Brief an die Abgeordneten zum SEZ

Sehr geehrte Abgeordnete, sehr geehrter Abgeordneter,

parlamentarisches Engagement ist stark von fachpolitischer Arbeitsteilung geprägt. Das ist sinnvoll. Allerdings gibt es Themen, die mehrere Ausschüsse betreffen oder gesamtgesellschaftliche Bedeutung haben. Von so einem Fall möchten wir Ihnen berichten.

Bausenator Christian Gaebler möchte das Sport- und Erholungszentrum (SEZ) an der Landsberger Allee abreißen lassen, um dort Wohnungen und eine Schule bauen zu lassen. Sein Vorhaben basiert auf veralteten Annahmen und Daten, trotzdem hält er daran fest und verweigert sich jeglicher Diskussion zur konkreten Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit seiner Pläne.

Am 2. März soll es nun eine Anhörung im Ausschuss für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen zum SEZ geben. Dafür haben wir uns intensiv eingesetzt, hunderte Aktive haben E-Mails geschrieben oder angerufen, nachdem an den sechs von uns initiierten Runden Tischen SEZ keiner der maßgeblichen Entscheidungsträger teilgenommen hatte. Allerdings gestattet nun der Bausenator der zuständigen WBM genau am Tag der Anhörung, also am 2. März, mit dem Abriss des SEZ zu beginnen. Wir finden: Das unterminiert den gerade beginnenden Dialog und ist auch ein Schlag ins Gesicht des Parlaments.

Das Thema SEZ-Abriss bewegt viele Menschen, wühlt sie auf. Das macht die Auseinandersetzung besonders. Gesetze kann man ändern, sogar zurücknehmen. Auch Gelder kann man wieder neu und anders verteilen. Ist das SEZ aber einmal abgerissen, ist es unwiederbringlich zerstört. Und viele, sehr viele Menschen würden das als unverzeihlich ansehen.

Folgende Themen berührt das SEZ: Wohnen, Schule und Jugend, Familie, Sport, soziale Infrastruktur, Gesundheit, Umwelt, Kultur, öffentliche Finanzen, Bürgerbeteiligung und das Miteinander von Ost-West. Wir haben Ihnen zu all diesen Bereichen Informationen zusammengestellt.

Bezahlbares Wohnen

Das wesentliche Argument von Senator Christian Gaebler ist: „Wir bauen dort Wohnungen.“ Er ist offenbar der Auffassung, das würde alles Weitere rechtfertigen. Aber wir können Ihnen berichten, dass es im Wesentlichen zwei Reaktionen auf seine Wohnungsbau-Ankündigung gibt:

Die Anwohnerinnen und Anwohner von Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Mitte leben in einem dicht besiedelten Gebiet, das aktuell etliche weitere Verdichtungen durch Wohnungsbau erfährt. Wenn das schon in der historischen Stadtentwicklung zur Erholung konzipierte Areal aus Volkspark – dem einzigen großen Park in Friedrichshain – und angrenzendem SEZ mit Wohnungen zugebaut wird, steigert das den Unmut der Anwohner:innen. Das Quartier entspricht nicht der Agenda des Stadtentwicklungsplans 2040, konterkariert ihn in vielen Punkten sogar. Neue und hochpreisige Wohnungen drohen, die den Mietspiegel und damit die Mieten in der Umgebung in die Höhe treiben, statt den Wohnungsmarkt zu entspannen. Gleichzeitig ist die soziale Infrastruktur ringsum vernachlässigt oder zerstört. Das SEZ war ein herausragender zentraler Infrastrukturbestandteil mit vielfältigsten Freizeit- und Erholungsangeboten – nicht nur für Friedrichshain, sondern für Berlin – und könnte es wieder sein. Doch gerade dieses gewichtige Angebot soll nun ersatzlos entfallen. Friedrichshain hat kein einziges Schwimmbad mehr, Sportflächen fehlen in der Größenordnung von 24 Turnhallen und 21 Fußballplätzen. Mehr dazu unter dem Punkt Sport.

Am Standort SEZ kann bezahlbarer Wohnraum nur verbunden mit höheren Kosten als an den meisten anderen Wohnungsbaustandorten entstehen (siehe dazu auch unter Punkt „öffentliche Finanzen“). Mit diesem Geld (aus Steuermitteln) kann an anderer Stelle deutlich mehr bezahlbarer Wohnraum gebaut werden.

Während viele Anwohner:innen weiteren Wohnungsbau vor der Tür mit Sorge sehen, hegen andere sogar Zweifel, dass dort nach dem Abriss zeitnah gebaut wird. Es ist bekannt, dass die Wohnungsbau­gesellschaften, auch die WBM, ihre Bauziele seit Jahren verfehlen. Zudem sind nach vielen Abrissen an anderen Orten der Stadt ebenfalls nur Brachen geblieben: zum Beispiel an der Urania oder am Pankower Tor. Die Menschen befürchten eine neue Ödnis, an der sich nur Spekulanten freuen.

