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Fak­ten­blatt Nr. 3: PPP – ein Angriff auf die Grund­la­gen der Demo­kra­tie?

21 Dezember 2011

Fak­ten­blatt Nr. 3 • Hrsg. Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand (GiB) e.V.

Zusam­men­ge­stellt von Jür­gen Schutte – Okto­ber 2011

Das Fak­ten­blatt zum her­un­ter­la­den: FB-03PPP & Demo­kra­tie

NEH­MEN WIR EIN­MAL AN, uns begeg­ne­te ein “feh­ler­lo­ses” PPP-Vor­ha­ben, bei dem weder die Kos­ten davon­lau­fen, noch Qua­li­täts­män­gel oder Ver­nach­läs­si­gung der vom pri­va­ten Part­ner über­nom­me­nen Auf­ga­ben zu bekla­gen wären. Vor­teils­nah­me, Unter­schla­gun­gen und Kor­rup­ti­on kämen eben­so wenig vor wie rück­sichts­lo­ser Umgang mit den Beschäf­tig­ten, Lohn­sen­kun­gen und Kün­di­gun­gen. Selbst Insol­ven­zen zum rech­ten Zeit­punkt wären aus­ge­schlos­sen – ange­nom­men also, es fän­de sich ein per­fek­tes Pro­jekt: Was gäbe es an einem sol­chen Tau­send­sas­sa noch zu kri­ti­sie­ren? Die Ant­wort lau­tet: Die Poli­tik der Pri­va­ti­sie­rung ist ein Angriff auf die Demo­kra­tie. Die­se The­se soll im Fol­gen­den in aller Kür­ze begrün­det wer­den. Es kann dabei deut­lich wer­den, dass die Über­le­gun­gen zu die­sem The­ma fast auf einen neu­en Gesell­schafts­ent­wurf hin­aus­lau­fen.

1. Bedeu­tung der Gemein­gü­ter für Indi­vi­du­en und die Gesell­schaft

Eine soli­da­ri­sche Kran­ken­ver­si­che­rung, eine aus­rei­chen­de Absi­che­rung bei Arbeits­lo­sig­keit und ein aus­kömm­li­ches Ein­kom­men im Alter sind nicht nur ein mate­ri­el­ler Besitz­stand, son­dern sie bedeu­ten

  • für das Indi­vi­du­um eine gewis­se Frei­heit von Angst, unter ande­rem eine not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung von gesell­schaft­li­chem Enga­ge­ment,
  • für die Gesell­schaft eine unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung für den zivi­li­sier­ten Umgang mit­ein­an­der, für Soli­da­ri­tät und poli­ti­sche Kul­tur.

 Öffent­lich­keit als Ort ist Vor­aus­set­zung der Demo­kra­tie und der demo­kra­ti­schen Kul­tur. Die sozia­le Kon­tur und die kul­tu­rel­le Ener­gie einer Gesell­schaft hän­gen sehr eng zusam­men mit der Exis­tenz öffent­li­cher Insti­tu­tio­nen und durch die Ver­fas­sung garan­tier­ter Rech­te auf den Zugang zu deren Dienst­leis­tun­gen.

2. Die Hand­lungs­fä­hig­keit des Staa­tes

2.1. Ver­fas­sungs­ge­bo­te ernst neh­men

»Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar. Sie zu ach­ten und zu schüt­zen ist Ver­pflich­tung aller staat­li­chen Gewalt«. Wie will die Poli­tik die­ser Ver­pflich­tung nach­kom­men, wenn sie die Mit­tel aus der Hand gibt, die für die Erfül­lung die­ser Auf­ga­be unent­behr­lich sind? Die Insti­tu­tio­nen der so genann­ten Daseins­vor­sor­ge sind seit ihrer Ent­ste­hung spä­tes­tens im 19. Jahr­hun­dert Grund­la­ge die­ser staat­li­chen Auf­ga­ben­er­fül­lung. Wir erle­ben deren Bedeu­tung bei dem nahe­zu täg­li­chen Geran­gel um den Län­der-Finanz­aus­gleich.

Über die­se pas­si­ve Teil­ha­be weit hin­aus­ge­hend wur­den – unter ande­rem auch in der Ver­fas­sung der Bun­des­re­pu­blik von 1949 – For­men und Struk­tu­ren akti­ver Betei­li­gung ent­wi­ckelt, etwa in der Betriebs­ver­fas­sung, in der Mon­tan-Mit­be­stim­mung, in den Ver­wal­tungs­rä­ten der Kran­ken- und Sozi­al­ver­si­che­rung und vie­len ande­ren Orga­nen der (direk­ten) Demo­kra­tie.

2.2. demo­kra­ti­sche Sek­to­ren ver­tei­di­gen

Die Ansät­ze einer Wirt­schafts­de­mo­kra­tie und einer demo­kra­ti­schen Kon­trol­le der Exe­ku­ti­ve haben für die poli­ti­sche Kul­tur und für die Ent­wick­lung der Arbeits­ver­hält­nis­se in der Bun­des­re­pu­blik eine wich­ti­ge Bedeu­tung, so rudi­men­tär und stets bedroht sie auch waren. Sie gehö­ren zu den his­to­ri­schen Vor­aus­set­zun­gen, dass das Land nach dem ver­hee­ren­den zwei­ten Welt­krieg so bald wie­der öko­no­misch erfolg­reich und poli­tisch ver­gleichs­wei­se zivi­li­siert auf­trat.

Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint es durch­aus als eine Bedro­hung der demo­kra­ti­schen Ver­fas­sung, dass die poli­ti­sche Klas­se gera­de in der Kri­se eine gan­ze Rei­he die­ser Errun­gen­schaf­ten auf­ge­ben oder aktiv abschaf­fen will. Was pri­va­ti­siert ist, ist dem demo­kra­ti­schen Ein­fluss und der bür­ger­schaft­li­chen Kon­trol­le ent­zo­gen. Ja, nicht ein­mal mehr »fried­lich ver­sam­meln« dür­fen sich die Bür­ger, wo der Grund und Boden einem pri­va­ten Unter­neh­men – sagen wir: der Deut­schen Bahn – gehört.

2.3. öffent­li­che Exper­ti­se bewah­ren

Der wohl­klin­gen­de Begriff »Part­ner­schaft« ver­deckt, dass PPP in der Pra­xis auf eine Art feind­li­cher Über­nah­me hin­aus­läuft, näm­lich auf die ten­den­zi­el­le Abschaf­fung bzw. Aus­trock­nung von öffent­li­cher Kom­pe­tenz. In dem Pro­zess, dem die staat­li­che Infra­struk­tur ihre Ent­ste­hung ver­dankt, wuchs dem Staat eine kom­pe­ten­te Schicht von Arbeits­kräf­ten zu – Was­ser­wer­ke­rIn­nen, Kraft­werks­tech­ni­ke­rIn­nen, Lok­füh­rer-Innen, Inge­nieu­rIn­nen, Juris­tIn­nen, Ärz­tIn­nen und Wis­sen­schaft­le­rIn­nen, die sich im Ide­al­fall eher der All­ge­mein­heit ver­pflich­tet fühl­ten und ten­den­zi­ell in der Lage waren, im Inter­es­se des Gemein­wohls zu han­deln und nicht in ers­ter Linie im Pro­fit­in­ter­es­se »ihres« Unter­neh­mens. In den Insti­tu­tio­nen der öffent­li­chen Hand wur­den und wer­den Maß­stä­be gesetzt für ein beruf­li­ches Han­deln im Sin­ne der All­ge­mein­heit. Man hat einen Auf­trag und nicht in ers­ter Linie betriebs­wirt­schaft­lich errech­ne­te Ziel­vor­ga­ben. Die­se Kraft steht für den Pri­mat tech­ni­schen Sach­ver­stands über die Ren­di­te-Erwar­tung und damit für den gesell­schaft­li­chen Inter­es­sen­aus­gleich; sie wird durch die Poli­tik der Pri­va­ti­sie­rung ten­den­zi­ell aus­ge­trock­net: Wenn eine Kom­mu­ne auf­grund des »Lebenszyklus«-Prinzips ihre Schu­len, Sport­stät­ten und ande­res 25 oder 30 Jah­re lang von Pri­va­ten ver­wal­ten lässt, braucht sie mit­tel­fris­tig kei­ne Bau­ab­tei­lung, kei­ne Schul­rä­tIn oder kei­ne Kul­tur­de­zer­nen­tIn mehr.

2.4. makro­öko­no­mi­schen Ein­fluss sichern

Die Insti­tu­tio­nen der so genann­ten Daseins­vor­sor­ge sind seit ihrer Ent­ste­hung spä­tes­tens im 19. Jahr­hun­dert auch öko­no­misch bedeu­tend gewe­sen und wur­den auf­grund ihres gesam­te­sell­schaft­li­chen Gewichts zur Grund­la­ge einer staat­li­chen Ein­fluss­nah­me, wel­che eine gewis­se Steue­rung öko­no­mi­scher und poli­tisch-sozia­ler Pro­zes­se im Inter­es­se der All­ge­mein­heit erlaub­te. Man den­ke an die Groß­auf­trä­ge, wel­che die Bahn, die Post oder – bei­spiels­wei­se – die eben von der Pri­va­ti­sie­rung bedroh­te Was­ser- und Schiff­fahrts-Ver­wal­tung zu ver­ge­ben hat­te. Ohne öko­no­mi­schen Hebel steht die Poli­tik unge­schützt im kal­ten Wind der Kon­kur­renz; das zeigt die gegen­wär­ti­ge Hilf­lo­sig­keit der Regie­run­gen nur zu deut­lich.

