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Schul­pri­va­ti­sie­rung – bis­her nur eine klei­ne Rebel­li­on in Ber­lin

16 August 2017

Ein Gast­bei­trag von Kat­rin Kusche, Ber­lin

Es rumort in eini­gen Ber­li­ner Stadt­be­zir­ken. Die vom Senat im April und Juni beschlos­se­nen Vor­la­gen und Ent­wür­fe zur Schul­bau­of­fen­si­ve Pha­se I und Pha­se II schla­gen ers­te Wel­len. Aber viel­leicht ist es auch nur ein Sturm im Was­ser­glas, und am Ende zah­len die Ber­li­ne­rin­nen und Ber­li­ner für Schul­sa­nie­rung und -neu­bau eben­so drauf wie die Bür­ge­rIn­nen in ande­ren Städ­ten: in Hal­le oder Mag­de­burg, in Kai­sers­lau­tern, Wit­ten, in Frank­furt am Main oder im Land­kreis Offen­bach (sie­he dazu den Bei­trag von Her­bert Storn, GEW BV Frank­furt). Dort ver­sprach man sich von neu­en Wegen wie öffent­lich-pri­va­ter Part­ner­schaf­ten (ÖPP) nicht nur die Auf­he­bung des Inves­ti­ti­ons­staus im Schul­be­reich, son­dern auch moder­ne Schu­len bei gleich­zei­ti­gen Kos­ten­ein­spa­run­gen. Am Ende blie­ben Mehr­kos­ten und Ernüch­te­rung. Aber wer lernt schon gern aus den Feh­lern ande­rer?

Senats­plä­ne: Heim­fall & Rein­fall

In Ber­lin plä­diert der Senat für gestaf­fel­te Struk­tu­ren bei Schul­neu­bau- und -sanie­rung. Sie sol­len sich nach dem Finanz­vo­lu­men rich­ten. Ein­zel­vor­ha­ben von bis zu fünf Mil­lio­nen Euro blei­ben in der Ver­ant­wor­tung der Stadt­be­zir­ke. Für die Abwick­lung von Pro­jek­ten von jeweils 5,5 bis zehn Mil­lio­nen Euro möch­te der Senat vier Schul­sa­nie­rungs-GmbHs instal­lie­ren, die bezirks­über­grei­fend agie­ren. Und Maß­nah­men ab jeweils zehn Mil­lio­nen Euro sol­len völ­lig aus der Kom­pe­tenz der Stadt­be­zir­ke her­aus­ge­löst und zen­tral von der Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung und Woh­nen ver­ant­wor­tet wer­den. Die­se will hier­zu eine Infra­struk­tur­ge­sell­schaft als mit­tel­ba­re lan­des­ei­ge­ne Pla­nungs- und Pro­jekt­steue­rungs­ge­sell­schaft mit eige­ner Geschäfts­füh­rung als Toch­ter der Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft HOWO­GE grün­den. Das erin­nert an die Anfang Juni auf Bun­des­ebe­ne beschlos­se­ne Auto­bahn­ge­sell­schaft, und für die ers­ten Kre­dit­auf­nah­men über die­se neu­en Struk­tu­ren sind in Ber­lin selbst­ver­ständ­lich auch schon Plä­ne vor­han­den. Auf der Web­site der Senats­ver­wal­tung für Finan­zen ist zu lesen: „Die HOWO­GE wird den Bau der Maß­nah­men über­neh­men und hier­für Kre­dit­fi­nan­zie­rung in Anspruch neh­men […] Nach Fer­tig­stel­lung der Bau­ten bzw. der Sanie­rung zahlt das Land Ber­lin für die Nut­zung der Schul­räu­me Mie­te an die HOWO­GE. Nach 20 bis 25 Jah­ren erfolgt der Heim­fall, das Eigen­tums­recht an den Lie­gen­schaf­ten geht also zurück an das Land Ber­lin.“ Ein Dia­gramm unter­legt das Vor­ha­ben mit Zah­len. Auf Heim­fall reimt sich Rein­fall. Stich­wor­te sind: Ver­lust von Ent­schei­dungs-, aber auch fach­li­cher Pla­nungs- und Ver­wal­tungs­kom­pe­tenz auf Bezirks­ebe­ne, For­cie­rung pri­vat­recht­li­cher Struk­tu­ren im Bereich öffent­li­cher Daseins­vor­sor­ge, intrans­pa­ren­te Ent­schei­dun­gen, man­geln­de demo­kra­ti­sche Kon­troll­mög­lich­kei­ten, ver­schlei­er­te Haus­hal­te unter ande­rem durch Struk­tu­ren zur Umge­hung der Schul­den­brem­se …

Rebel­li­on der Stadt­be­zir­ke bis­her zöger­lich

Im 11. August tag­ten in Ber­lin nun drei Fach­aus­schüs­se des Rates der Bür­ger­meis­ter Ber­lins und befass­ten sich mit der soge­nann­ten Schul­bau­of­fen­si­ve I und II, die letzt­lich der Schul­pri­va­ti­sie­rung neu­en Vor­schub leis­ten wird, wenn sie nicht in der vor­lie­gen­den Form gestoppt wird.

