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Die Pri­va­ti­sie­rung einer Metro­po­len­bi­blio­thek

2 März 2018

Von Ulri­ke von Wie­sen­au

Die Zen­tral- und Lan­des­bi­blio­thek Ber­lin (ZLB), die größ­te öffent­li­che Biblio­thek in Deutsch­land, soll nach den Plä­nen ihrer Füh­rungs­spit­ze, neu aus­ge­rich­tet wer­den. Nicht zuletzt die Biblio­the­ka­re mit ihrer Kern­kom­pe­tenz der Medi­en­be­schaf­fung ste­hen dabei im Fokus. Statt der Beschaf­fung und Aus­wahl von Medi­en sol­len sie ver­stärkt soge­nann­te “Zukunfts­auf­ga­ben” im Besu­cher­ser­vice oder bei der Durch­füh­rung von Events über­neh­men. Man stre­be ein »Höchst­maß an wirt­schaft­li­chem Ein­satz von Fremd­dienst­leis­tun­gen« an, so die Biblio­theks­lei­tung.

Pas­send zu die­sen Plä­nen hat der Vor­stand der ZLB im Sep­tem­ber 2017 dem Groß­buch­händ­ler Hugen­du­bel den Zuschlag erteilt, in den nächs­ten Jah­ren den Groß­teil der Medi­en­be­schaf­fung für die Biblio­thek zu über­neh­men. Gleich­zei­tig wird die Zahl der haus­in­ter­nen Biblio­the­ka­re und Fach­lek­to­ren redu­ziert, und ihre Kern­auf­ga­be dar­auf beschränkt, Bedarfs­pro­fi­le zu erstel­len. Wel­che Medi­en im Ein­zel­nen aus­ge­wählt und ange­schafft wer­den, liegt im Wesent­li­chen in der Hand von Hugen­du­bel.

Gegen die­se Pri­va­ti­sie­rung, die erklär­ter­ma­ßen Bei­spiel gebend für ande­re Groß­stadt-Biblio­the­ken sein soll und somit zum Export­mo­dell wer­den könn­te, regt sich immer mas­si­ve­rer Wider­stand: Die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di kri­ti­siert, dass damit die Aus­wahl der Bücher und Medi­en »nahe­zu kom­plett an die Pri­vat­wirt­schaft über­ge­ben« wer­de. Dies stel­le die Pri­va­ti­sie­rung des eigent­li­chen Kern­be­reichs der Biblio­thek dar.

Es ist nahe­lie­gend, dass die Ange­stell­ten eines gewinn­ori­en­tier­ten Kon­zerns, der zudem ohne bil­dungs- und kul­tur­po­li­ti­schen Auf­trag im Rah­men sei­nes Par­ti­ku­lar­in­ter­es­ses han­delt, die Aus­wahl und Beschaf­fung der Medi­en nicht in ver­gleich­bar hoher Qua­li­tät leis­ten kann, wie die von der Pri­vat­wirt­schaft unab­hän­gi­gen, auf das Gemein­wohl ver­pflich­te­ten Biblio­the­ka­re der ZLB. Dar­über hin­aus sind die Biblio­the­ka­re, da nicht mehr in vol­lem Umfang mit der Aus­wahl und Beschaf­fung der Medi­en befasst, einem Pro­zess der Dequa­li­fi­zie­rung aus­ge­setzt, so dass sie auch ande­re Auf­ga­ben, wie etwa die Bera­tung von Nut­zern, nicht mehr auf dem bis­he­ri­gen Niveau erfül­len könn­ten.

Die “Hugen­du­be­li­sie­rung” der ZLB, wie es die Vor­sit­zen­de des Ber­li­ner Lan­des­ver­ban­des von ver.di aus­drückt, wird das bis­her anspruchs­vol­le und uni­ver­sel­le Pro­fil der Biblio­thek in Rich­tung eines popu­lis­ti­schen Frei­zeit- sowie Aus- und Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bots im Diens­te der Wirt­schaft ver­än­dern. Lesen als Kon­sum und Infor­ma­ti­on, um sich für die Märk­te zu ertüch­ti­gen, ste­hen im Vor­der­grund. Die­se Aus­rich­tung ist ganz im Sin­ne des Neo­li­be­ra­lis­mus, dem sich damit, par­al­lel zur Pri­va­ti­sie­rung von Schu­len, Hoch­schu­len und Medi­en, ein wei­te­res Ein­falls­tor zur Beherr­schung der öffent­li­chen Mei­nung bie­tet, eine offe­ne Flan­ke zur Indok­tri­na­ti­on in eine Welt­an­schau­ung, die alles Leben aus­blen­den will, das sich nicht quan­ti­fi­zie­ren und öko­no­mi­sie­ren lässt. Noch sind die gemein­nüt­zi­gen Struk­tu­ren in Tei­len unse­res Bil­dungs- und Infor­ma­ti­ons­we­sens vor­han­den, die eine leben­di­ge Viel­falt der Gedan­ken und Ide­en zulas­sen. Für die Bewah­rung die­ser Struk­tu­ren an der ZLB haben 20.000 Ber­li­ne­rin­nen und Ber­li­ner eine Peti­ti­on unter­schrie­ben. Eine Ant­wort der Poli­tik steht noch aus.

Pres­se­kon­takt: Ulri­ke von Wie­sen­au, GiB- Kul­tur­re­fe­rat

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7 Kommentare »

  • Rene sagt:

    Bei fast allen öffent­li­chen Biblio­the­ken gibt es eine maß­geb­li­che Beschnei­dung der Kom­pe­ten­zen von Biblio­the­ka­ren bei der Beschaf­fung von Medi­en. Ein Recher­che­ar­ti­kel von 2015 stellt eini­ge Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen dazu dar.

    Was ins Bücher­re­gal auf­ge­nom­men wird: Ein Arti­kel über die neue Rol­le der Ein­kaufs­zen­tra­le Biblio­theks­ser­vice GmbH (EKZ) bei der Neu­aus­rich­tung des Bestands­ma­nage­ments der Ber­li­ner Zen­tra­len Lan­des Biblio­thek (ZLB) und der Ber­li­ner Bezirks­bi­blio­the­ken. Über den Ankauf neu­er Bücher und Medi­en durch einen zen­tra­len Dienst­leis­ter.”

    http://denklatenz.de/artikel/kultur/ekz.html

  • Gemeingut » Blog Archive » Kampf der Kulturen sagt:

    […] „Die Pri­va­ti­sie­rung einer Metro­po­len­bi­blio­thek“, Arti­kel von Ulri­ke von Wie­sen­au […]

  • Hinweise des Tages | NachDenkSeiten – Die kritische Website sagt:

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  • Pressenza - Öffentliche Bibliotheken im Ausverkauf sagt:

    […] Dazu auch der Blog-Bei­trag: Die Pri­va­ti­sie­rung einer Metro­po­len­bi­blio­thek […]

  • Hinweise der Woche | NachDenkSeiten – Die kritische Website sagt:

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  • Hinweise der Woche | NachDenkSeiten – Die kritische Website - Das Pressebüro sagt:

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