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Schul­bau-Infra­struk­tur­ge­sell­schaf­ten füh­ren zu Schul­pri­va­ti­sie­rung und ÖPP

13 Januar 2017

Bild: Ach­tung Schul­kin­der von Gabi Schoe­n­e­mann / pixelio.de

Brief von GiB an die Gewerk­schaft Erzie­hung und Wis­sen­schaft, Lan­des­ver­band Ber­lin vom 7.11.2016

Lie­ber Mit­glie­der des GEW-Lan­des­vor­stands,

wir wen­den uns an Sie wegen der geplan­ten lan­des­ei­ge­nen Infra­struk­tur­ge­sell­schaf­ten für Sanie­rung und Neu­bau von Schu­len. Seit eini­gen Jah­ren beschäf­ti­gen wir uns kri­tisch mit Pri­va­ti­sie­run­gen und Public-Pri­va­te-Part­nership-Pro­jek­ten (PPP, auf Deutsch ÖPP, Öffent­lich-pri­va­te Part­ner­schaf­ten). Wir möch­ten Ihnen vor die­sem Hin­ter­grund unse­re Ein­schät­zung zum Vor­ha­ben „Schul­bau-Infra­struk­tur­ge­sell­schaf­ten“ über­mit­teln.

Selbst­ver­ständ­lich sehen auch wir den drin­gen­den Bedarf der Sanie­rung von Schu­len. Doch die von SPD Lin­ken und Grü­nen in Ber­lin dis­ku­tier­te „Infra­struk­tur­ge­sell­schaft Schu­len“ wäre ein Tür­öff­ner für Pri­va­ti­sie­run­gen. Wir wen­den uns an Sie in der Hoff­nung, dass Sie die­sem Vor­ha­ben eben­falls nicht zuzu­stim­men bzw. sich dage­gen ein­set­zen.

Kri­ti­ker der geplan­ten Zen­tra­li­sie­rung von staat­li­chen Auf­ga­ben der Daseins­vor­sor­ge in pri­vat­recht­li­chen Gesell­schaf­ten sol­len beru­higt wer­den mit dem Hin­weis, die Ein­rich­tun­gen ver­blie­ben ja im Eigen­tum der öffent­li­chen Hand. Wir aber sind nicht beru­higt, son­dern im Gegen­teil stark beun­ru­higt. Geplant ist, dass die­se Gesell­schaf­ten dafür Kre­di­te außer­halb des “Kern­haus­hal­tes” auf­neh­men, für die das Land Ber­lin bürgt. Damit ist die Gefahr der Pri­va­ti­sie­rung oder Teil­pri­va­ti­sie­rung der Bau,- Sanie­rungs- und Betrei­ber­auf­trä­ge für Schu­len gege­ben. Dabei ist es ein schwa­cher Schutz, wenn das Land Ber­lin for­mal als Eigen­tü­mer der Grund­stü­cke von Schu­len im Grund­buch steht. Pla­nung, Bau, Finan­zie­rung und Erhalt kön­nen den­noch an Pri­va­te über­tra­gen wer­den. Aktu­ell ist in der Ber­li­ner Ver­fas­sung  weder…

  • ein Ver­bot der Ver­äu­ße­rung von Schul­grund­stü­cken
  • noch ein Ver­bot der Ver­äu­ße­rung von Antei­len an der geplan­ten pri­vat­recht­li­chen Gesell­schaft
  • noch ein Ver­bot der Durch­füh­rung von PPP-Pro­jek­ten durch die­se Gesell­schaf­ten

Es beru­higt uns eben­so wenig, dass die­se geplan­ten Gesell­schaf­ten als Töch­ter der städ­ti­schen Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten ange­sie­delt wer­den sol­len. Zweck die­ser Toch­ter­ge­sell­schaf­ten ist ledig­lich, die geplan­te Schul­den­auf­nah­me außer­halb des Kern­haus­hal­tes der Stadt Ber­lin.

