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Sit­zen unse­re Auto­bah­nen auch bald in Steu­er­oa­sen?

18 November 2016
Markus Henn, Bild: GiB e.V.

Mar­kus Henn, Bild: GiB e.V.

Von Mar­kus Henn, WEED e.V., der Bei­trag ist erst­mals erschie­nen auf dem Blog vom Netz­werk Steu­er­ge­rech­tig­keit

Die­se Fra­ge legt jeden­falls eine neue Stu­die der European Ser­vices Stra­te­gy Unit (ESSU) nahe, die sich mit bri­ti­schen Pri­va­ti­sie­rungs­pro­jek­ten in Form von “Pri­va­te Finan­ce Initia­ti­ves” (PFI) bzw. “Public-Pri­va­te Part­nerships” (PPP) beschäf­tigt, dar­un­ter sol­che für Stra­ßen, Schu­len, Kran­ken­häu­ser und Gefäng­nis­se. Die Stu­die zeigt, dass durch einen regen Han­del mit Antei­len an die­sen Pro­jek­ten inzwi­schen Infra­struk­tur­fonds mit Sitz in Steu­er­oa­sen an 74% der 735 aktu­el­len PFI/PPP-Pro­jek­te Groß­bri­tan­ni­ens betei­ligt sind. Allein die fünf größ­ten die­ser Fonds mach­ten 2011–2015 rund 2,1 Mil­li­ar­den Euro Gewin­ne, die laut ESSU nicht in Groß­bri­tan­ni­en besteu­ert wur­den. Völ­lig neu ist die Ver­bin­dung von Pri­va­ti­sie­rung und Steu­er­oa­sen jedoch nicht: Bei den pri­va­ti­sier­ten bri­ti­schen Was­ser­wer­ken wur­de 2014 eben­falls Steu­er­ver­mei­dung über Steu­er­oa­sen fest­ge­stellt und schon in einer gro­ßen offi­zi­el­len Aus­wer­tung der bri­ti­schen Regie­rung 2011 kam das Pro­blem zur Spra­che (sie­he Nr. 86: “likely to adopt sophisti­ca­ted tax limi­ta­ti­on stra­te­gies”). Groß mit dabei in die­sem PPP-Fonds-Geschäft ist der vom deut­schen Bau­kon­zern Bil­fin­ger Ber­ger auf­ge­leg­te Fonds “Bil­fin­ger Ber­ger Glo­bal Infra­st­ruc­tu­re” (BBGI), der seit 2011 an der Lon­do­ner Bör­se gehan­delt wird und sei­nen Sitz in Luxem­burg hat. In ihm ste­cken nicht nur bri­ti­sche PPP-Pro­jek­te, son­dern auch laut sei­ner Web­sei­te Antei­le an Auto­bah­nen in Kana­da, Kran­ken­häu­sern in Kana­da und Aus­tra­li­en, Gefäng­nis­sen in Aus­tra­li­en und Deutsch­land (Burg), zehn Schu­len in Deutsch­land (in Frank­furt, Köln und Roden­kir­chen) und Ver­wal­tungs­ge­bäu­den in Deutsch­land (Unna und Mün­chen) (sie­he dazu auch einen guten Pres­se­be­richt hier).
Doch was haben unse­re Auto­bah­nen in Deutsch­land damit zu tun? Die­se sol­len nach Plä­nen der Bun­des­re­gie­rung in Zukunft über eine bun­des­wei­te Gesell­schaft ver­wal­tet wer­den, an der sich pri­va­te Anteils­eig­ner betei­li­gen sogar mehr als der Hälf­te könn­te sich das Finanz­mi­nis­te­ri­um vor­stel­len. Dass das for­mel­le Eigen­tum an den Auto­bah­nen bzw. Fern­stra­ßen dabei angeb­lich öffent­lich blei­ben soll, spielt nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le, denn die prak­ti­sche Kon­trol­le läge bei der Ver­wal­tungs­ge­sell­schaft und vor allem müss­ten die Ren­di­ten der pri­va­ten Inves­to­ren bedient wer­den, die in der Regel ver­trag­lich garan­tiert sind. Neben dem Pro­blem der demo­kra­ti­schen Kon­trol­le der Gemein­gü­ter ent­steht zusätz­lich ein gro­ßes steu­er­li­ches Pro­blem. Denn wenn nun z.B. die Alli­anz Ver­si­che­rung die dar­an gro­ßes Inter­es­se hat Antei­le an der neu­en Gesell­schaft erwer­ben wird, könn­te dies auch durch eine Toch­ter­ge­sell­schaft in einer Steu­er­oa­se gesche­hen bzw. könn­ten die Antei­le auf Dau­er dort­hin ver­kauft wer­den. Und zusätz­lich wür­den auf Pro­jekt­ebe­ne, das heißt bei ein­zel­nen Aus­schrei­bun­gen der neu­en Gesell­schaft für Auto­bahn­bau oder sanie­rung, die Pri­va­ten noch mehr Zugang bekom­men: Über öffent­lich-pri­va­te Part­ner­schaf­ten für Ein­zel­pro­jek­te (sie­he Kar­te hier) bekom­men sie jetzt schon vie­le Mil­lio­nen an Maut­ein­nah­men und dann viel­leicht zukünf­tig an Steu­er­gel­dern, die eben­falls an Fonds und Ver­wal­tungs­ge­sell­schaf­ten in Steu­er­oa­sen abflie­ßen könn­ten. Zwar muss ein Sitz einer Gesell­schaft oder eines Fonds in einer Steu­er­oa­se nicht zwin­gend hei­ßen, dass am Ende in Deutsch­land kei­ne Steu­ern gezahlt wer­den, teils hängt dies auch von Ein­schät­zun­gen und Erkennt­nis­sen der Behör­den ab. Doch häu­fen die oben genann­ten Luxem­bur­ger Fonds in der Regel das Geld von Groß­an­le­gern an (bei BBGI zum Bei­spiel war das 2015 mit rund 14% die Lon­do­ner Invest­ment­fir­ma M&G Invest­ments) und die­se umge­hen auch auf Dau­er eine wirk­li­che Besteue­rung. Zusätz­lich brüs­tet sich ein Fonds wie der BBGI in sei­nem Ver­kaufs­pro­spekt (S. 119) damit, in Deutsch­land kei­ne Gewer­be­steu­er und kei­ne Kör­per­schafts­steu­er zu zah­len, da man mög­lichst einen steu­er­li­chen Sitz in Deutsch­land ver­mei­de.
Wem ange­sichts des­sen eine pri­va­ti­sier­te Auto­bahn­ge­sell­schaft nicht behagt, kann hier dage­gen unter­schrei­ben.

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