Die Fach­aus­schüs­se „Finan­zen, Per­so­nal und Wirt­schaft“, „Bil­dung, Wis­sen­schaft, Jugend, Kul­tur und Euro­pa“ und „Stadt­ent­wick­lung, Woh­nen, Umwelt­schutz, Ver­kehr, Ener­gie und Betrie­be“ und erar­bei­te­ten eine Vor­la­ge, die sie dem Rat der Bür­ger­meis­ter zum Beschluss emp­feh­len. Der tritt am 24. August zusam­men.

Der ers­te Satz der Beschluss­vor­la­ge – Ernüch­te­rung: „Der Rat der Bür­ger­meis­ter (RdB) möge beschlie­ßen: Der RdB begrüßt den Beschluss des Ber­li­ner Senats vom 13. Juni 2017 mit dem Titel Kon­zept ‚Schul­bau und -sanie­rung in Ber­lin kurz-, mit­tel und lang­fris­tig (Pha­se I und Pha­se II)‘.”

Es wird also „begrüßt“. Bleibt die Rebel­li­on der Bezir­ke aus? Wird der Schul­pri­va­ti­sie­rung wei­ter Vor­schub geleis­tet?

Schlau zitie­ren dann immer­hin die Fach­aus­schüs­se die Senats­vor­la­ge hin­sicht­lich der Zustän­dig­kei­ten, um dann im Anschluss ihre Inter­pre­ta­ti­on der Din­ge als Beschluss­vor­la­ge für den Rat der Bezirks­bür­ger­meis­ter fest­zu­klop­fen: „Daher for­dert der RdB ein Ende der Debat­te um eine Ver­än­de­rung der Auf­ga­ben­ver­tei­lung zwi­schen Land und Bezir­ken hin­sicht­lich der Schul­trä­ger­schaft und der Zustän­dig­kei­ten für den Schul­bau. Statt­des­sen for­dert der RdB ein kla­res Bekennt­nis aller poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen zur Zustän­dig­keit der Bezir­ke und die Kon­zen­tra­ti­on auf schnel­le, prag­ma­ti­sche und funk­tio­na­le Lösun­gen im Sin­ne der Schü­le­rin­nen und Schü­ler, der Eltern und der Lehr­kräf­te.“

Eini­ge Absät­ze spä­ter geht es dann aber doch dar­um, „eine ein­ver­nehm­li­che Hal­tung zu den mög­li­cher­wei­se Struk­tur ändern­den Aspek­ten der Schul­bau­of­fen­si­ve zu for­mu­lie­ren“. Gefor­dert wird, dass das Schul­amt „unab­hän­gig von der Wahl der Bau­di­enst­stel­le immer die Funk­ti­on des Schul­trä­gers“ behält. Nach dem klei­nen Auf­stand hin­sicht­lich der Trä­ger­schaft nun also ein Knie­fall bei den Infra­struk­tur­ge­sell­schaf­ten. Die Fach­aus­schüs­se brin­gen im wei­te­ren Text­ver­lauf ihrer Beschluss­vor­la­ge For­de­run­gen zur per­so­nel­len Aus­stat­tung und zu bau­li­chen Vor­ga­ben vor, um schluss­end­lich – zumin­dest für die Pro­jek­te über zehn Mil­lio­nen Euro – die zen­tra­le Abwick­lung über eine Inves­ti­ti­ons­ge­sell­schaft, in die­sem Fall eine Toch­ter der HOWO­GE, als Rat der Bür­ger­meis­ter den Bezir­ken nahe­zu­le­gen.

