Nachruf auf Gerald Rollett

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Gerald Rolett, Bild: www.schaeferweltweit.de

Gerald Rollett ist gestorben. Wir trauern gemeinsam um diesen wunderbaren Menschen und großartigen Aktivisten. Nachfolgend erinnern wir an Gerald durch persönliche Erinnerungen von WeggefährtInnen.

Geralds Urnen-Beisetzung findet am Montag den 09.02.2015 um 13:00 Uhr auf dem Pragfriedhof in Stuttgart statt.

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

am Samstag den 17.01.2015 ist unser Freund und politischer Weggefährte Gerald Rollett im Alter von 89 Jahren in einem Stuttgarter Krankenhaus gestorben.  Da er in den vergangenen Wochen gesundheitlich sehr angeschlagen war, ist sein friedliches Einschlafen für ihn ein Segen gewesen. Gerald wollte seine Eigenständigkeit auf keinen Fall eingeschränkt wissen, wohl auch deshalb war sein relativ schneller Tod ganz in seinem Sinne. Als ich ihn auf der Intensivstation besuchte, konnte ich zwar nicht mehr mit ihm sprechen, doch es war mir möglich mich gedanklich von ihm zu verabschieden.  Vermissen werden wir ihn alle, doch vergessen werden wir ihn nie und das würde er sich von uns vermutlich wünschen.

Gerald war ein sehr unkonventioneller und phantasievoller Mensch, und wir haben während unserer politischen Zusammenarbeit auch sehr viel Spaß gehabt, trotz der  ernsten politischen Themen, die wir zusammen bearbeitet haben. Die Bahn und nicht zuletzt die Abwendung der Wasserprivatisierung waren sicherlich die politischen Schwerpunkte in Geralds politischem Leben. Gerald hat sich mit viel Engagement und unglaublichem Fleiß für eine gemeinnützige „gute Bahn für Alle“ eingesetzt und  nicht zuletzt hat er alles gegeben um das Projekt Stuttgart 21 zu stoppen, damit die Alternative K21 zum Wohle der Stadt Stuttgart und nicht zuletzt zum Wohle der Bahn selbst,  umgesetzt werden kann.  Um seinen Lebens- oder Milleniumsbaum im Schlosspark vor dem Tod durch Fällung zu bewahren, hat sich Gerald bei minus 15 Grad mehrere Stunden in seine Baumkrone gesetzt.  Er wollte ein Zeichen setzen, er wollte das wir uns friedlich aber sichtbar zur Wehr setzen, und zwar gegen diejenigen, die die Gewaltanwendung gegen Natur und Menschen  befehlen und nicht gegen diejenigen, die wegen ihres Berufes als Polizistin oder als Polizist ihren Dienst tun müssen. Gerald war es sehr wichtig, dass die Bewegung K21 alles dafür Nötige tut, damit sie nicht in die kriminelle Ecke abgeschoben werden kann, und damit ihre Wirksamkeit einbüßen würde.  Gerald hat es sogar in die Lokalausgabe der BILD geschafft. Als wohl bisher ältester Demonstrant Deutschlands hat er passiven Widerstand geleistet und sich von zwei Polizisten wegtragen lassen.  Lieber Gerald du wirst uns sehr fehlen, doch du wirst uns nun von „oben aus“ zuschauen und wer weiß, vielleicht auch auf deine Art weiterhin, diesmal jedoch mit himmlischen Kräften,  unterstützen. Aufgeben war deine Sache nicht, deshalb bist du nun zuerst nach oben gegangen und der Stuttgarter Bahnhof wird es dir gleichtun. Abendliche und traurige Grüße sendet euch