Euro­stat, die Sta­tis­tik-Behör­de der EU, wand­te sich die­sen Okto­ber an den Senat und nahm Stel­lung zu einer ganz ähn­lich aus­bil­de­ten (im Janu­ar 2016 neu gegrün­de­ten) Gesell­schaft zur Aus­la­ge­rung der Beschaf­fung von U-Bahn-Wagen der BVG im Wert von 3,1 Mil­li­ar­den Euro. Die­ser Behör­de ist das geplan­te Infra­struk­tur­ge­sell­schafts-Modell des Ber­li­ner Senats also bekannt. Euro­stat hat bezüg­lich der U-Bahn-Wagen-Beschaf­fungs-GmbH unter ande­rem die Fra­ge auf­ge­wor­fen, ob eine Kre­dit­fi­nan­zie­rung über die­se neue Gesell­schaft nicht voll­stän­dig dem Staat zuzu­rech­nen sei – im Gegen­satz zu Ver­bind­lich­kei­ten der BVG selbst.

Im Umkehr­schluss bedeu­tet dies: Wenn der Senat die­se Kri­tik der EU-Behör­de umge­hen will, könn­ten wei­ter­ge­hen­de Teil­pri­va­ti­sie­run­gen ins Haus ste­hen. Denn damit behaup­tet wer­den kann, dem Vor­ha­ben zuge­hö­ri­ge Schul­den sei­en nicht dem Staats­haus­halt zuzu­rech­nen, könn­ten Pri­va­te an den Gesell­schaf­ten betei­ligt wer­den, ent­we­der an den Gesell­schaf­ten selbst oder auf Pro­jekt­ebe­ne. Damit ist man bei Public-Pri­va­te-Part­nership ange­kom­men. Sol­che Kapi­tal­be­tei­li­gung von Pri­va­ten, die die­se im Rah­men von PPP-Ver­trä­gen auf­neh­men, sind wesent­lich teu­re­re Kre­di­te als Staats­an­lei­hen / Lan­des­an­lei­hen.  Auf die­sem Wege wird die Sanie­rung erheb­lich ver­teu­ert. Mehr PPP bedeu­tet daher weni­ger und schlech­te­re Schul­sa­nie­rung. Und sie bedeu­tet der Erfah­rung nach auch spä­te­re Schul­sa­nie­rung, weil die zuge­hö­ri­gen Aus­schrei­bun­gen hoch­kom­plex sind und Jah­re dau­ern.

Ver­gleich­bar nega­ti­ve Erfah­rung mit PPP hat Ber­lin mit der Teil­pri­va­ti­sie­rung der Ber­li­ner Was­ser­be­trie­be bereits gemacht. Schu­len sind kaum weni­ger wich­tig als Was­ser, des­halb hal­ten wir Wie­der­ho­lun­gen für äußerst fahr­läs­sig und bedroh­lich. Pri­va­ti­sie­run­gen brin­gen zudem erfah­rungs­ge­mäß immer Nach­tei­le für die tarif­ver­trag­li­che Situa­ti­on der Beschäf­tig­ten und die Mit­be­stim­mung mit sich.

Die GEW Ham­burg hat unse­rer Kennt­nis nach die­ses Modell, das von den Befür­wor­tern erklär­ter­ma­ßen als Blau­pau­se für Ber­lin ange­se­hen wird, ein­deu­tig abge­lehnt. Wir appel­lie­ren an die GEW Ber­lin, eine ähn­lich ableh­nen­de Stel­lung­nah­me abzu­ge­ben. Nach unse­rer Kennt­nis hat die GEW Ber­lin mehr­fach Beschlüs­se gegen Pri­va­ti­sie­run­gen im Bil­dungs­be­reich und gegen PPP-Pro­jek­te jeder Art gefasst. Die GEW Ber­lin hat sich in die­sem Zusam­men­hang auch deut­lich gegen die Was­ser­pri­va­ti­sie­rung posi­tio­niert und das letzt­lich erfolg­rei­che Was­ser­volks­be­geh­ren “Wir Ber­li­ner wol­len unser Was­ser zurück” mit­er­wirkt. Wir wür­den uns freu­en, wenn Sie sich auch zu die­sem Pri­va­ti­sie­rungs­vor­ha­ben kri­tisch posi­tio­nie­ren wür­den.

Dar­über hin­aus ste­hen wir Ihnen für Rück­fra­gen oder ein ver­tie­fen­des Gespräch ger­ne zur Ver­fü­gung.

Mit freund­li­chen Grü­ßen

Lau­ra Valen­tu­ke­vici­u­te, Carl-Fried­rich Waß­muth

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