Klinikschließungen: Pro und Contra

Von Laura Valentukeviciute

Weniger Kliniken in Deutschland sollen dazu führen, dass es eine höhere Qualität, einen besseren Personalschlüssel, weniger Todesfälle und mehr Effizienz, also niedrigere Kosten, im Krankenhaussektor gibt. Dafür sollen mehr als zwei Drittel der Akutkrankenhäuser geschlossen werden. Darüber, ob die Idee, die Kliniklandschaft radikal auszudünnen, von dem ehemaligen Chef des Helios-Konzerns Lutz Helmig oder von GesundheitsökonomInnen wie Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Busse 2014 in die Welt gesetzt wurde, kann man sich streiten. Pro-Kahlschlag-Thesen sind zur Zielmarke der GesundheitspolitikerInnen geworden und prägen – trotz Pandemie – viele Entscheidungen im Krankenhausbereich.

Zu den einzelnen Hauptargumenten der SchließungsbefürworterInnen:

Weniger Kliniken = höhere Qualität. In wenigen großen Zentralkrankenhäusern hätte man die Technik und das Personal, um die PatientInnen bestmöglich zu versorgen. So hatten im Jahr 2017 laut Busse beispielsweise 34 Prozent der Kliniken in Deutschland kein Computertomographiegerät und 61 Prozent keine Koronarangiographie. Die meisten PatientInnen kommen aber in die kleinen regionalen Kliniken, weil sie akut und wohnortnah Hilfe brauchen, die ohne diese Technik auskommt: zum Beispiel bei einer Blinddarmentzündung, Sepsis, Geburt, aber auch bei Blutungen und Frakturen nach Unfällen oder bei einer schwer verlaufenden Grippe. Kurze Wege sind dabei entscheidend und im Zweifelsfall auch lebensrettend. Es ist in vielen Fällen ausschlaggebend, dass es ein Krankenhaus vor Ort gibt, das vierundzwanzig Stunden an sieben Tagen in der Woche geöffnet ist. Ersetzt man Kliniken durch sogenannte Medizinische Versorgungszentren (MVZ), das heißt ambulante oder teilstationäre Ärztehäuser, bedeutet das eine radikale Einschränkung der Öffnungszeiten. Für die planbaren Krebs-, Herz-, Hüft- und Knieoperationen sowie andere Behandlungen, die nicht zeitkritisch sind, suchen die PatientInnen sich schon heute die Klinik ihrer Wahl aus, ob nah oder fern vom Wohnort – dafür müssen die kleinen Kliniken nicht geschlossen werden.

Weniger Kliniken = besserer Personalschlüssel. Sowohl die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)[1] als auch Gesundheitsberater Busse[2] sind der Ansicht, dass es in Deutschland im Vergleich zu anderen OECD-Ländern ausreichend Personal gebe, es sei nur auf zu viele Standorte verteilt. Dabei ist zum einen unklar, warum man sich an Ländern mit weniger Personal orientieren soll, zum anderen aber wird es durch weniger Kliniken nicht weniger Kranke geben. Der Personalschlüssel kann sich sogar verschlechtern, weil nicht alle betroffenen PflegerInnen und ÄrztInnen bereit und in der Lage sein werden, umzuziehen. Und mit den Kliniken verschwinden auch immer mehr Ausbildungsstätten für die dringend benötigten Nachwuchskräfte.

Weniger Kliniken = weniger Todesfälle. Die SchließungsbefürworterInnen argumentieren, dass im Fall von Herzkrankheiten große Kliniken besser ausgestattet und routinierter seien, um bessere Behandlungen zu bieten. Durch Konzentration auf diese Standorte könne die Sterblichkeit von HerzpatientInnen sinken – Deutschland liegt im OECD-Vergleich auf Platz 24 von 34. Die Betrachtung ist jedoch mehrfach verengend. Zum einen machen Herzkrankheiten nur einen Bruchteil aller akuten Fälle aus (zum Beispiel tritt Sepsis ungefähr 20-mal häufiger auf und ist ebenso zeitkritisch[3]), zum anderen ist die Operation nur ein Teil der Behandlungskette. Herzoperationen werden schon heute überwiegend in den dafür spezialisierten Kliniken durchgeführt. Oft kommt es aber zunächst darauf an, Akutfälle überhaupt zu stabilisieren. Dabei kann es die Letalität erhöhen, wenn die Entfernung zur nächsten Klinik im Notfall zu groß ist oder die übriggebliebenen Kliniken überfüllt sind. Studien aus den USA zeigen, dass nach der Schließung regionaler Krankenhäuser die Sterblichkeit bei der Landbevölkerung um sechs Prozent gestiegen ist – und das betraf alle Erkrankungen, nicht nur Herzinfarkte.[4] Den Entfernungsnachteil versuchen die BefürworterInnen zu verharmlosen, die Bertelsmann-Studie „Zukunftsfähige Krankenhausversorgung“[5] legt ein „anderes Geschwindigkeitsmodell“ nahe, also einfach schnelleres Fahren.

Weniger Kliniken = niedrigere Kosten. Die Daten, die Busse und seine KollegInnen heranziehen, um die Klinikschließungen zu begründen, stammen aus OECD-Berichten. In diesen OECD-Berichten wird wiederum als wichtigste Quelle Reinhard Busse genannt. Eine belastbare Basis für schwerwiegende Entscheidungen sieht anders aus. In den OECD-Berichten wird darauf hingewiesen, dass das Deutsche Gesundheitssystem sehr teuer ist: „Im Jahr 2017 machten die gesamten Gesundheitsausgaben 11,2 % des BIP aus, was über dem EU-Durchschnitt (9,8 %) lag […]“[6] Dort wird nahegelegt, Kosten zu sparen, indem man den Krankenhaussektor durch Standortschließungen effizienter macht. Dass die Kostentreiber andere Faktoren sind, wie zum Beispiel Möglichkeiten und Anreize, durch unnötige aber lukrative Operationen Gewinne zu erwirtschaften, wird dort nicht erwähnt.


[1] OECD: Deutschland: Länderprofil Gesundheit 2019 https://www.oecd-ilibrary.org/social-issues-migration-health/deutschland-landerprofil-gesundheit-2019_4ecf193f-de;jsessionid=92ErpNzC5Y_Bs1FlNhfsq7FI.ip-10-240-5-37

[2] Präsentation von Prof. Dr. med. Rheinhard Busse „Vorbild Dänemark? Bessere Behandlung durch weniger Krankenhäuser“, 21.03.2019, https://www.mig.tu-berlin.de/fileadmin/a38331600/2019.lectures/2019-03-21-busse-Krankenhausstruktur.pdf

[3] https://www.hna.de/lokales/wolfhagen/wolfhagen-ort54301/notarzt-matthias-hughes-zuletzt-war-wolfhager-klinik-rappelvoll-13525455.html

[4] https://www.hna.de/lokales/wolfhagen/wolfhagen-ort54301/notarzt-matthias-hughes-zuletzt-war-wolfhager-klinik-rappelvoll-13525455.html

[5] https://gemeingut.kunden.heinlein-hosting.de/wordpress/wp-content/uploads/2020/03/Studie_Bertelsmann-Stiftung_2019_Zukunftsfaehige_Krankenhausversorgung.pdf

[6] https://www.oecd-ilibrary.org/docserver/4ecf193f-de.pdf?expires=1617919227&id=id&accname=guest&checksum=1B8CC49F8D6DED1818615D4C61740D90

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