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Geheim­sa­che Schul­pri­va­ti­sie­rung

6 Mai 2017

Man­fred Kan­nen­berg vom Frei­bur­ger Insti­tut für sozia­le Gegen­warts­fra­gen im Gespräch mit Ulri­ke von Wie­sen­au von GiB

 

Man­fred Kan­nen­berg: Grund­ge­setz­än­de­run­gen, Auto­bahn- und Schul­pri­va­ti­sie­rung – ein schwer durch­schau­ba­res Sze­na­rio steht da im poli­ti­schen Raum. Kön­nen Sie die Zusam­men­hän­ge kurz erläu­tern?

Ulri­ke von Wie­sen­au: Vor der Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber steht Deutsch­land eine mas­si­ve Pri­va­ti­sie­rungs­of­fen­si­ve ins Haus. 13 Grund­ge­setz­än­de­run­gen sol­len in den nächs­ten Wochen im Eil­tem­po durch Bun­des­tag und Bun­des­rat gebracht wer­den, um die recht­li­che Grund­la­ge für die Pri­va­ti­sie­rung der Auto­bah­nen in Deutsch­land zu schaf­fen. Die Geset­zes­än­de­run­gen schmä­lern das Eigen­tum und die Rech­te der Län­der und zen­tra­li­sie­ren den Besitz an den Auto­bah­nen in einer pri­vat­recht­li­chen ver­fass­ten Infra­struk­tur­ge­sell­schaft unter Bun­des­re­gie, die künf­tig allein für Pla­nung, Bau und Betrieb der Auto­bah­nen zustän­dig sein soll. An der Öffent­lich­keit vor­bei will die Gro­ße Koali­ti­on die Vor­aus­set­zun­gen schaf­fen, dass zukünf­tig Betriebs- und Nut­zungs­rech­te der bun­des­deut­schen Auto­bah­nen an pri­va­te Finanz­in­ves­to­ren über­tra­gen wer­den kön­nen. Vaga­bun­die­ren­des Kapi­tal fin­det so hoch­pro­fi­ta­ble und siche­re Anla­ge­mög­lich­kei­ten – und das nicht nur im Bereich der Auto­bah­nen, denn die Grund­ge­setz­än­de­run­gen schaf­fen die Vor­aus­set­zung für Pri­va­ti­sie­run­gen in ande­ren Berei­chen, z.B. auch im Schul­bau. Mit ande­ren Wor­ten: Das geplan­te Vor­ha­ben stellt den bis­lang mas­sivs­ten Aus­ver­kauf der öffent­li­chen Infra­struk­tur dar, doch die Men­schen im Land wis­sen prak­tisch nichts davon!

Haben das Pro­blem erkannt und benannt: Pro­test gegen Schul­pri­va­ti­sie­rung der GEW Hes­sen mit DGB Bun­des­vor­stand Ste­fan Kör­zell

Bis­her wur­de das Ände­rungs­pa­ket in der Öffent­lich­keit fast aus­schließ­lich unter dem Aspekt der Auto­bahn­pri­va­ti­sie­rung dis­ku­tiert. Sie sind offen­bar der Ansicht, dass es bei den umfang­rei­chen Grund­ge­setz­än­de­run­gen auch um Pri­va­ti­sie­run­gen im Schul­be­reich geht. Kön­nen Sie das näher erläu­tern?

Auch Bau und Sanie­rung von Schul­ge­bäu­den mit pri­va­ten Inves­to­ren über Pro­jek­te der Öffent­lich-Pri­va­ten Part­ner­schaft (ÖPP/PPP) sol­len im Rah­men des geplan­ten Geset­zes­pa­kets recht­lich abge­si­chert wer­den. Bil­dungs­fra­gen sind bis­lang in wei­ten Berei­chen Län­der­sa­che. Die­ser Grund­satz soll nun in Fra­ge gestellt wer­den, indem das soge­nann­te Koope­ra­ti­ons­ver­bot gelo­ckert wird. Mit der Ein­fü­gung des Arti­kel 104c ins GG wür­de der Bund Gemein­den Finanz­hil­fen im Bereich der kom­mu­na­len Bil­dungs­in­fra­struk­tur leis­ten dür­fen. Es ist offen­sicht­lich, dass die Bun­des­re­gie­rung hier ver­sucht, die Mise­re im Bil­dungs­we­sen zu nut­zen, um pri­va­ten Inves­to­ren Zugang zu För­der­gel­dern des Bun­des zu ver­schaf­fen. In den Gesetz­ent­wür­fen wer­den ÖPPs im Schul­bau dann auch expli­zit als för­der­fä­hig auf­ge­führt. Bil­dungs­po­li­ti­ker, die fei­ern, dass bald 3,5 Mil­li­ar­den Euro an finanz­schwa­che Kom­mu­nen gehen, ver­schwei­gen, dass die Schu­len damit Gefahr lau­fen, zum Anla­ge­ob­jekt von Kon­zer­nen zu wer­den. Die per­so­nell aus­ge­dünn­ten Bau­äm­ter in den Kom­mu­nen wer­den dem­nächst Gel­der in Aus­sicht haben, die mög­lichst schnell abge­ru­fen wer­den müs­sen. Da Kapa­zi­tä­ten in den kaputt­ge­spar­ten Ämtern feh­len, ist das Ein­falls­tor für die Pri­va­ten abzu­se­hen:

