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Wie mit der Aus­län­der­maut die Auto­bahn pri­va­ti­siert wird

7 April 2015
Bild: Alexander Blum, wikipedia.de

Bild: Alex­an­der Blum, wikipedia.de

Von Carl Waß­muth / GiB

In der Debat­te um die Aus­län­der­maut ging es viel um EU-Kon­for­mi­tät und wacke­li­ge Ein­nah­menschät­zun­gen. Es ist u.a. GiB zu ver­dan­ken, dass auch dar­über gespro­chen wur­de, dass mit dem Pro­jekt auch oder vor allem die Auto­bahn­pri­va­ti­sie­rung vor­be­rei­tet wird. Lau­ra Valen­tu­ke­vici­u­te von GiB dazu in der Bun­des­tags­an­hö­rung am 16.3.2015:

Mit dem Ent­wurf zur Infra­struk­tur­ab­ga­be haben wir genau das, was von der Kom­mis­si­on von Sig­mar Gabri­el als Pri­va­ti­sie­rungs­vor­ha­ben vor­schla­gen und vor­be­rei­tet wird. Das zen­tra­le Pro­blem ist die Ver­teue­rung der Infra­struk­tur bei die­sen Pro­jek­ten. Der Grund dafür ist, dass die pri­va­ten Anle­ger auch eine garan­tier­te Ren­di­te für die angeb­li­che Risi­ko­über­nah­me erwar­ten.“1

In der Bun­des­tags­de­bat­te am 27.03.2015 bestä­tig­te die Regie­rung nun auch selbst, dass man mit der Maut pri­va­ti­sie­ren will.2 So lob­te Alex­an­der Dob­rindt, Bun­des­mi­nis­ter für Ver­kehr und digi­ta­le Infra­struk­tur, das Vor­ha­ben nicht nur unbe­schei­den als Teil der „größ­ten Moder­ni­sie­rungs­of­fen­si­ve der bun­des­deut­schen Geschich­te“. Er sprach auch von der Maut im Zusam­men­hang mit „stär­ke­rer Ein­bin­dung von pri­va­tem Kapi­tal – ÖPP“ und ver­sprach „Mit­tel aus öffent­lich-pri­va­ten Part­ner­schaf­ten“. Ein­ge­bun­den wer­den soll hier die öffent­li­che Infra­struk­tur – eine bedeut­sa­me Wort­ver­dre­hung.3 In den lang­fris­ti­gen Ver­trä­gen mit zuge­si­cher­ter hoher Ren­di­te an Ver­si­che­rungs­kon­zer­ne wird die Infra­struk­tur näm­lich zum Pfand. Auch bekommt man kei­ne zusätz­li­chen Mit­tel aus den öffent­lich-pri­va­ten Part­ner­schaf­ten, son­dern muss für die­se Kon­struk­tio­nen bezah­len – und das nicht zu knapp.

Zurück zur Bun­des­tags­de­bat­te. Die Oppo­si­ti­on gibt ihr bes­tes: Sie macht auf das skan­da­lö­se par­la­men­ta­ri­sche Geba­ren auf­merk­sam, bei dem Vor­schlä­ge Geset­zes­än­de­run­gen 42 Minu­ten vor Sit­zungs­be­ginn ver­teilt wer­den, sie lis­tet eine Legi­on von Wider­sprü­chen und Absur­di­tä­ten im Rah­men der vor­ge­schla­ge­nen Aus­län­der­maut auf, auch die damit ein­her­ge­hen­de Pri­va­ti­sie­rung wird ange­pran­gert. Aber die gro­ße Koali­ti­on stellt nun ein­mal 80 Pro­zent der Abge­ord­ne­ten, und so bekommt man vor allem aus­rei­chend Gele­gen­heit, die Regie­rungs­po­si­ti­on zu ver­neh­men. Arnold Vaatz (CDU/CSU), hält es für rich­tig,

dar­über nach­zu­den­ken, wie wir in Zukunft ver­mehrt pri­va­tes Kapi­tal in die Infra­struk­tur­fi­nan­zie­rung ein­bin­den kön­nen.“ Arnold Vaatz wei­ter: „PPP-Pro­jek­te und Poo­ling-Pro­jek­te drän­gen sich hier auf.“

Dr. Phil­ipp Mur­mann (CDU/CSU), ist der Auf­fas­sung, zur Infra­struk­tur­fi­nan­zie­rung benö­ti­ge man die Aus­län­der­maut:

Dafür brau­chen wir aber auch die­se Infra­struk­tur­ab­ga­be, und wir brau­chen insti­tu­tio­nel­le Inves­to­ren oder ande­re, die sich an sol­chen Pro­jek­ten betei­li­gen.

Auch teilt er mit, man dis­ku­tie­re

ob wir eine Bun­des­au­to­bahn­in­fra­struk­tur­ge­sell­schaft grün­den, eine staat­li­che Gesell­schaft, die wie­der­um zusätz­lich pri­va­tes Kapi­tal für Pro­jek­te ein­sam­meln kann.“

Was sagt nun die SPD dazu? Die fin­det die Maut nicht so toll. Und sie sieht auch, dass objek­tiv vie­les dage­gen spricht. Das drückt Bet­ti­na Hage­dorn (SPD), fol­gen­der­ma­ßen aus:

Von den 15 gela­de­nen Sach­ver­stän­di­gen waren nur 4 von dem Gesetz­ent­wurf zur Pkw-Maut ganz ein­deu­tig begeis­tert, der hier auf dem Tisch liegt, weil es dazu vie­le Fra­gen gibt.“

