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A7 — ÖPP-Fass ohne Boden

26 Juli 2017

von Carl Waß­muth

Dass mit ÖPP oft etwas nicht stimmt, ist mitt­ler­wei­le schon so etwas wie ein geflü­gel­tes Wort. Wo die Pro­ble­me im Ein­zel­nen lie­gen, ist hin­ge­gen vie­len nicht bekannt. Das ÖPP-Pro­jekt auf der A7 zwi­schen Salz­git­ter und Göt­tin­gen ist ein Bei­spiel, und ein beson­ders kras­ses oben­drein. Man kann dar­an Fol­gen­des sehen:

Mit ÖPP dau­ert es län­ger – manch­mal viel län­ger

Im Fall der A7 betrug die ÖPP-Ver­zö­ge­rung acht Jah­re. 2012 stell­te der Bun­des­rech­nungs­hof in einem Bericht zum Vor­ha­ben fest:

Im Jahr 2005 plan­te die Stra­ßen­bau­ver­wal­tung den Bau­be­ginn für den Abschnitt Auto­bahn­drei­eck Salz­git­ter bis zur Anschlus­s­tel­le Bocke­nem für das Jahr 2009. Der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss lag für den o.g. Abschnitt am 25.11.2008 vor. Die Stra­ßen­bau­ver­wal­tung konn­te ihre Pla­nung aus dem Jah­re 2005 nicht umset­zen, weil das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um im Jahr 2008 ent­schied, den sechs­strei­fi­gen Aus­bau der A7 als ÖPP-Pro­jekt durch­zu­füh­ren.”

Bei der Eröff­nung des ÖPP-Abschnitts auf der A3 hat­te Ver­kehrs­mi­nis­ter Dob­rindt für ÖPP gewor­ben:

Mit ÖPP bau­en wir schnell […] und ver­rin­gern den größ­ten volks­wirt­schaft­li­chen Scha­den: den Stau.“

Acht Jah­re sind also schnell? Man möch­te nicht wis­sen, was bei Dob­rindt dann lang­sam ist.

Mit ÖPP wird es teu­rer

Im glei­chen Bericht wur­de für den 72 Kilo­me­ter lan­gen Stre­cken­ab­schnitt moniert, dass Mehr­kos­ten von 29 Mil­lio­nen Euro ent­stün­den, wenn Bau und Betrieb mit ÖPP ver­ge­ben wür­den. Die Gesamt­kos­ten im Jahr 2012 soll­ten 627 Mil­lio­nen Euro betra­gen. Hin­ter­grund der kon­ser­va­tiv geschätz­ten Mehr­kos­ten war, dass die öffent­li­che Hand die Auto­bahn ver­fal­len ließ, um auf die ÖPP-Ver­ga­be zu war­ten. Der Sanie­rungs­be­darf war seit 2004 bekannt, dazu noch ein­mal der BRH 2012:

Der Kon­zep­ti­on zur grund­haf­ten Erneue­rung der BAB A7 im Abschnitt Auto­bahn­drei­eck Salz­git­ter bis Anschlus­s­tel­le Nort­heim-Nord aus dem Jahr 2004 ist zu ent­neh­men, dass der gesam­te Bereich Schä­den auf­weist.”

Der Ent­wurf zur grund­haf­ten Erneue­rung der BAB A7 im Abschnitt Auto­bahn­drei­eck See­sen bis Anschlus­s­tel­le Nort­heim-Nord aus dem Jahr 2006 weist unter Punkt 2.4 — Bewer­tung und Scha­dens­ur­sa­chen — dar­auf hin, dass der Sub­stanz­ver­lust der Fahr­bahn­be­fes­ti­gung […] beschleu­nigt vor­an­schrei­tet.”

Unter Punkt 3.  — Not­wen­dig­keit der Bau­maß­nah­me  — wird fest­ge­stellt, dass der Erhal­tungs­auf­wand in den kom­men­den Jah­ren expo­nen­ti­ell stei­gen wer­de.”

Das Land Nie­der­sach­sen wand­te sich gegen das teu­re ÖPP-Pro­jekt, und die Beschäf­tig­ten wehr­ten sich mas­siv. Das Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um ließ sich von dro­hen­den höhe­ren Kos­ten nicht beir­ren. Nach dem Mot­to „Wollt ihr nicht? Müsst ihr aber!“ erteil­te der Minis­ter Peter Ram­sau­er Wei­sung, ein bis dato für ÖPP nie dage­we­se­ner Vor­gang.