Über­all wer­den „Infra­struk­tur­ge­sell­schaf­ten“ gegrün­det wer­den und eine Schu­le nach der ande­ren wird unter ÖPP-Regie fal­len.

Öffent­lich-pri­va­te Part­ner­schaf­ten, also eine Part­ner­schaft zwi­schen der öffent­li­chen und der pri­vat­wirt­schaft­li­chen Sei­te, das hört sich erst ein­mal nicht so schlecht an.

ÖPP“ lau­tet seit Jah­ren die Zau­ber­for­mel in vie­len Kom­mu­nen und beim Bund, obwohl sich das Geschäfts­mo­dell längst dis­kre­di­tiert hat. Der Kern von ÖPP sind pri­vat­recht­li­che Geheim­ver­trä­ge, die von inter­na­tio­na­len Kanz­lei­en ent­wor­fen wer­den, und gehei­me Schieds­ge­rich­te, die die par­la­men­ta­ri­sche Kon­trol­le durch ihre Par­al­lel­jus­tiz aus­he­beln. Den­ken wir an die Pri­va­ti­sie­rung der Ber­li­ner Was­ser­be­trie­be im Rah­men von ÖPP: auch hier gab es Geheim­ver­trä­ge und pri­va­te Schieds­ge­rich­te. Was die Behaup­tung angeht, die Pri­va­ten sei­en effi­zi­en­ter, so haben die Rech­nungs­hö­fe des Bun­des und der Län­der 18 ÖPP-Pro­jek­te unter­sucht. In 80 Pro­zent der Fäl­le fehl­te der Nach­weis des von pri­va­ten Bera­tern behaup­te­ten Effi­zi­enz­vor­teils, die ÖPP- Pro­jek­te waren teu­rer als in öffent­li­cher Durch­füh­rung. ÖPP ist defi­ni­tiv kei­ne Part­ner­schaft auf Augen­hö­he son­dern eine insti­tu­tio­na­li­sier­te Form, Gewin­ne zu pri­va­ti­sie­ren und Ver­lus­te der All­ge­mein­heit auf­zu­bür­den.

Sehen Sie denn Öffent­lich-Pri­va­te-Part­ner­schaf­ten im Bereich der Bil­dungs­in­fra­struk­tur durch­weg kri­tisch?

Es wäre drin­gend an der Zeit, der Finanz­not der Kom­mu­nen durch eine gerech­te­re Auf­tei­lung von Gel­dern und Las­ten zu begeg­nen. Die Ursa­che für den Sanie­rungs­stau im Bereich der kom­mu­na­len Infra­struk­tur ist die Unter­fi­nan­zie­rung der Kom­mu­nen. Statt­des­sen stellt der Bund Kom­mu­nen Geld zur Sanie­rung von Schu­len in Aus­sicht, mit der Emp­feh­lung, auf ÖPP zurück­zu­grei­fen. Nun schließt das Begleit­ge­setz zwar nicht aus, Schu­len mit einer rein staat­li­chen Finan­zie­rung instand­zu­set­zen, aber die Kom­mu­nen ver­sto­ßen damit häu­fig gegen die Vor­ga­ben der Schul­den­brem­se, die für ÖPP-Pro­jek­te bezeich­nen­der­wei­se kei­ne Gül­tig­keit hat, obwohl die­se den Staat am Ende viel teu­rer zu ste­hen kom­men. Inzwi­schen gibt es genug Fäl­le, die den Irr­weg der Pri­va­ti­sie­run­gen im Schul­be­trieb bele­gen. Im Land­kreis Offen­bach wur­den 90 Schu­len per ÖPP ver­ge­ben. Jetzt müs­sen die Kom­mu­nen Kre­di­te auf­neh­men, um die lau­fen­den Kos­ten zu decken.

Was bedeu­tet ÖPP kon­kret für die betrof­fe­nen Schu­len?

