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GEW gegen die Grund­ge­setz­än­de­rung?

27 Februar 2017

Logo der Gewerk­schaft Erzie­hung und Wis­sen­schaft

Im Bereich von Schu­len und Kitas soll ÖPP­ge­för­dert wer­den  — das sieht ein Paket von Grund­ge­setz­än­de­run­gen inklu­si­ve Begleit­ge­setz vor (sie­he dazu auch hier). Nun setzt sich die GEW damit aus­ein­an­der. Aus­ge­hend von einem Antrag der GEW Frank­furt, den auch die GEW Hes­sen unter­stützt, sol­len sich ver­schie­de­ne Gre­mi­en der GEW mit der Fra­ge befas­sen. Gemein­gut doku­men­tiert den Auf­ruf aus Frank­furt:


Der geplan­te Pri­va­ti­sie­rungs­schub über mas­si­ve Grund­ge­setz­än­de­run­gen und Begleit­ge­set­zen im März 2017 muss ver­hin­dert wer­den!

Denn die Umwand­lung von Bun­des­fern­stra­ßen und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen in Finanz­pro­duk­te à la ÖPP (öffent­lich-pri­va­te Part­ner­schaf­ten) wür­de Staat und Gesell­schaft teu­er zu ste­hen kom­men, die Mög­lich­kei­ten demo­kra­ti­scher Ein­fluss­nah­me deut­lich ver­schlech­tern und Ver­kehr und Bil­dungs­in­ves­ti­tio­nen nega­tiv ver­än­dern. Die im Schweins­ga­lopp geplan­ten Grund­ge­setz­än­de­run­gen zu soge­nann­ten Infra­struk­tur­ge­sell­schaf­ten und ÖPP-Model­len für Fern­stra­ßen und Schul­bau­ten müs­sen unbe­dingt ver­hin­dert wer­den! Die Zeit wird knapp! Ein Pri­va­ti­sie­rungs­vor­ha­ben à la PPP (Pri­va­te Public Part­nership) auf gro­ßer und bun­des­wei­ter zen­tra­ler Stu­fen­lei­ter soll eben­so intrans­pa­rent wie CETA bis März 2017 durch Bun­des­tag und Bun­des­rat gepeitscht wer­den.

Nicht nur Auto­bah­nen sind betrof­fen, son­dern auch kom­mu­na­le Inves­ti­tio­nen, ins­be­son­de­re Bil­dungs­ein­rich­tun­gen. Die Ver­fü­gungs­ge­walt über öffent­li­ches Eigen­tum soll zen­tra­li­siert auf pri­va­te Fir­men über­ge­hen, die dafür die weit über­höh­ten Ren­di­ten ein­strei­chen. Betei­lig­te Gewerk­schaf­ten kri­ti­sie­ren die Plä­ne, die seit 2014 im Auf­trag des Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums aus­ge­ar­bei­tet wor­den sind („Fratz­scher-Kom­mis­si­on“) und jetzt zu mas­si­ven (Grund)Gesetzänderungen füh­ren sol­len. Schon im März 2017 sol­len in einem gewal­ti­gen – aber nach dem Wil­len der Akteu­re von Regie­run­gen, Hoch­fi­nanz, Bau- und Bera­tungs­kon­zer­nen mög­lichst geräusch­lo­sen – Pau­ken­schlag 14 Grund­ge­setz­än­de­run­gen, 9 Geset­zes­än­de­run­gen und 4 neue Geset­ze in Bun­des­tag und Bun­des­rat durch­ge­drückt wer­den – knapp vor Ende der Legis­la­tur­pe­ri­ode des Bun­des­tags. Drei Zie­le wol­len die ver­ei­nig­ten Lob­by­is­ten von DIW, Ban­ken, Ver­si­che­run­gen, Bera­ter- und Bau­kon­zer­nen mit die­sem Schlag durch­set­zen:

  • Die bis­her größ­ten­teils unbe­lieb­ten PPP-Pro­jek­te, die bei jedem Vor­ha­ben aufs Neue gegen Wider­stän­de durch­ge­setzt wer­den muss­ten, sol­len zen­tral und in einer gigan­ti­schen Grö­ßen­ord­nung ermög­licht wer­den.
  • Die bil­li­gen Staats­kre­di­te (unter 1% Ver­zin­sung) sol­len durch die wesent­lich über­teu­er­te PPP-Ren­di­te ersetzt wer­den und den Ban­ken und Ver­si­che­run­gen, aber auch den vie­len pri­va­ten Bera­ter­fir­men, Kanz­lei­en sowie den Bau­kon­zer­nen und deren Sub-Sub-Unter­neh­mern extra Ren­di­ten ver­schaf­fen. Alli­anz hat ihre Ren­di­te­er­war­tung mit 2,5% (bei Fremd­ka­pi­tal­fi­nan­zie­rung) und mit 5 – 8% (!) beim Betrei­ber­mo­dell bezif­fert. (Han­dels­blatt v. 19.9.2016) Und das prak­tisch ohne Risi­ko, weil letzt­lich vom Steu­er­zah­ler abge­si­chert.
  • Wesent­li­che ope­ra­ti­ve Ent­schei­dun­gen gehen von gewähl­ten Regie­run­gen in Bund, Land und Kom­mu­ne an pri­va­te Trä­ger über. Die ohne­hin schon mini­ma­le Trans­pa­renz wird für gewähl­te Volks­ver­tre­ter auf nahe Null redu­ziert. Trump lässt grü­ßen.

