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Biblio­thek ohne Bücher. Die Biblio­thek von Aar­hus als Blau­pau­se für Ber­lins öffent­li­che Biblio­the­ken?

4 Juli 2018

Pres­se­mit­tei­lung von Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand (GiB):

Auf der von der Par­tei Die Lin­ke am 2. Juli im Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­haus ver­an­stal­te­ten 2. Fach­ta­gung zur Zukunft der Öffent­li­chen Biblio­the­ken in Ber­lin war von der umstrit­te­nen Pri­va­ti­sie­rung der Medi­en­aus­wahl und -beschaf­fung an der Zen­tral- und Lan­des­bi­blio­thek Ber­lin (ZLB) nicht die Rede. Ledig­lich Jana Sep­pelt, zustän­di­ge Gewerk­schafts­se­kre­tä­rin von ver.di, wies in Ihrem Schluss­wort dar­auf hin. Gefei­ert wur­de dage­gen in bemer­kens­wer­ter Ein­hel­lig­keit das omi­nö­se Bei­spiel der Biblio­thek von Aar­hus in Däne­mark als Leit­stern für eine öffent­li­che Biblio­thek der Zukunft. Die wei­te­ren Vor­trä­ge zum the­ma­ti­schen Schwer­punkt der Ver­an­stal­tung — den “sich ver­än­dern­den Auf­ga­ben & Arbeits­be­din­gun­gen in den Ber­li­ner Biblio­the­ken” — befass­ten sich unter ande­rem mit der Her­aus­for­de­rung durch die Digi­ta­li­sie­rung und den ver­än­der­ten Anfor­de­run­gen an Qua­li­fi­ka­ti­on und Aus­bil­dung der Biblio­theks­mit­ar­bei­ter.

Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand (GiB) kri­ti­siert, dass die funk­tio­na­le Pri­va­ti­sie­rung und tief­grei­fen­de Umstruk­tu­rie­rung der ZLB, die selbst­ver­ständ­lich einen ent­schei­den­den Ein­fluss auf die dor­ti­gen Auf­ga­ben und die Arbeits­be­din­gun­gen hat und maß­geb­lich für die Ent­wick­lung der ande­ren öffent­li­chen Biblio­the­ken in Ber­lin ist, in den Vor­trä­gen voll­stän­dig aus­ge­blen­det wur­de. Auch übt GiB Kri­tik dar­an, dass die Biblio­thek in Aar­hus nicht in sach­lich-kri­ti­scher Form dar­ge­stellt wur­de, son­dern dass durch einen Vor­trag im Sti­le eines sub­jek­ti­ven Erleb­nis­be­richts, noch dazu ergänzt durch einen Wer­be­film, im wesent­li­chen PR dafür gemacht wur­de.

Ulri­ke von Wie­sen­au, Kul­tur­re­fe­ren­tin von Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand (GiB), kom­men­tiert die Ver­an­stal­tung wie folgt:

Es fehl­te eine kri­ti­sche Hin­ter­fra­gung des viel­ge­rühm­ten Kon­zepts einer ‘Event­bi­blio­thek’ ”, wie es in Aar­hus bereits rea­li­siert ist und als Blau­pau­se für die ZLB die­nen soll. Die­ses beinhal­tet letzt­end­lich die voll­stän­di­ge Demon­ta­ge der Biblio­thek als Biblio­thek. ‘Infor­ma­ti­on in your pocket’ ist die neue Devi­se, die Biblio­theks­di­rek­tor Knud Schulz in Aar­hus schon in die Tat umge­setzt hat: Bücher brau­che man nicht mehr, es gebe ja das Smart­pho­ne. Dabei haben inter­na­tio­na­le For­schungs­grup­pen inzwi­schen star­ke Bele­ge dafür, dass das Lesen län­ge­rer Tex­te auf dem Bild­schirm schwie­ri­ger ist und dass ver­tief­tes Lesen, Ver­ste­hen und Erin­nern wie auch die emo­tio­na­le Betei­li­gung schwe­rer fal­len als beim Buch. Dar­über hin­aus gilt, ange­sichts der Pro­ble­ma­tik von Daten­schutz und Mani­pu­la­ti­on: Gera­de eine öffent­li­che Biblio­thek soll­te sich im Hin­blick auf Goog­le & Co auch als Ort der Ent­wick­lung von Gegen­macht ver­ste­hen.”

