Geschäftsmodell Kinder hüten

von Carl Waßmuth

Unter dem Titel „Geschäftsmodell Kinder hüten“ berichtet die Financial Times Deutschland (FTD) über aktuelle Entwicklungen hinsichtlich der fortschreitenden Privatisierung von Krippen und Kindergärten. Anlaß des Berichts ist der Einstieg des Dienstleistungskonzerns Dussmann in den Bereich.

Laut FTD sind zwar erst 1,8 Prozent der deutschen Kitas unter unternehmerischer Führung, allerdings ist dieser Anteil gleichzeitig schnell wachsend und hat sich seit 2008 bereits verdoppelt.

Der Anteil unter reiner öffentlicher Trägerschaft beträgt nur noch 33,8 Prozent. Und auch innerhalb dieses Bereiches gibt es jede Menge Privatisierungen: Küchen werden von Sodexo betrieben, Reinigung, Hausmeisterdienste und Räumdienste im Winter sind bereits weitgehend privat.

Doch damit ist es noch nicht zu Ende mit der Privatisierung im Bildungsbereich: Privatschulen boomen, gleichzeitig wird der private Nachhilfemarkt für Europa bereits auf fünf Milliarden Euro geschätzt, in Deutschland nehmen immerhin bereits 15 Prozent aller Kinder regelmäßig Nachhilfe, und auch das Schulessen ist weitestgehend bereits in privater Hand.

Diese Entwicklung ist Ergebnis einer gezielten Förderung: Auf der einen Seite steht die Minderausstattung der öffentlichen Einrichtungen, auf der anderen die Anreizförderung für die Gründung und den Betrieb privater Einrichtungen. So wird schon das inoffizielle Ziel von einem Kitaplatz für jedes dritte Kind ab einem Jahr um 280.000 Plätze verfehlt werden. Ursprünglich sollte jedes einjährige Kind ab 2013 darauf einen Anspruch haben. Hochgradig sanierungsbedürftigen Schulgebäude rufen Schul-PPPs auf den Plan, die Sanierung und Betrieb für 15 bis 30 Jahre zu übernehmen anbieten.

Privatschulen werden im Betrieb öffentlichen Schulen bevorzugt behandelt und bekommen zum Beispiel die Kosten für Infrastruktur weitgehend gratis gestellt.

Statt eine Ausbildungsoffensive für (öffentlich angestellte!) Tagesmütter zu starten wird mit dem öffentlichen Geld die Herausbildung von prekären Einkommensituationen gefördert: private Tagesmütter haben häufig hohe Qualifikationen, aber eben durchaus nicht immer. Viel Geld gibt es in keinem Fall. Eine öffentliche Kontrolle für diesen Bereich existiert praktisch nicht, so dass Auswüchse wie Schlafmittelgaben – wie bei München vorgekommen – nicht verhindert werden können.

Die personelle Unteraustattung der Schulen mit Lehrerinnen und Lehrern ist der Faktor, der in den Pisa-Untersuchungen die höchste Signifikanz hinsichtlich der Ausbildungsqualität hatte. Deutschland ist diesbezüglich mittlerweile weitestgehend Entwicklungsland. Schul-Reformen gibt es gefühlt alle drei Jahre, auf eine 25-prozentige Aufstockung des Lehrpersonal wartet man vergeblich. Bildungsgipfel und das von der Politik vorgetragene Mantra von der Bildung als dem Schlüssel zur erfolgreichen Zukunft Deutschlands können diesen Missstand nicht mehr überdecken.

Der Effekt ist: Zahlreiche öffentliche Schulen und Kitas genießen einen schlechten Ruf, der öffentliche, demokratisch kontrollierte Sektor erodiert. Private Einrichtungen zahlen schlechtere Löhne und erhöhen dennoch die Bildungskosten für die Eltern. Der sogenannte Wettbewerb unter den Schulen bringt bestenfalls kurzfristig und nur für wenige eine bessere Bildung, langfristig und bezogen auf die große Mehrheit wird das Bildungssystem dem Gewinnstreben preisgegeben. Und dies geschieht „am grünen Zweige“: Diese Privatisierungen erfolgen in dem solventen Deutschland, nicht etwa auf Druck des IWF im kurz vor der Staatsinsolvenz stehenden Griechenland.

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