Dabei geht es nicht mehr nur um Bun­des­fern­stra­ßen, son­dern auch um einen zen­tra­len Infra­struk­tur­fonds für kom­mu­na­le Inves­ti­tio­nen, also Bil­dungs­ein­rich­tun­gen u.v.m. Für die Lob­by­ar­beit wur­de das ‚Beratungs‘unternehmen „ÖPP Deutsch­land AG“ ab Janu­ar 2017 in „PD — Der Inhouse-Bera­ter der öffent­li­chen Hand“ umbe­nannt, weil ÖPP einen nega­ti­ven Klang habe. Das Manage­ment ist im Wesent­li­chen das Glei­che, auch die Adres­se in der Ber­li­ner Alex­an­der­stra­ße ist geblie­ben. Noch im Dezem­ber hat­te die Vor­gän­ger­or­ga­ni­sa­ti­on unge­niert „aus der Welt der Öffent­lich-Pri­va­ten Part­ner­schaf­ten“ berich­tet, jetzt sol­len unter dem neu­en Namen alle mög­li­chen Finan­zie­rungs­va­ri­an­ten vor­geb­lich in glei­cher Wei­se ange­bo­ten wer­den. Bil­li­ger geht die Täu­schungs­ab­sicht wirk­lich nicht.

Das Vor­ge­hen des Bun­des­ka­bi­netts lief weit­ge­hend im Ver­bor­ge­nen ab: Im Som­mer 2014 berief Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Gabri­el die sogen. „Fratz­scher-Kom­mis­si­on“ mit Spit­zen­ver­tre­tern der deut­schen Wirt­schaft unter Lei­tung des Chefs des Deut­schen Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung, Prof. Fratz­scher), die schon im April 2015 einen „10-Punk­te-Plan“ sowie ihren Abschluss­be­richt vor­stell­te. Ein Jahr lang wur­de mit den Minis­ter­prä­si­den­ten ohne par­la­men­ta­ri­sche Bera­tung ver­han­delt, wobei ihnen finan­zi­el­le Köder ange­bo­ten wur­den. Erst am 14.12.2016 hat die Bun­des­re­gie­rung einen umfang­rei­chen Gesetz­ent­wurf (Grund­ge­setz plus ande­re Geset­ze, s.o.) vor­ge­stellt und will dies in drei Mona­ten durch­peit­schen.

Betei­lig­te Gewerk­schaf­ten haben Min­der­hei­ten­vo­tum abge­ge­ben

In dem Abschluss­be­richt, der die oben genann­ten Zie­le (teils ver­klau­su­liert) for­mu­liert, haben die betei­lig­ten Gewerk­schaf­ten (IGM, Ver.di, IGBCE, IGBAU und der DGB) ein deut­li­ches Min­der­hei­ten­vo­tum for­mu­liert, in der sie die Grund­rich­tung des Papiers ableh­nen und Alter­na­tiv­vor­schlä­ge machen. (sie­he Anla­ge – im Wort­laut und als Zusam­men­fas­sung)
Die­se Alter­na­tiv­vor­schlä­ge soll­ten m.E. als Gegen­stand­punkt in den zu füh­ren­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die geplan­te Pri­va­ti­sie­rungs­stra­te­gie — ins­be­son­de­re aus dem Kreis der Gewerk­schaf­ten — gemacht wer­den.

Und das muss ver­hin­dert wer­den

  • Minis­ter­prä­si­den­ten las­sen sich demo­kra­ti­sche Ein­fluss­nah­me für ein „But­ter­brot“ abkau­fen. [1]
  • Kom­mu­nen ver­lie­ren zen­tra­le Rech­te an Pri­va­te [2]
  • Über­teu­er­te Ren­di­ten müs­sen von den Bür­gern bezahlt wer­den, das Geld fehlt anschlie­ßend für die nöti­gen Inves­ti­tio­nen und das Per­so­nal. Staat­li­che Arbeits­plät­ze und Tari­fe gehen baden. [3]

Das Bünd­nis der Ver­nunft muss die Ober­hand gewin­nen! Las­sen wir die Lob­by der Pri­va­ti­sie­rer nicht zum eigent­li­chen Gewin­ner des künst­lich geschaf­fe­nen Inves­ti­ti­ons-Defi­zits der öffent­li­chen Hand wer­den! Die ohne­hin schon knap­pen öffent­li­chen Mit­tel wer­den dadurch noch weni­ger!

