­to­ren in Ver­la­gen. Die Ange­stell­ten eines Wirt­schafts­un­ter­neh­mens kön­nen hier nicht im gerings­ten einen Aus­gleich schaf­fen.

Die »Hugen­du­be­li­sie­rung« der ZLB, wie es die Vor­sit­zen­de des Ber­li­ner Lan­des­ver­ban­des von ver.di auf den Begriff bringt, wird das bis­her anspruchs­vol­le und uni­ver­sel­le Pro­fil der Biblio­thek in Rich­tung eines popu­lis­ti­schen Frei­zeit- sowie Aus- und Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bots im Diens­te der Wirt­schaft ver­än­dern. Bil­dung für Men­schen, die sich unge­bun­den und zweck­frei mit den Gebie­ten ihres Inter­es­ses befas­sen wol­len, wird eine voll­kom­men unter­ge­ord­ne­te Rol­le spie­len – im Vor­der­grund steht die schnel­le, ver­wert­ba­re Infor­ma­ti­on. Was bei die­ser Aus­rich­tung ver­lo­ren­geht, hat der Autor und Lite­ra­tur­kri­ti­ker F. J. Rad­datz vor eini­gen Jah­ren so aus­drückt: »Lesen aber als die gro­ße Wan­de­rung durch das Unwirk­li­che, gera­de in unse­rer Zeit der opti­schen Infla­ti­on, ist die Chan­ce zur Besin­nung, zur Selbst­be­geg­nung. Wer sich dem Sog frem­der Phan­ta­sie nie aus­ge­setzt hat, kann sehr schwer eige­ne ent­wi­ckeln; kann Bedro­hun­gen und Zwän­gen der wirk­li­chen Welt kaum Akti­vi­tä­ten ent­ge­gen­set­zen, nicht ein­mal Tole­ranz.«

Mit der Pri­va­ti­sie­rung der Medi­en­be­schaf­fung an der ZLB soll ein wei­te­rer wesent­li­cher Bestand­teil unse­rer lite­ra­ri­schen Kul­tur und Bil­dung der Kom­mer­zia­li­sie­rung unter­wor­fen wer­den. Die Zer­rüt­tung öffent­li­cher Ein­rich­tun­gen erweist sich ein­mal mehr als zen­tra­ler Schau­platz neo­li­be­ra­ler Stra­te­gi­en. Gegen das an der ZLB sta­tu­ier­te Exem­pel haben 20.000 Ber­li­ne­rin­nen und Ber­li­ner eine Peti­ti­on unter­schrie­ben. Wird es den­noch als Export­mo­dell in Sachen Medi­en­pri­va­ti­sie­rung in Deutsch­land Schu­le machen?

Karl Goeb­ler ist als Öko­nom und Ana­lyst bei einem inter­na­tio­na­len Bera­tungs­un­ter­neh­men tätig. Er enga­giert sich für die Bür­ger­initia­ti­ve Ber­li­ner Was­ser­tisch und für Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand. Als Mit­be­grün­der des Ber­li­ner Was­ser­rats setzt er sich für die Demo­kra­ti­sie­rung öffent­li­cher Unter­neh­men der Daseins­vor­sor­ge ein.

Der Bei­trag erschien in Ossietz­ky — Zwei­wo­chen­schrift für Poli­tik | Kul­tur | Wirt­schaft, Nr. 4/2018 vom 24. Febru­ar 2018, 21. Jahr­gang, S. 127 f. Wir dan­ken dem Ver­lag Ossietz­ky für die Geneh­mi­gung zur Ver­öf­fent­li­chung.

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