Über die pri­vat­recht­li­chen ÖPP-Ver­trä­ge bekom­men die Inves­to­ren weit­rei­chen­den Ein­fluss auf den Schul­be­reich. Die Schu­le gehört zwar for­mell wei­ter dem Staat, aber das Haus­recht über die Schul­räu­me läge künf­tig bei den Inves­to­ren, sie bestim­men dann auch dar­über, wie die Schu­len nach dem Unter­richt, am Wochen­en­de und in den Feri­en genutzt wer­den. Selbst die Leh­rer-Park­plät­ze könn­ten künf­tig bewirt­schaf­tet wer­den. Die Schul­aus­rüs­tung, die tech­ni­sche Aus­stat­tung, das Schu­les­sen, die Rei­ni­gung wird von ihnen fest­ge­legt wer­den, die Instand­hal­tung und Repa­ra­tur liegt in ihren Hän­den. Sie kön­nen dar­über hin­aus alles ver­wer­ten, was sich zu Geld machen lässt. Nach 30 Jah­ren fin­det die Rück­über­ga­be statt, es ist abseh­bar, in wel­chem Zustand die Gebäu­de sein wer­den, wenn das Gebot der Gewinn­ma­xi­mie­rung den Betrieb domi­niert. Zu den bil­dungs­po­li­ti­schen Aus­wir­kun­gen zählt, dass der demo­kra­ti­sche Ein­fluss auf die Gestal­tung des Schul­we­sens redu­ziert wird, weil die pri­va­ten Betrei­ber über ihre Ver­trags­ge­stal­tung kei­nen Ein­fluss zulas­sen. Die kom­mu­na­len Par­la­men­te haben kei­nen Ein­blick in die Ver­trags­ge­stal­tung und wer­den nur noch redu­ziert ent­schei­dungs­be­fugt sein. Es liegt auf der Hand, dass auch die Qua­li­tät der Bil­dung auf Dau­er von der Pri­va­ti­sie­rung betrof­fen sein wird.

Ver­tre­ter der Gro­ßen Koali­ti­on behaup­ten, dass nie­mand vor­hät­te, Auto­bah­nen und Schu­len zu pri­va­ti­sie­ren und der Bund Eigen­tü­mer blei­be…

Das ist eine mas­si­ve Täu­schung der Öffent­lich­keit. Ent­schei­dend ist: Sobald eine pri­vat­recht­li­che Infra­struk­tur­ge­sell­schaft gebil­det wird, kann man Pri­va­ti­sie­run­gen gar nicht aus­schlie­ßen. Denn die Ent­schei­dung wird dann nicht mehr im Bun­des­tag, son­dern im Vor­stand der Gesell­schaft gefällt. Auch der Bun­des­rech­nungs­hof hat die Geset­zes­än­de­run­gen als Pri­va­ti­sie­rung durch die Hin­ter­tür bezeich­net. Der Tat­be­stand, dass Schu­len und Auto­bah­nen im öffent­li­chen Eigen­tum blei­ben, schließt aber die zahl­rei­chen Pri­va­ti­sie­rungs­mög­lich­kei­ten nicht aus, weder Öffent­lich-Pri­va­te Part­ner­schaf­ten noch stil­le Betei­li­gun­gen und ande­re eigen­ka­pi­tal­ähn­li­che Anla­ge­for­men. Ganz wich­tig ist jetzt: die Ver­tre­ter der Regie­rungs­par­tei­en müs­sen in die­ser wich­ti­gen Fra­ge gezwun­gen wer­den, Far­be zu beken­nen. Das Geset­zes­pa­ket muss auf­ge­schnürt wer­den, damit über die ein­zel­nen Tei­le sepa­rat abge­stimmt wer­den kann.  Bil­dung ist eines der höchs­ten Güter, eine fort­schrei­ten­de Pri­va­ti­sie­rung im Bil­dungs­be­reich schä­digt unse­re Gesell­schaft. Dass die Bun­des­re­gie­rung für eine sol­che Pri­va­ti­sie­rung das Grund­ge­setz ändern möch­te, trifft die Gesell­schaft im Inners­ten. Die immer wei­te­re Ent­mach­tung der Par­la­men­te durch pri­vat­recht­li­che Geheim­ver­trä­ge und die Par­al­lel­jus­tiz der gehei­men Schieds­ge­rich­te höh­len die Demo­kra­tie aus. Dem müs­sen wir in aller Ent­schie­den­heit ent­ge­gen­tre­ten.


Ulri­ke Wie­sen­au, Foto: pri­vat

Ulri­ke von Wie­sen­au arbei­tet als Bera­te­rin von NGOs, inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen und Regie­rungs­de­le­ga­tio­nen und setzt sich als Demo­kra­tie- Exper­tin bei »Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand« für den Erhalt und die Demo­kra­ti­sie­rung der Daseins­vor­sor­ge ein.

Das Inter­view erschien zuerst auf https://www.pressenza.com/de/2017/04/geheimsache-schulprivatisierung/, Lizenz Crea­ti­ve Com­mons 4.0.

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