3. Der Zustand der öffent­li­chen Infra­struk­tur – das stärks­te Argu­ment gegen sei­ne Ver­tei­di­gung

Alle Anzei­chen deu­ten dar­auf hin, dass die Wer­te, die von unse­ren Poli­ti­kern so ger­ne beschwo­ren wer­den, im täg­li­chen Leben unse­rer Gesell­schaft der­zeit kei­ne bestim­men­de, öffent­lich wirk­sa­me Rol­le spie­len. Der Angriff des Kapi­tals auf die öffent­li­chen Insti­tu­tio­nen und Dienst­leis­tun­gen ist auch des­we­gen so wir­kungs­voll, weil die Ent­schlos­sen­heit und Kraft, die­se Errun­gen­schaf­ten auf­recht zu erhal­ten und zu ver­tei­di­gen weit­ge­hend fehlt. Die Hand­lungs­un­fä­hig­keit der öffent­li­chen Hand ist viel­fach dadurch bedingt, dass die Insti­tu­tio­nen durch den fort­dau­ern­den Ent­zug der Finan­zen weit­ge­hend kaputt­ge­spart wor­den sind.

Wegen Unter­fi­nan­zie­rung und Per­so­nal­man­gel sind die öffent­li­chen Insti­tu­tio­nen in unter­schied­li­chem Aus­maß reform­be­dürf­tig. Büro­kra­ti­scher Leer­lauf und inef­fek­ti­ve Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on sind ver­brei­tet; die Orga­ne der Selbst­ver­wal­tung und der demo­kra­ti­schen Mit­be­stim­mung sind nicht sel­ten in Rou­ti­ne erstarrt. Sie sind von innen und von außen in einem bedroh­li­chen Aus­maß ver­nach­läs­sigt und miss­ach­tet. Das macht sie anfäl­lig für Ver­wer­tungs­in­ter­es­sen. Die mit moder­ner Tech­nik, gro­ßem Per­so­nal­auf­wand, mit aus­ge­ar­bei­te­ten Stra­te­gi­en und bedeu­ten­den Mit­teln aus­ge­stat­te­ten Unter­neh­men haben es ange­sichts der genann­ten Män­gel leicht, bei kom­mu­na­len Man­dats­trä­gern mit der Beto­nung von Effi­zi­enz und Kos­ten­er­spar­nis zu punk­ten.

4. Inves­ti­ti­ons­stau und Reform­stau

Die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung ist die­sen Män­geln im täg­li­chen Leben immer wie­der aus­ge­setzt und ist daher leicht gegen die “Ämter” in Rage zu brin­gen. Die Mehr­heit weiß jedoch auch – viel­leicht eher gefühls­mä­ßig – dass die öffent­li­chen Insti­tu­tio­nen noch einen Schutz­wall bil­den gegen die rest­lo­se Aus­räu­mung der sozia­len und poli­ti­schen Errun­gen­schaf­ten durch die besit­zen­den Klas­sen. Wir brau­chen also in unse­rem Kampf gegen Pri­va­ti­sie­run­gen nur der ver­brei­te­ten Auf­fas­sung der Mehr­heit Aus­druck zu geben. Das ist in der Tat das Ein­fa­che, das schwer zu machen ist!

Bei der Bewäl­ti­gung die­ser Auf­ga­be fan­gen wir mit zwei Begrif­fen an, die bei der Begrün­dung von PPP eine zen­tra­le Rol­le spie­len: dem Inves­ti­ti­ons­stau und dem Reform­stau.

Dem Inves­ti­ti­ons­stau wäre abzu­hel­fen durch eine Reform der Kom­mu­nen­fi­nan­zie­rung, das heißt: auch durch eine Revi­si­on der Steu­er­po­li­tik, durch wel­che die Kom­mu­nen in die finan­zi­el­le Zwangs­la­ge gekom­men sind. Es ist mit ande­ren Wor­ten Zeit für ein Kom­mu­nen-Ret­tungs­pa­ket. Die­ses müss­te hin­aus­lau­fen auf eine Umver­tei­lung gesell­schaft­li­chen Reich­tums von oben nach unten und vom Pri­va­ten zum Öffent­li­chen sowie auf eine ande­re, gerech­te­re Ver­tei­lung der Steu­er­ein­nah­men zwi­schen Bund, Län­dern und Kom­mu­nen.

Der Reform­stau bedarf zu sei­ner Auf­lö­sung eine kräf­ti­ge Inves­ti­ti­on von demo­kra­ti­scher Initia­ti­ve und poli­ti­schen Enga­ge­ment. Erfor­der­lich ist eine Ver­än­de­rung der öffent­li­chen Insti­tu­tio­nen und Dienst­leis­tun­gen, durch wel­che die­se von der Gesell­schaft wirk­lich kon­trol­lier­bar wer­den. Die Mit­be­stim­mung von außen und innen bie­tet sich als ein ers­tes, brauch­ba­res Mit­tel an: Von außen durch die Schaf­fung neu­er und durch eine Reform bestehen­der Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­ne, von innen durch die qua­li­fi­zier­te Mit­be­stim­mung der Beschäf­tig­ten, wel­che die Qua­li­tät und Effi­zi­enz der Leis­tun­gen im Dienst der All­ge­mein­heit zu ihrer eige­nen Sache machen.

Das Fak­ten­blatt zum her­un­ter­la­den: FB-03PPP & Demo­kra­tie

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