Die dann von den Fach­aus­schüs­sen for­mu­lier­ten Bedin­gun­gen und berech­tig­ten Beden­ken unter ande­rem zum Con­trol­ling, zur Trä­ger­schaft und zu feh­len­den Kennt­nis­sen sowie zum erfor­der­li­chen Wis­sens­trans­fer sei­tens der Bezir­ke las­sen zwar eine gewis­se Skep­sis dem Modell gegen­über auf­schei­nen. Die Kon­se­quenz hät­te aber die Ableh­nung die­ser Struk­tur sein müs­sen! Sicher­lich ist es ver­lo­ckend, die ab 2020 gel­ten­de Schul­den­brem­se zu umge­hen und über Inves­ti­ti­ons­ge­sell­schaf­ten an zusätz­li­che Kre­di­te aus der Pri­vat­wirt­schaft zu kom­men und dadurch even­tu­ell schnel­ler bau­en und sanie­ren zu kön­nen. Aber die ÖPP-Rea­li­tät ist eine ande­re. Meist wer­den die Pro­jek­te teu­rer, oft sogar bei abge­speck­tem Umfang. Und auch die Qua­li­tät und die zeit­li­che Rea­li­sie­rung sind in der Regel nicht bes­ser als bei einer kon­ven­tio­nel­len Rea­li­sie­rung durch die öffent­li­che Ver­wal­tung.

Posi­tiv auf­fällt hin­ge­gen die kri­ti­sche Hal­tung der Fach­aus­schüs­se gegen­über den vier vom Senat vor­ge­schla­ge­nen Schul­sa­nie­rungs-GmbHs. Die Fach­aus­schüs­se schla­gen dem Rat der Bür­ger­meis­ter vor, sie den Bezir­ken nicht zu emp­feh­len. Als Grün­de wer­den auf­ge­führt:

i. Bis zur Arbeits­fä­hig­keit der neu­en Sanie­rungs­ge­sell­schaf­ten ver­ge­hen min­des­tens zwei Jah­re. Dies ist bedingt durch die Schaf­fung der recht­li­chen Grund­la­gen und durch den prak­ti­schen Auf­bau einer neu­en Orga­ni­sa­ti­on mit betriebs­in­ter­nem Regel­werk, Per­so­nal­be­schaf­fung, Bud­get und Ablauf­or­ga­ni­sa­ti­on. Bis dahin geschieht an den betrof­fe­nen Schul­stand­or­ten nichts außer Not­stands­ver­wal­tung. ii. Die Mög­lich­keit der außer­ta­rif­li­chen Ver­gü­tung bringt die Bezir­ke in der Kon­kur­renz um die iden­ti­schen Pro­fes­sio­nen in eine stra­te­gisch nach­tei­li­ge Posi­ti­on mit allen nega­ti­ven Fol­gen. Ob durch beglei­ten­de Maß­nah­men die­ser Nach­teil aus­ge­gli­chen wer­den kann (sie­he oben), ist offen.”

Als Alter­na­ti­ve zu den Schul­sa­nie­rungs-GmbHs wird in dem Papier der Fach­aus­schüs­se ein noch von einer Arbeits­grup­pe zu defi­nie­ren­des über­be­zirk­li­ches Koope­ra­ti­ons­mo­dell mit einer gemein­sa­men Geschäfts­stel­le vor­ge­schla­gen. Das bleibt im in den dann fol­gen­den Aus­füh­run­gen lei­der nebu­lös, den­noch ist die grund­sätz­li­che Ana­ly­se für den Bereich der Pro­jek­te von 5,5 bis zehn Mil­lio­nen Euro rich­tig. War­um es bei Pro­jek­ten über zehn Mil­lio­nen Euro aber anders aus­se­hen soll und man dort auf eine als ÖÖP (öffent­lich-öffent­li­che Part­ner­schaft) umge­deu­te­te ÖPP (öffent­lich-pri­va­te Part­ner­schaft) set­zen will, ist umso unver­ständ­li­cher.

Wenn dann auch noch das Risi­ko­ma­nage­ment frei­wil­lig an eine Task­force und eine ihr nach­ge­ord­ne­te Pro­jekt­grup­pe abge­ge­ben wird, soll­ten alle ÖPP-Alarm­glo­cken schril­len. Gera­de bei den Wirt­schaft­lich­keits- und Risi­ko­be­trach­tun­gen wur­den sich Pro­jek­te regel­mä­ßig schön­ge­rech­net. Bun­des- und Lan­des­rech­nungs­hö­fe haben das immer wie­der moniert. Sol­che Din­ge blau­äu­gig aus der Hand zu geben ist fahr­läs­sig. Da wer­den auch die in nur acht Zei­len for­mu­lier­ten For­de­run­gen zu Sanie­rungs­fahr­plä­nen und Par­ti­zi­pa­ti­on (Schul­lei­tung, Eltern- und Leh­rer­ver­tre­ter, bezirk­li­che Gre­mi­en) am Schluss der Emp­feh­lung der Fach­aus­schüs­se kein aus­rei­chen­des Kon­troll­po­ten­ti­al bil­den.