Das bringt die SPD aber nicht dazu, dage­gen zu stim­men. Wozu Sach­ver­stän­di­ge, wozu Anhö­run­gen, wenn man doch einen Minis­ter hat? Bet­ti­na Hage­dorn wei­ter:

Wir ver­trau­en dem Ver­kehrs­mi­nis­ter, dass er mit sei­ner Pro­gno­se recht behält, dass die­se Pkw-Maut euro­pa­rechts­kon­form ist, Ein­nah­men in erheb­li­chem Umfang gene­rie­ren wird und dass kein deut­scher Auto­fah­rer mehr bezah­len wird als bis­her.“

Die schwa­che Begrün­dung lau­tet etwa: ‚Wir haben den Min­dest­lohn bekom­men, dann bekommt ihr die Aus­län­der­maut.‘ Rolf Müt­zenich (SPD) drückt das auf eine Bür­ger­an­fra­ge hin wie folgt aus:

Die Erwar­tung, dass wir als SPD-Abge­ord­ne­te unse­rem Gewis­sen fol­gen, erfül­len wir gern, denn dies ist in der SPD-Frak­ti­on einer der wich­tigs­ten, wenn nicht der wich­tigs­te Maß­stab. Die PKW-Maut, eine Stra­ßen­be­nut­zungs­ge­bühr, gehört in unse­rem Wer­te­ka­non aller­dings nicht zu den Gewis­sens­ent­schei­dun­gen.“4

Die Pri­va­ti­sie­rung der Daseins­vor­sor­ge, die Ver­schleu­de­rung von Steu­er­gel­dern ist dem­nach kei­ne Gewis­sens­ent­schei­dung? Inter­es­sant. Aus der SPD-Frak­ti­on haben übri­gens elf Abge­ord­ne­te gegen die Maut gestimmt, ver­mut­lich aus Gewis­sens­grün­den:

Dr. Danie­la De Rid­der, SPD, Mit­telems

Elvi­ra Dro­bin­ski-Weiß, SPD, Offen­burg

Chris­ti­an Fli­sek, SPD, Pas­sau

Micha­el Ger­des, SPD, Bot­trop — Reck­ling­hau­sen III

Micha­el Groß, SPD, Reck­ling­hau­sen II

Ulrich Ham­pel, SPD, Coes­feld — Stein­furt II

Tho­mas Hit­sch­ler, SPD, Süd­pfalz

Mat­thi­as Ilgen, SPD, Nord­fries­land — Dith­mar­schen Nord

Dr. Bär­bel Kof­ler, SPD, Traun­stein

Mar­kus Pasch­ke, SPD, Unte­rems

Johann Saat­hoff, SPD, Aurich — Emden

1 Anhö­rung im Finanz­aus­schuss des Bun­des­tags zur PKW-Maut, https://www.gemeingut.org/anhoerung-im-finanzausschuss-des-bundestags-zur-pkw-maut/

2 http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/039/1803990.pdf, Ent­wurf eines Geset­zes zur Ein­füh­rung einer Infra­struk­tur­ab­ga­be für die Benut­zung von Bun­des­fern­stra­ßen vom 11.02.2015

3 Auf die­sen Umstand macht Prof. Jür­gen Schutte auf­merk­sam.

4 http://www.abgeordnetenwatch.de/dr_rolf_muetzenich-778–78357–f433408.html#q433408

Ein Kommentar »

  • nero sagt:

    Wird die neue “Bun­des­au­to­bahn­in­fra­struk­tur­ge­sell­schaft” BAIG zur Deut­sche Bahn AG 2.0 ?

    Dob­rindt und Gabri­els ÖPP-Kom­mis­si­on wol­len offen­bar in einem Auf­wasch eine “Bun­des­au­to­bahn­in­fra­struk­tur­ge­sell­schaft” (BAIG ?) grün­den. Das wäre ja der glei­che genia­le Pri­vat­sie­rungs­streich wie bei der Grün­dung der “Deut­sche Bahn AG” vor über 29 Jah­ren. !

    Der Bund grün­det eine Gesell­schaft, die voll­kom­men ohne jede poli­ti­sche Kon­trol­le mit den gegen­wär­ti­gen und mit den (noch ver­steck­ten) staat­li­chen Gel­dern schal­ten und wal­ten kann — Mana­ger­ge­häl­ter und Vor­stands­bo­ni inklu­si­ve.

    Die dann teils aus der zwei­ten Rei­he der Poli­tik, teils aus der drit­ten Rei­he des Busi­ness zu rek­kru­tie­ren­den Geschäfts­füh­rer die­ser BAIG wer­den mit den Ver­si­che­rungs- und ein­schlä­gi­gen Bau­kon­sor­ti­en Ver­trä­ge abschlie­ßen, die der Öffent­lich­keit eben­so ver­bor­gen blei­ben wer­den wie den (des­in­ter­es­sier­ten, weil unzu­stän­di­gen) Par­la­men­ten in Bund, Län­dern, Land­krei­sen und Kom­mu­nen.

    Dafür aber wer­den die Käm­me­rer der öffent­li­chen Kas­sen früh genug erfah­ren, dass die Bun­des­re­gie­rung Mer­kel, Gabri­el, Dob­rindt im Jah­re 2015 -trotz angeb­li­cher for­ma­ler Schul­den­brem­se- den Pri­va­ten über Jahr­zehn­te über­teu­er­te Raten­zah­lun­gen aus Steu­er­mit­teln zusa­gen ließ, die spä­ter plötz­lich aus dem lan­ge ver­heim­lich­ten Nichts der gehei­men ÖPP-Ver­trä­ge auf­tau­chen wer­den.

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