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Fachgespräch „Gutes öffentliches Bauen“ im Deutschen Bundestag

7 November 2016

Juergen_Lauber-640x640An dieser Stelle veröffentlichen wir ein Interview, das GiB-Kultur-Referentin Ulrike von Wiesenau mit dem Unternehmer und Publizisten Jürgen Lauber anlässlich des bevorstehenden Fachgesprächs „Gutes öffentliches Bauen“ am 9. November im Deutschen Bundestag geführt hat. Als Bauexperte hat er immer wieder auf die Merkmale ineffizienten, überteuerten Bauens aufmerksam gemacht und Wege zu einer besseren Baukultur aufgezeigt, u.a. bei seinem Vortrag im Mai letzten Jahres im Deutschen Bundestag, in diversen Fernsehbeiträgen und in seinen Büchern zum Bauwesen.

Ulrike von Wiesenau: Wir freuen uns sehr, dass wir Sie wieder für ein Interview gewinnen konnten. Fangen wir an mit der Frage, wie es mit der Bau-Kompetenz in Deutschland generell aussieht. Haben wir da ein Problem?

Jürgen Lauber: Ganz und gar nicht. Deutschland hat eine exzellente Bautechnik und weltweit hoch geschätzte Bauleute. Die deutschen technischen Regelwerke erlauben perfektes Bauen. Wir könnten uns als Bauweltmeister profilieren, statt international Spott und Häme für die grossen schiefen Bauprojekte zu ernten.

Ulrike von Wiesenau: Was braucht es also für gutes Bauen, wessen bedarf es um eine neue Baukultur zu realisieren?

Jürgen Lauber: Bauen ist ein Wertschöpfungsprozess bei dem ein Unikat entsteht. Das gesamte Bauprojekt kann als ein Bau-Unternehmen auf Zeit
gesehen werden. Dabei müssen viele fremde Menschen und eigenständige Firmen eng zusammen arbeiten, um Erfolg zu haben. Für diesen Erfolg ist bei normalen Unternehmen die Unternehmenskultur entscheidend. Beim Bauvorhaben ist es die Baukultur.

Ulrike von Wiesenau: Wer ist für diese Baukultur verantwortlich?

Jürgen Lauber: Bei Unternehmen ist der Chef für die Kultur im Unternehmen verantwortlich. Er muss aus den verschiedenen Faktoren, welche die Arbeit der Mitarbeiter beeinflussen, so gestalten, dass Effizienz, Qualität und Zuverlässigkeit gewährleistet werden. Beim Bauen ist der Bauherr der Chef. Wenn es in einem Unternehmen ernsthaft und dauernd klemmt, sind nicht die Mitarbeiter das Problem sondern die Chefetage. Gemäss dem Sprichwort – der Fisch der stinkt vom Kopfe her.

Ulrike von Wiesenau: Ist es schwierig, eine gute Baukultur umzusetzen?

Jürgen Lauber: Eigentlich nicht. Das ist wie bei jeder Arbeit. Die Mitarbeiter müssen nur wissen was sie machen sollen. dh das Ziel muss bekannt sein und sich nicht ständig ändern. Die Menschen die für Sie arbeiten, sollten nicht systematisch überfordert bzw. überlastet werden.
Wenn Sie dann noch einen Lohn zahlen, von dem die Arbeiter leben können werden Sie viel mehr Gebäudewert für ihr Geld geschaffen bekommen. Oft reicht es einfach schon, die Bauleute nicht zu verängstigen und zu demotivieren, um ein erfolgreicher Bauherr zu sein.

Ulrike von Wiesenau: Sie unterstellen also, dass diese grundlegenden, eigentlich selbstverständlichen Voraussetzungen für gutes Arbeiten bei öffentlichen Bauvorhaben aktuell nicht gegeben sind. Gibt es da ein Indiz dafür?

Jürgen Lauber: Schauen Sie die Bezahlung von Baurechnungen an. Es gibt keinen schlimmeren Zahler als die öffentliche Hand. Die Zahlungsfristen für unstrittige Rechnungen werden völlig unvorhersehbar mitunter um Monate überzogen. Das treibt auch gut arbeitende Bauunternehmer in den Ruin. Der Staat zahlt im Mittel seine Bauauftragnehmer mit mehr Verzug gegen die vertraglich vereinbarten Fristen als die privaten und gewerblichen Bauherren. Da diese ihr eigenes Geld einsetzen bwz. Gewinne erwirtschaften müssen, ist pünktlicher wohl die vorteilhaftere Lösung. Und ausgerechnet ein Staat, der in Geld schwimmt, zahlt nicht. Nur gegenüber Großkonzernen mit vielen Anwälten und grosser Kriegskasse ist er beim Zahlen eifrig. Das sieht man beim Strassenmautkonsortium Toll-Collect. Die ziehen Deutschland regelrecht über den Tisch. Das nennt man dann „Öffentlich-private Partnerschaften (ÖPP)“. Da schlägt das Pendel dann auf die andere Seite. Das zeigt Sanierungsbedarf auch in der Staatskultur.

Ulrike von Wiesenau: Was hat Staatskultur mit Baukultur zu tun?

Jürgen Lauber: In keinem Land, das ich zur Recherche bereiste greift der
Staat stärker und umfassender in das Bauen ein. Alles versucht der Staat beim Bauen zu regeln und zu bestimmen. Wenn also die daraus entstehende Baukultur schlecht ist, zeigt das Korrekturbedarf in der zugrunde liegenden Staatskultur. Die Effizienz und Qualität staatlichen Handelns wird beim Bauen einfach nur besonders gut sichtbar. Die grossen Bauprojekte, die schief laufen, sind Hinweise für akuten Handlungsbedarf, die Regelungen und Vorschriften in Deutschland mehr am Allgemeinwohl und weniger an Partikularinteressen auszurichten. Es muss bei öffentlichen Bauprojekten und Bauwerken für komplette Transparenz der Informationen gesorgt werden. Das heisst, alle Kosten für Bau und Betrieb müssen öffentlich gemacht werden. Damit würden sich Regelkreise schliessen, die zu sinnvollem öffentlichen Bauen, auch ohne ÖPP, führen. Damit wird der Missbrauch von Bauprojekten zur Bereicherung am Gemeinwohl nicht mehr möglich. Dann wird es auch keine weiteren finanziellen Baudesaster wie die Elbphilharmonie, Stuttgart 21 und BER geben. Dafür engagiere mich.

Ulrike von Wiesenau: Herr Lauber, ich danke Ihnen für dieses sehr aufschlussreiche Gespräch.

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