Fehlt es der Ver­wal­tun­gen in den Bezir­ken an Mut, Auf­ga­ben, für die sie da sind, selbst wahr­zu­neh­men und im Sin­ne der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger Ber­lins kom­pe­tent und finanz­tech­nisch effi­zi­ent durch­zu­füh­ren? Ist es den Ber­lin­ne­rIn­nen zuzu­mu­ten, lang­fris­tig Zusatz­kos­ten tra­gen zu müs­sen – womög­lich am Ende für weni­ger neue Schu­len oder schlech­ter aus­ge­führ­te Sanie­run­gen, als der Senat jetzt ver­spricht?

Koope­ra­ti­ons­mo­dell soll­te Schu­le machen

Zag­haf­ter Wider­stand regt sich. Das Koope­ra­ti­ons­mo­dell, mit dem die Bezir­ke Pan­kow, Trep­tow-Köpe­nick, Lich­ten­berg und Mar­zahn-Hel­lers­dorf jetzt vor­pre­schen und von dem die Ber­li­ner Zei­tung am 15. August berich­te­te, weist in die rich­ti­ge Rich­tung und soll­te Schu­le machen. Eine gemein­sa­me Geschäfts­stel­le soll gleich­ar­ti­ge Leis­tun­gen wie bei­spiels­wei­se Pro­jekt­ma­nage­ment oder Leis­tungs­aus­schrei­bung bün­deln und Ver­ga­be­ver­fah­ren zen­tral durch­füh­ren – dies unter Mit­wir­kung der bezirk­li­chen Ver­ga­be­stel­len. Durch das Bün­deln des Know-hows wird man stär­ker, ohne sich selbst aus der bezirk­li­chen Ver­ant­wor­tung zu ent­las­sen. Dem Vor­drin­gen pri­vat­recht­li­cher, intrans­pa­ren­ter, bür­ger- und ver­wal­tungs­fer­ner GmbHs wird so ein Rie­gel vor­ge­scho­ben. War­um nicht auch für die gro­ßen Schul­neu­bau- und Sanie­rungs­pro­jek­te über zehn Mil­lio­nen Euro? Mehr Mut bit­te!

3 Kommentare »

  • Hinweise des Tages | NachDenkSeiten – Die kritische Website sagt:

    […] Schul­pri­va­ti­sie­rung – bis­her nur eine klei­ne Rebel­li­on in Ber­lin Es rumort in eini­gen Ber­li­ner Stadt­be­zir­ken. Die vom Senat im April und Juni beschlos­se­nen Vor­la­gen und Ent­wür­fe zur Schul­bau­of­fen­si­ve Pha­se I und Pha­se II schla­gen ers­te Wel­len. Aber viel­leicht ist es auch nur ein Sturm im Was­ser­glas, und am Ende zah­len die Ber­li­ne­rin­nen und Ber­li­ner für Schul­sa­nie­rung und -neu­bau eben­so drauf wie die Bür­ge­rIn­nen in ande­ren Städ­ten: in Hal­le oder Mag­de­burg, in Kai­sers­lau­tern, Wit­ten, in Frank­furt am Main oder im Land­kreis Offen­bach (sie­he dazu den Bei­trag von Her­bert Storn, GEW BV Frank­furt). Dort ver­sprach man sich von neu­en Wegen wie öffent­lich-pri­va­ter Part­ner­schaf­ten (ÖPP) nicht nur die Auf­he­bung des Inves­ti­ti­ons­staus im Schul­be­reich, son­dern auch moder­ne Schu­len bei gleich­zei­ti­gen Kos­ten­ein­spa­run­gen. Am Ende blie­ben Mehr­kos­ten und Ernüch­te­rung. Aber wer lernt schon gern aus den Feh­lern ande­rer? Quel­le: Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand […]

  • Das ABC der "Berliner Schulbauoffensive" | Gemeingut sagt:

    […] Beschluss­vor­schlag für den Rat der Bür­ger­meis­ter des Aus­schus­ses für Finan­zen, Per­so­nal und Wirt­schaft  „RdB-Vor­la­ge-Nr. R-172/2017“ vom 11.08.2017. Akktu­ell ist noch nicht bekannt, ob die Bür­ger­meis­ter der Vor­la­ge ganz oder teil­wei­se gefolgt sind. Die bezir­ke äußern eine Kri­tik an der „Ber­li­ner Schul­bau­of­fen­si­ve“, die aller­dings nicht sehr weit­rei­chend ist. Sie­he dazu den Bei­trag von Kat­rin Kusche Schul­pri­va­ti­sie­rung – bis­her nur eine klei­ne Rebel­li­on in Ber­lin […]

  • Heimfall oder Zeitablauf? | Gemeingut sagt:

    […] Schul­pri­va­ti­sie­rung – bis­her nur eine klei­ne Rebel­li­on in Ber­lin […]

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