Vor­schlag zum wei­te­ren Vor­ge­hen in der GEW

A)    Die GEW ist von der geplan­ten „Reform“ enorm betrof­fen, weil das, was als „die drit­te Lehr­kraft“ bezeich­net wird, näm­lich „der (schulische)Raum“, nicht von den struk­tu­rel­len finan­zi­el­len Defi­zi­ten befreit wird, son­dern im Gegen­teil die Pro­ble­me durch die Pri­va­ti­sie­rung noch ver­schärft wer­den. Die Auf­klä­rung dar­über muss in der GEW breit anlau­fen (ins­be­son­de­re in den Publi­ka­tio­nen), was nicht ganz ein­fach ist, weil die Mate­rie nicht immer leicht zu durch­schau­en ist und von den Lob­by­or­ga­ni­sa­tio­nen zusätz­lich ver­schlei­ert wird.
B)    Auf kri­ti­sche Erfah­run­gen — ins­be­son­de­re von GEW und ver.di bei­spiels­wei­se aus Frank­furt am Main, dem Land­kreis Offen­bach in Hes­sen, Ham­burg und Ber­lin — kann zurück­ge­grif­fen wer­den. Ergän­zung nach der heu­ti­gen Warn­streik­re­de (8.2.2017) von Wil­li Donath (Gesamt­per­so­nal­rats­vor­sit­zen­der und ver.di) in Wies­ba­den: Auch Erfah­run­gen von Kol­le­gIn­nen bei­spiels­wei­se von „Hes­sen Mobil Stra­ßen- und Ver­kehrs­ma­nage­ment“ kön­nen genutzt wer­den.
C)    Die geplan­te Grund­ge­setz­än­de­rung nebst vie­len Begleit­ge­set­zen wür­de eine erheb­li­che Wei­chen­stel­lung für die Zukunft in Rich­tung Pri­va­ti­sie­rung öffent­li­cher Güter bedeu­ten. Des­halb wird sie auch weit­ge­hend unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit und selbst der Par­la­men­te und mit einer denk­bar knap­pen Zeit­vor­ga­be betrie­ben. Des­halb sind Akti­vi­tä­ten schon jetzt gefor­dert. Wir müs­sen den in der „Fratz­scher-Kom­mis­si­on“ ver­tre­te­nen Gewerk­schaf­ten und dem DGB für sein kri­ti­sches Min­der­hei­ten­vo­tum dank­bar sein und dar­an anknüp­fend eige­ne gewerk­schaft­li­che Finan­zie­rungs­mo­del­le pro­pa­gie­ren.

Beschluss- und Hand­lungs­vor­schlag:

D)    Die GEW Lan­des­ver­bän­de und der Haupt­vor­stand spre­chen sich ähn­lich wie der GEW Lan­des­ver­band Ber­lin gegen das Kon­zept der Infrastrukturgesellschaft(en) als Vor­pos­ten von PPP aus und infor­mie­ren ihre Mit­glie­der ent­spre­chend.
E)    Die GEW macht sich die Vor­schlä­ge des gewerk­schaft­li­chen Min­der­hei­ten­vo­tums der „Fratz­scher-Kom­mis­si­on“ zu Eigen und orga­ni­siert mit Bünd­nis­part­nern den Wider­stand gegen die vor­ge­se­he­nen Grund­ge­setz­än­de­run­gen. Die geplan­te Re/Deform muss ver­hin­dert wer­den. Auf der Grund­la­ge des Min­der­hei­ten­vo­tums kön­nen dann neue Über­le­gun­gen ange­stellt wer­den.
F)    Der (GEW)Gewerkschaftstag in Frei­burg im Mai 2017 beschließt ent­spre­chend.
[1] Im Gespräch sind 9,75 Mrd. Euro an Finanz­trans­fers pro Jahr vom Bund an die Län­der.

[2] Das in Staat und Kom­mu­nen so drin­gend nöti­ge Know-how für Pla­nung, Durch­füh­rung und Con­trol­ling von Inves­ti­tio­nen wird wei­ter abge­baut und dem Per­so­nal in der zen­tra­len Infra­struk­tur­ge­sell­schaft und ihren regio­na­len Satel­li­ten­ge­sell­schaf­ten über­las­sen, statt in der Kon­trol­le der gewähl­ten Orga­ne zu sein.

[3] Bereits jetzt wer­den für die 3,5% der deut­schen Auto­bahn­stre­cken in PPP 8,8 % der Mit­tel ver­braucht, ähn­lich sind die Erfah­run­gen aus PPP-Schul­pro­jek­ten. In den Prüf­be­rich­ten der Rech­nungs­hö­fe wird PPP deut­lich teu­rer als ver­gleich­ba­re öffent­lich durch­ge­führ­te Pro­jek­te gelis­tet.

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