Die altehrwürdige Londoner Tube und ihr PPP-Waterloo

London Underground

Seit 1863 ist die Londoner U-Bahn in Betrieb. Doch kaum jemand weiß, dass zu ihrer Geschichte auch ein gescheiterter Privatisierungsversuch gehört.

Lothar Reinhard / MBI-Fraktionssprecher

Die älteste U-Bahn der Welt, die Londoner Tube, wurde letzte Woche 150 Jahre alt. Täglich benutzen durchschnittlich etwa 3,2 Millionen Fahrgäste das Underground-System, an Wochentagen bis zu 3,7 Millionen. Im Geschäftsjahr 2011/2012 wurden insgesamt 1,171 Milliarden Fahrten unternommen, was einen neuen Rekordwert darstellt.

Was bei verschiedenen Jubiläumsberichten über die altehrwürdige Tube meist ausgeblendet wurde, ist das Desaster der Jahre 2003 bis 2007, als die Londoner U-Bahn als größtes britisches PPP-Projekt (private public partnership) privatisiert worden war. Auch Wikipedia lässt dies z.B. gänzlich weg.

Der größte der sog. privaten „Partner“ war die Metronet, ein eigens für dieses PPP-Projekt gebildetes Firmenkonsortium. Metronet bestand aus fünf Aktionären: Dem weltgrößten Waggon- und Lokhersteller Bombardier aus Kanada, dem privatisierten Londoner Wasser- und Abwasserunternehmen Thames Water, damals RWE, dem größten europäischen Energiekonzern Electricité de France (EdF), dem englischen Baukonzern Balfour Beatty und dem englischen Ingenieursunternehmen WS Atkins. Metronet hatte sich 2003 im PPP-Vertrag verpflichtet, den größeren Teil der maroden Londoner U-Bahn zu sanieren und 30 Jahre lang in Schuss zu halten für anfänglich 950 Mio. € pro Jahr. Doch bereits 2007 meldete Metronet Konkurs an. Nun musste aufgrund des Public-Private-Partnership-Vertrags der Staat die Folgen tragen. Keine 4 Jahre nach dem Start erwies sich das Projekt als Milliardengrab für die Steuerzahler.

Nach der Privatisierung wurde in der Tube nichts besser, aber vieles schlechter. Die berühmte Londoner U-Bahn wurde immer unpünktlicher, die Fahrpreise sind in die Höhe geschnellt. Signale fielen aus, Weichen klemmten, die Motoren der Züge sprangen nicht an, Unfälle, Entgleisungen und Stopps häuften sich. Einzelne Linien wurden bis zu vier Tagen komplett stillgelegt. Sicherheitsbremsen setzen aus u.v.m..

Schließlich kaufte London für ca. 6 Milliarden seine U-Bahn quasi „zurück“, auch um diese für die Olympischen Spiele 2012 wieder voll betriebsfähig gestalten zu können, was ja auch gelang!

Der deutsche Medienkonsument erfuhr bis heute so gut wie nichts über dieses Desaster, das sich im Land seiner Erfindung um das neue „Wundermittel“ PPP entwickelt hatte. Die englischen Medien waren über Jahren voll mit Katastrophenmeldungen, so dass die Korrespondenten etwa von Handelsblatt, FAZ, Spiegel, ARD, ZDF, RTL das zwar hautnah mit bekamen, aber bis heute fast ausnahmslos beharrlich verschwiegen.

Das größte PPP-Projekt Englands und dessen für die öffentliche Hand desaströse Beendigung war und ist in deutschen Medien anscheinend tabu. Die Londoner U-Bahn tauchte vor allem und fast ausschließlich auf, wenn es um tatsächliche oder vermeintliche terroristische Anschläge ging. Dass die Privatisierung nach dem PPP-Muster einen Daueranschlag auf die Sicherheit und die Geldbörsen von Millionen Fahrgästen darstellte – dazu herrschte und herrscht in Deutschland verbissenes Schweigen, selbst bei den Berichten zum Geburtstag dieser ältesten und berühmtesten U-Bahn der Welt!

Mehr auch im damaligen Artikel von W. Rügemer zur Insolvenz von Metronet: „Public Private Partnership wird zum Milliardengrab für Steuergelder. Das Firmenkonsortium Metronet unterhält Londons U-Bahn und hat nun Insolvenz beantragt“ unter http://www.mbi-mh.de/bis2009/PPPalsWaterloo.pdf.

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