Mit ÖPP wird es teu­rer — und manch­mal sehr viel teu­er

Nach der Minis­ter­wei­sung wur­de das Pro­jekt per ÖPP aus­ge­schrie­ben, im Früh­jahr wur­de der ÖPP-Ver­trag unter­schrie­ben. Und o Wun­der: Die Stre­cke, die die Pri­va­ten sanie­ren sol­len, ist jetzt nur noch 29 Kilo­me­ter lang. Auch die Stre­cke, die 30 Jah­re lang von den Pri­va­ten betrie­ben wer­den soll, hat sich ver­kürzt – sie soll jetzt nur noch 60 Kilo­me­ter lang sein. Gestie­gen sind allein die Gel­der, die die Steu­er­zah­len­den dafür auf­brin­gen sol­len: das gan­ze Pro­jekt soll eine Mil­li­ar­de Euro kos­ten!

Pri­va­te scheu­en bei ÖPP die Risi­ken

Eine wei­te­re Leh­re aus dem ÖPP-Pro­jekt auf der A7 in Nie­der­sach­sen ist, dass die Pri­va­ten ger­ne alles aus­klam­mern, was Risi­ken birgt. Zur Erin­ne­rung: Mit der Risi­ko­über­nah­me wird inhalt­lich die ÖPP-Ren­di­te begrün­det. Nun wer­den bei der A7 offen­bar Abschnit­te, in denen Umwelt­ri­si­ken vor­lie­gen (dort wur­den Teer­san­de ver­baut) öffent­lich saniert, und nur der Rest ging an das pri­va­te Kon­sor­ti­um.

Der Bun­des­rech­nungs­hof kann über­gan­gen wer­den

Der Bun­des­rech­nungs­hof hat­te ÖPP all­ge­mein und das ÖPP-Pro­jekt auf der A7 im Spe­zi­el­len deut­lich kri­ti­siert:

Der Bun­des­rech­nungs­hof emp­fiehlt aus  Grün­den der Wirt­schaft­lich­keit und der Ver­kehrs­si­cher­heit, umge­hend den sechs­strei­fi­gen Aus­bau nach kon­ven­tio­nel­ler Vor­ge­hens­wei­se zu begin­nen und auf das ÖPP-Pro­jekt zu ver­zich­ten.” (BRH 2012)

Die Ergeb­nis­se der vor­lie­gen­den Wirt­schaft­lich­keits­un­ter­su­chung vom Novem­ber 2012 deu­ten dar­auf hin, dass nach der­zei­ti­gem Stand die Wirt­schaft­lich­keit der ÖPP-Vari­an­te nicht nach­ge­wie­sen wer­den kann. Wenn die Hin­wei­se des Bun­des­rech­nungs­ho­fes beach­tet wer­den, ergibt sich ein wirt­schaft­li­cher Nach­teil der ÖPP-Vari­an­te von 1,94 % oder 12,8 Mio. Euro (bar­wer­tig).” (BRH 2013)

Das Erstaun­li­che ist: Bei­de Aus­sa­gen hat­ten offen­bar kei­ne Aus­wir­kung auf das Ver­ga­be­ver­fah­ren. ÖPP wur­de durch­ge­setzt — gegen jede Ver­nunft:

  • zu Las­ten der Steu­er­zah­len­den, die nun knapp 400 Mil­lio­nen Euro mehr bezah­len, für weni­ger Leis­tung,
  • zu Las­ten der Beschäf­tig­ten, die ihre Sachen packen und die Auto­bahn­meis­te­rei­en räu­men muss­ten,
  • zu Las­ten der Auto­fah­ren­den, die immer noch auf eine Sanie­rung der Stre­cke war­ten — seit 2004.

4 Kommentare »

  • Hinweise des Tages | NachDenkSeiten – Die kritische Website sagt:

    […] Quel­le: Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand […]

  • bruno neurath sagt:

    Hal­lo und guten Mor­gen
    in dem Abschnitt “Mit ÖPP wird es teu­rer – und manch­mal sehr viel teu­er” habt ihr im letz­ten Satz eine wich­ti­ge Zahl ver­ges­sen: “… das gan­ze Pro­jekt Mil­li­ar­de Euro kos­ten!”
    Soll es hei­ßen “eine Mil­li­ar­de”.
    Und gibt es für die­se Infor­ma­ti­on eine Quel­le?
    Vie­len Dank!
    bru­no neu­rath

  • Carl Waßmuth (Autor) sagt:

    Dan­ke für den Hin­weis, natür­lich muss es hei­ßen “eine Mil­li­ar­de Euro”. Wir haben das oben ergänzt. Die Quel­le dazu ist der Minis­ter selbst: https://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Pressemitteilungen/2017/022-dobrindt-oepp-a7.html

  • Öffentliche Verschuldung spart Geld – TauBlog sagt:

    […] die Steu­er­zah­ler also die For­de­run­gen von Ban­ken und Hedge­fonds wie­der bedie­nen und dabei auch noch Abstri­che bei der Qua­li­tät der ÖPP-Infra­struk­tur in kauf neh­men oder die Repa­ra­tur der Schä­den über die […]

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