Karl Goeb­ler, Mit­ar­bei­ter des Kul­tur­re­fe­rats von GIB, hebt her­vor:

Reprä­sen­ta­ti­ve Umfra­gen unter Biblio­theks­nut­zern in Deutsch­land haben gezeigt: Obers­te Prio­ri­tät in einer öffent­li­chen Biblio­thek hat für sie der Medi­en­be­stand und die indi­vi­du­el­le Bera­tung durch qua­li­fi­zier­te Biblio­the­ka­re bei der Medi­en­su­che. Weit weni­ger wich­tig sind dage­gen Kur­se oder ‘Events’. Aber, unab­hän­gig davon, wel­che Ange­bots­mi­schung man für ange­mes­sen oder wün­schens­wert hält: Bei einer öffent­li­chen Biblio­thek ist dar­über demo­kra­tisch und gemein­wohl­ori­en­tiert zu ent­schei­den und nicht nach den Zie­len, Prin­zi­pi­en und Kri­te­ri­en der Pri­vat­wirt­schaft. Der Tat­be­stand einer funk­tio­na­len Pri­va­ti­sie­rung und der damit ver­bun­de­nen tief­grei­fen­den Umstruk­tu­rie­rung der ZLB, die selbst­ver­ständ­lich einen ent­schei­den­den Ein­fluss auf die dor­ti­gen Auf­ga­ben und die Arbeits­be­din­gun­gen hat, wur­de in den Vor­trä­gen voll­stän­dig aus­ge­blen­det.“

Frau­ke Mahrt-Thom­sen, vom Arbeits­kreis Kri­ti­scher Biblio­the­ka­rIn­nen, stellt fest:

Von guter Arbeit kann in den öffent­li­chen Biblio­the­ken Ber­lins immer weni­ger die Rede sein, da die Bezirks­bi­blio­the­ken seit mehr als 25 Jah­ren kaputt­ge­spart und einer Kos­ten-Leis­tungs­rech­nung unter­wor­fen wer­den, die in kei­ner Wei­se an sozia­len und Qua­li­täts­kri­te­ri­en ori­en­tiert ist, son­dern ihnen eine sach­frem­de Kon­kur­renz um die bil­ligs­ten Dienst­leis­tun­gen auf­zwingt und die Spal­tung bei der Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung fort­lau­fend ver­tieft anstatt sie auf­zu­he­ben. Durch Strei­chung von Stel­len und Aus­bil­dungs­plät­zen, durch Pri­va­ti­sie­rung zen­tra­ler Auf­ga­ben­fel­der wer­den anspruchs­voll aus­ge­bil­de­te Biblio­the­ka­rIn­nen immer mehr abge­schafft und durch preis­wer­te­re Fach­an­ge­stell­te für Medi­en- und Infor­ma­ti­ons­dienst­leis­tun­gen ersetzt.“

GiB befürch­tet: Das sich an der ZLB voll­zie­hen­de Pri­va­ti­sie­rungs- und Ent­ker­nungs­mo­dell von Wis­sen könn­te an Deutsch­lands öffent­li­chen Biblio­the­ken Schu­le machen. Von einer rot-rot-grü­nen Ber­li­ner Regie­rung erwar­ten wir eine Poli­tik, die die aktu­ell dro­hen­de Pri­va­ti­sie­rung von Schul­bau und Schul­be­trieb ver­hin­dert und die Pri­va­ti­sie­rung der Medi­en­aus­wahl und -beschaf­fung an der Zen­tral- und Lan­des­bi­blio­thek Ber­lin (ZLB) rück­gän­gig macht. Im Novem­ber 2016 hat­te die Ber­li­ner LIN­KE das Wahl­ver­spre­chen gege­ben, sich dafür ein­zu­set­zen, dass die Zen­tral- und Lan­des­bi­blio­thek wie­der durch eige­ne Fach­lek­to­ren mit Büchern ver­sorgt wird. Eine kla­re Posi­tio­nie­rung gegen eine Pri­va­ti­sie­rung der Medi­en­be­schaf­fung an Ber­lins öffent­li­chen Biblio­the­ken, die nun zügig umge­setzt wer­den muss.

Pres­se­kon­takt: Ulri­ke von Wie­sen­au

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