Sport

Das SEZ ist kein Spaßbad – wie gern kolportiert wird, es ist ein Freizeit- und Erholungszentrum. Dort konnte man über 50 verschiedene Sportarten ausüben, darunter auch Schwimmen. Darüber hinaus gab es etliche Freizeit- und Dienstleistungsangebote. Das wäre auch heute wieder möglich. Mehr als 30 Millionen Besucher:innen, darunter über die Hälfte Kinder, haben sich dort bewegt, haben sich erholt, haben sich dort ausgetobt. Berlin plant eine Olympiabewerbung – und will gleichzeitig eine wertvolle Infrastruktur für den Breitensport vernichten. Kai Wegner stellte im Zusammenhang mit Olympia den Bau von vier Schwimmbädern in Aussicht – warum nicht eines wieder eröffnen, das schon da ist? Am 30. Januar 2026 sagte Staatssekretärin Franziska Becker in der 60. Sitzung des Sportausschusses: „Der Senat sei davon überzeugt, dass die Ausrichtung von Olympischen und Paralympischen Spielen den Berlinerinnen und Berlinern zugutekomme. Das Konzept BERLIN+ stehe für ‚Sanierung vor Neubau‘ und für die Modernisierung von Sportstätten und Verkehrssystemen.“ Der geplante Abriss des SEZ stellt die Ernsthaftigkeit solcher Aussagen in Frage und begeistert nicht für Olympia. Der Schwimmhallenbereich des SEZ ist zudem nicht einfach ein Schwimmbad wie viele:

Gesamtwasserfläche Schwimm- u. Badebereich 1.795 m²
Wellenbecken 17 m x 22 m
Schwimmbecken 25 m x 16 m, mit 6 Bahnen
Sprungbecken 11 m x 11 m, mit 1m – u. 3m – Sprungbrett
Reha-Becken 8 m x 4 m
Außenbecken 19 m x 25 m, mit Schwimmkanal
Gegenstrom-, Kaskaden-, Kinderplanschbecken

Es gibt in Friedrichshain kein einziges Schwimmbad mehr – eine Stadt mit über 140.000 Einwohner ohne Schwimmbad, das gibt es nirgendwo in Deutschland. Allein 25 Städte mit 100.000 bis 140.000 Einwohnern haben im Durchschnitt fünf Schwimmbäder! Zuweilen wird uns entgegnet, etwas weiter nördlich in Pankow sei ein großes Schwimmbad im Europasportpark. Aber Pankow hat selbst 410.000 Einwohner:innen und zu wenig Schwimmbäder – nach zehn Jahren Planung hat der Senat den Bau vom Kombibad auf dem Gelände des heutigen Sommerbades Pankow gecancelt – sehr zum Bedauern der Menschen dort. Dafür gibt es rings um Berlin elf hochpreisige Thermen, die Tageskarten kosten dort fast überall ab 30 Euro aufwärts, bis hin zu 85 Euro in Neuruppin. Die mittlere Distanz zur Mitte Berlins liegt bei 50 Kilometern. Wer Geld, Zeit und ein Auto hat, kann noch Schwimmen gehen, die anderen eher nicht.

Es geht nicht nur ums Schwimmen. Fragen Sie die Eisbären, wo sie noch nach Talenten suchen können! Auf den wenigen öffentlichen Eisbahnen drängen sich die Jugendlichen zusammen, es entstehen Verletzungsgefahr und Frust. Noch schlechter steht es um Sporthallen und Sportplätze: Friedrichshain ist eklatant unterversorgt. 2024 fehlten 137.882 m² ungedeckte Sportflächen und 9.641 m² gedeckte, das heißt Sporthallen. Das entspricht 21 ungedeckten Fußballfeldern und 24 einteiligen Sporthallen, die fehlen. In den Gebieten rund um den Volkspark Friedrichshain, in Mitte und im südlichen Pankow ist es kaum besser. Wegen zu knapper Sportinfrastruktur stehen berlinweit 14.267 Kinder und rund 4.000 Erwachsene auf Wartelisten von Sportvereinen. Thomas Härtel, Präsident des Landessportbundes Berlin, beklagt, dass besonders Kinder und Jugendliche keinen schnellen Zugang zu Vereinen bekommen. Dabei gibt es im SEZ 1.424 m² gedeckte Sportflächen:

Sport- u. Spielhalle für Mannschaftsspiele 24 m x 28 m 672 m²
Turnhalle 12 m x 20 m 240 m²
Gymnastik- u. Ballettsaal 14 m x 16 m 224 m²
Kraft- u. Konditionsraum 12 m x 12 m 144 m²
Raum für Yoga etc. 12 m x 12 m 144 m²
gesamt 1.424 m²

Fazit: Weil Berlins Sportangebot dringend verbessert werden muss, kann auf das SEZ nicht verzichtet werden.