Genoveva Brandenburger

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Gerald Rollet ist tot. Ihn trennen Welten von einem Ronald Pofalla und den anderen Bahn- und Wasser-Privatiers. Er war ein unermüdlicher Aktivist gegen „Stuttgart 21“, gegen die Privatisierung der Bahn und gegen die Privatisierung der öffentlichen Wasserversorgung.
Mit seinem verschmitzten Charme – er war geborener Wiener – stellte er sich selbst immer als Mitglied des CdA vor – dem „Club der Achzigjährigen“. Der CdA war eine höchst aktive Rentnergang in Stuttgart. Als Rentner habe man viel Zeit, sagte der pensionierte Leiter der Studienberatung aller Stuttgarter Hochschulen. Mit seinen Kolleginnen und Kollegen von der Rentnergang steckte Gerald Tausende von Flugblättern für die Rekommunalisierung der Stuttgarter Wasserversorgung in die Briefkästen. Damit legte der CdA den Grundstein für den erfolgreichen Bürgerentscheid zur Rekommunalisierung der Wasserversorgung in der baden-württembergischen Hauptstadt.
Gerald hatte sich auch im bundesweiten Bündnis „Wasser in Bürgerhand“ (WiB) engagiert. Ein besonderes Anliegen für Gerald war es, die westdeutsche und die ostdeutsche Wasserszene zusammenzuführen. Während die westdeutsche Wasserszene für die staatliche Daseinsvorsorge kämpfte, erlebten die ostdeutschen Wasseraktivisten die öffentliche Daseinsvorsorge als Staatsgewalt, die den Anschluss- und Benutzungszwang rigoros durchsetzte. Im Jahr 2008 brachte Gerald Tausende von CDs mit dem Video „Tatort Briesensee“ unter das Volk. Der Zehnminutenfilm zeigte, wie im brandenburgischen Briesensee eine Polizeiarmada Haus und Grundstück der Lehrerin Doris Gröger überrannte, um deren Pflanzenkläranlage stillzulegen. Die stellver­tretende Ortsbürgermeisterin sollte an den Kanal gezwungen werden. Nicht nur für Gerald war das brachiale Einschreiten der Staatsgewalt besonders widersinnig, weil fünf Jahre zuvor Frau Gröger für ihre gut funktionierende Pflanzenkläranlage den brandenburgischen Landesumweltpreis verliehen bekommen hatte.
Gerald selbst hatte zu seinem 80sten seine Arbeitsschwerpunkte mit „Organisieren (Planung bis hin zur Logistik), Struktur, Strategie“ umschrieben – allesamt Themenfeld, die nach seiner Einschätzung in der Bürgerbewegung „völlig unterbelichtet“ waren. Der Enthusiasmus und das Engagement von Gerald waren in vielerlei Hinsicht beeindruckend.
Für mich besonders eindrucksvoll war sein Flug in einem Ultraleichtflugzeug: Weil ein Termin in der ostdeutschen Pampa länger als geplant gedauert hatte, bekam er nicht mehr seinen Zug nach Berlin, um dort den ICE für den nächsten Termin in Stuttgart zu erreichen. Obwohl schon weit in den 80ern, nahm er sofort das Angebot wahr, als Copilot in einem Ultraleichtflugzeug nach Berlin zu fliegen, wo er dann tatsächlich noch den gebuchten ICE erreichte.
Am 17. Januar 2015 ist Gerald mit 89 Jahren gestorben.

Nikolas Geiler, im Namen von „Wasser in Bürgerhand!“

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Unser langjähriger Mitstreiter Gerald Rollet ist letzten Samstag nach kurzer Krankheit gestorben. Sein Ziel, 100 Jahre alt zu werden, konnte er leider nicht erreichen. Seine Zeit widmete Gerald dem Kampf gegen Willkür und Entrechtung. Gerald engagierte sich viele Jahre im Stuttgarter Wasserforum gegen den Ausverkauf unserer Wasserversorgung. Auch im deutschlandweiten Netz gegen Wasserprivatisierung – W!B – war er aktiv. Er stellte die Verbindung zwischen Stuttgart und Ostdeutschland her und engagierte sich in Brandenburg gegen den Anschlusszwang ans Abwasserkanalnetz. Dieser Anschlusszwang trieb viele Menschen in den finanziellen Ruin und in den Tod. An der Bekanntmachung dieser Zustände war ihm sehr gelegen. Er kopierte die DVD’s hundertfach und brachte sie unter die Menschen. Video:  https://www.youtube.com/watch?v=yY7CszbcA5Y. Und natürlich war Gerald aktiv bei den SeniorInnen gegen S21. Über Stuttgart hinaus bekannt wurde er in diesem Zusammenhang, als er mit 86 Jahren im Winter bei minus 13 °C einen Baum im Schlossgarten besetzte, um gegen die angekündigte Bäumevernichtung zu protestieren. Hier noch ein Video mit Gerald, wie er uns allen in Erinnerung bleiben wird: https://www.youtube.com/watch?v=OqjRzGRDamk

Barbara Kern

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Ich bin Gerald nur zwei Mal begegnet. Das war bei den bundesweiten Treffen und es war jedes Mal ein Erlebnis. Gerald vermittelte eine so unverkrampfte, fröhliche Entschiedenheit, einen so leidenschaftlich-kritischen Blick auf die Verhältnisse, dass mir schon damals die Verse von Bertolt Brecht wieder einfielen: Die Schwachen kämpfen nicht. / Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde./ Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre. /Die Stärksten kämpfen ihr Leben lang./ Diese sind unentbehrlich.

Jürgen Schutte

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Ich erinnere mich daran wie Gerald vor dem Bundesparteitag der SPD in Hamburg 2007, die Delegierten mit Argumenten  gegen die Bahnprivatisierung ansprach. Ich war auf dem Bundesparteitag und konnte mit Händen greifen, wie grimmig Genosse Steinbrück auf dem Podest saß, als immer mehr Rednerinnen das Ansinnen der SPD Spitze kritisierten. Legendär wurde ja dann „Das Versprechen“ des Parteivorsitzenden Kurt Beck, aufgenommen von Hermann Lorenz und auf CD gebrannt  von Gerald ein wichtiges Kampfinstrument. Danke Gerald, wir lassen uns nicht unterkriegen, versprochen!

Gerlinde Schermer

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Gerald war ein Mensch, der sich darüber freuen konnte, einen Namen zu haben, der so weiche Endungen hat, dass man ihn „nicht schimpfen kann“. Gerald, das war der Aktivist, der mit 85 Jahren im Winter von Stuttgart nach Berlin mit dem Zug fuhr, um an einen Treffen zum Volksentscheid gegen die Wasserprivatisierung zu kommen – und zwar durch den Schnee in seinen Birkenstock-Sandalen. Gerald erzählte mir, er habe zu den großen Plena der Bewegung gegen Stuttgart 21 den Gong beigesteuert, der half, die Treffen zu strukturieren – ohne Gezische und Megaphon. Nicht dass es Gerald darum ging, immer leise zu sein. So war Gerald begeisterter Verfechter der Idee des Schwabenstreichs: Täglich um 19:00 h sollten bundesweit die Fenster aufgehen und RentnerInnen, Kinder, alle sollten ihren Ärger über Stuttgart 21 herausschreien. Die Bildzeitung schrieb über Gerald als den „Opa, der dem Staat die Zunge herausstreckt“. Dazu druckten sie ein Foto von Gerald, wie er von zwei Polizisten weggetragen wird. Dabei hielten die Polizisten Gerald extra etwas höher, damit er für die Fotografen gut zu sehen ist – nach Absprache mit Gerald, wie er mir später einmal erzählte.

Dass er regelmäßig unterschätzt wurde, nutzte Gerald intensiv für seine politische Arbeit. Denn Gerald war ein überaus kluger, warmherziger und fantasievoller Mensch. Und er setzte seine Gaben ein für eine bessere Welt, gegen Privatisierung und den Raubbau an der Umwelt. Ich traf 2006 Gerald als Vertreter des CdA (Club der Achtzigjährigen gegen die Bahnprivatisierung) auf einem Bündnistreffen in Berlin. Direkt nach dem Treffen war eine Anhörung zur Bahnprivatisierung im Bundestag, Gerald und ich fuhren gemeinsam im Taxi hin. Ich hatte mich angemeldet und trug meinen Personalausweis bei mir. Als Gerald nach seinem Ausweis gefragt wurde, streckte er plötzlich die Zunge heraus und riss die Augen auf – und gab den perfekt blödsinnigen Alten. Die Pförtnerin winkte uns beide durch und sagte nur zu mir: „Passen Sie auf ihn auf.“ Als wir die Treppe zur Anhörung hochstiegen sagte Gerald zu mir: „Das hat bisher immer geklappt. Ich habe meinen Ausweis noch nie vorgezeigt.“  Was für ein schöner Beweis, dass wir erfolgreich sein können, indem wir ungehorsam sind und dennoch sympathisch.

Carl Waßmuth

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Ich kenne wenige AktivistInnen, die mit so viel Phantasie und Schalk hinter den Ohren bis ins höchste Alter sich gegen den Unsinn – oder besser Wahnsinn –  in unserer Gesellschaft gewehrt haben, sei es Stuttgart 21, die Privatisierung des Wassers oder überhaupt der Ausverkauf unseres Gemeineigentum u.v.m.  Eigentlich kenne ich nur EINEN, das warst du Gerald!

Was hältst du davon, dass wir, die nur unwesentlich Jüngeren, den CdS (Club der Sechzig- und  Siebzigjährigen) gründen und uns damit wie du in den Bereich der drei Affen einschleichen (taub, blind und stumm), immer in der Hoffnung, dass es auch unter ihnen den einen oder die andere gibt, die uns doch zuhören?
Dorothea Härlin

1 Kommentar

  1. Lieber Gerald,du hast dich selbst als „Weberschiffchen“ bezeichnet, als jemand, der die Netzwerke spinnt und mich liebevoll in den Kreis der „Weberschiffchen“ mit aufgenommen. Ja, genau da konntest und liebtest du: Politisch Gleichgesinnte miteiinander zu vernetzen in deiner überzeugenden und mutmachenden Art, dass wir alle uns nicht unterkriegen lassen sollen. Johanna Erdmann

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