Kultur

Das SEZ berührt Fragen der Kultur an zwei Stellen: Zum einen bietet das Gebäude als Multifunktionsbau viele Möglichkeiten, Kultur einen Raum zu bieten, von Ausstellungen, Konzerten, bis hin zu Kongressen und anderen Sonderveranstaltungen. Zum anderen ist das Bauwerk selbst wertvolles kulturelles Erbe.

Landeskonservator Dr. Christoph Rauhut, der dem Bausenator unterstellt ist, gab in einem Vierzeiler die Einschätzung ab, dass das SEZ kein Denkmal sei. Die Einschätzung von Dr. Rauhut hat in der Fachwelt Erstaunen und Empörung ausgelöst. Wussten Sie, dass es acht qualifizierte Stellungnahmen gibt, die den Denkmalwert des SEZ belegen? Einzelne der Gutachten umfassen dutzende Seiten, hier eine Liste:

  1. Berliner Landesdenkmalrat, Stellungnahme 2025
  2. Ursula Quatember und 150 weitere Professor:innen aus 60 Universitäten, offener Brief, 2025
  3. Margrit Kühl, Dr. Sollich, Dr. Hartung, denkmalfachliches Gutachten mit Fotodokumentation, 2025
  4. Baustelle Gemeinwohl, Stellungnahme mit Fotodokumentation und Linksammlung, 2025
  5. Deutscher Verband für Kunstgeschichte, Eintrag in die Rote Liste der bedrohten Kultureinrichtungen mit Fotodokumentation und Linksammlung, 2024
  6. BauWelt, Fachartikel zum Denkmalwert des SEZ, 2024
  7. Architektenkammer Berlin, offener Brief 2024
  8. Grass, denkmalfachliches Gutachten im Auftrag des Landesdenkmalamts Berlin 2022

Außer den kargen Worten des Landeskonservators gibt es bisher keine einzige Stellungnahme oder Entgegnung, die belegt, dass das SEZ kein Denkmal ist. Dr. Rauhuts Argument, der hohe Grad der Zerstörung von Einbauten im SEZ, ist für den Denkmalstatus übrigens unerheblich. Laut Gesetz ist ein Bauwerk dann ein schützenswertes Denkmal, wenn es wegen der „geschichtlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen oder städtebaulichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit“ liegt. Alle vier Kriterien treffen auf das SEZ zu. Auch Ruinen können ein Denkmal sein, und davon ist das SEZ noch weit entfernt. Selbst Dr. Rauhut ruderte zurück: Bei der Prüfung des SEZ seien seine Behörde und er zwar „zu dem Ergebnis gekommen, dass es kein Denkmal ist. Insbesondere, weil es im Innern schon weitgehend fast zerstört ist. Was aber nicht heißt, dass man es abreißen muss. Wir sagen nur, es hat nicht diesen besonderen Schutzstatus als Denkmal.“

Dieser Schutzstatus macht aber den Unterschied, seinetwegen wird die umfangreiche Institution Landesdenkmalamt samt Konservator überhaupt aus Steuergeld bezahlt.

Fazit: Die Denkmalwürdigkeit des SEZ ist vielfach schriftlich von Fachleuten dargelegt. Es ist skandalös, dass die Stellungnahmen ignoriert werden und dass dem Gebäude seit der Übernahme durch die Stadt Berlin Tag für Tag wissentlich u. a. durch Stromabschaltung, Wassereinbrüche und Abbrucharbeiten Schaden zugefügt wird.

Architekt:innen und Bauhistoriker:innen aus ganz Europa sind über Berlins Umgang mit dem einmaligen Multifunktionsbau entsetzt.

Soziale Infrastruktur

Die Friedrich-Ebert-Stiftung schreibt in einer neuen Studie unter dem Titel „Antidemokratische Wahlerfolge im ungleichen Deutschland“, „dass regionale Faktoren, wie Immobilien und Arbeitsmärkte, Unterschiede in der Daseinsvorsorge und die jeweilige sozioökonomische Zukunftsfähigkeit, die Erfolge der AfD wesentlich beeinflussen“. Dazu die Frankfurter Rundschau: „Die abgehängten Orte kippen nach rechts. […] Neben Schulen und Einkaufsmöglichkeiten geht‘s um klassische Infrastruktur wie Busanbindung und Breitband. Doch reicht Hardware nicht aus. Fachleute wie Lukas Haffert unterscheiden zwischen materieller Infrastruktur wie Verkehr, Freibad und Digitalisierung und sozialer Infrastruktur […]. Der soziale Austausch ist entscheidend im Kampf gegen rechts.“ Außerdem: 46 Prozent der Berliner:innen leisteten sich 2024 aufgrund der Preisentwicklung keinen Sommerurlaub. Das SEZ wäre ein wohnortnahes Freizeit- und Erholungsangebot für alle. Sanierung und Erhalt wären auch eine Anerkennung innovativer Leistungen von Menschen aus dem Osten.

Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen

Es ist unter Umständen lebenswichtig, gut schwimmen zu lernen. Ertrinken ist die zweithäufigste Unfallursache bei Kindern und Jugendlichen bis 15 Jahren, und die Zahlen steigen laut DLRG. Deswegen ist es besonders wichtig, Schwimmstätten vorzuhalten, statt sie zu zerstören. Außerdem schwimmen und bewegen sich Kinder und Jugendliche gern im Wasser und werden so ganz nebenbei körperlich und geistig fitter sowie gesünder. Wenn Kinder und Jugendliche kein positives Verhältnis zu ihrem Körper entwickeln können, kann das schwerwiegende Folgen haben. Wir haben es in Berlin mit einer stark steigenden Zahl von Kindern mit Adipositas zu tun – krankhafter Fettleibigkeit. Sie bleibt normalerweise das ganze Leben erhalten, mit entsprechenden negativen Folgen für Gesundheit und Lebenserwartung. Gleichzeitig gibt es unter Mädchen seit 2020 einen Anstieg von Magersüchtigen um 54 Prozent. Kinder und Jugendliche haben seit 2020 vermehrt mit psychischen Problemen zu kämpfen. Die Wartezeit auf ein Erstgespräch bei Kinder- und Jugendtherapeut:innen beträgt über zwei Monate, und dann wartet man weitere sechs Monate auf einen Therapieplatz. Das SEZ wäre ein Leuchtturm für vielfältige Sport- und Freizeitangebote, mitten in der Stadt, von Kindern und Jugendlichen auch ohne Begleitung hervorragend nutz- und erreichbar.

Umwelt

Im SEZ beträgt die bebaute Grundfläche aller Geschosse 35.000 m². Die Menge an verbautem Beton liegt bei 30.000 m³, also 75.000 Tonnen. Allein um den Beton abzutransportieren, werden 3.750 Ladungen von Schuttlastern benötigt. Das wären drei Jahre lang jeden Werktag fünf Lkws voll. Für den Neubau der Wohnungen müssen dann wiederum 4.000 bis 5.000 Lastwagen voll Frischbeton kommen, also nochmal drei Jahre pro Werktag sechs Betonmischer. Es drohen durch Abriss und Neubau 15.000 Tonnen CO2-Äquivalente zusätzlich emittiert zu werden. Das ist so viel, wie 6.300 Autos in einem Jahr ausstoßen. Dazu kommen zahlreiche gebundene Baustoffe, Lacke, Kunststoffe … Vieles davon könnte einfach bei einer weiteren Nutzung im Gebäude bleiben, selbst Schadstoffe, solange sie gebunden sind. Berlin als nachhaltige Stadt sollte das SEZ erhalten und wenigsten weitere 30 Jahre nutzen.

Hinzu kommen Bäume im SEZ-Garten und gefährdete Tierarten: In einem faunistischen Gutachten wurden bereits Brutstätten von Haussperlingen und vom Hausrotschwanz nachgewiesen, des Weiteren Brutpaare bzw. Brutverdacht folgender Vogelarten: Mauersegler, Amsel, Singdrossel, Grünfink, Zilpzalp, Nachtigall, Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke, Zaungrasmücke, Star, Nebelkrähe, Ringeltaube. Dazu wurden in vier Begehungen jagende Zwergfledermäuse nachgewiesen. Viele Arten sind in Berlin gefährdet, weil ihre Lebensräume verschwinden. Bereits der Global Assessment Report 2019 bescheinigt der globalen Biodiversität eine verheerende Entwicklung. Die Populations­größen der beobachteten Säugetiere, Vögel, Amphibien, Reptilien und Fische gingen zwischen 1970 und 2020 gemäß Living Planet Index 2024 durchschnittlich um 73 Prozent zurück. Deswegen gibt es internationale Schutzpläne und geltende Gesetze. Die gelten auch für Bausenator Gaebler und die WBM. Der Erhalt und die Sanierung des SEZ wären in vielerlei Hinsicht eine Entscheidung für Natur und Umwelt: verkehrlich hervorragend eingebundenes Angebot, zu Fuß und mit ÖPNV erreichbar; vorhandene Bausubstanz wird weiter genutzt, Schutz des Lebensraums für vorhandene Arten.

Schule, Jugend und Familie

Im Bezirk werden keine neuen Grundschulen mehr benötigt. Die Zahl der Grundschüler:innen geht zurück, Kitas suchen händeringend nach Kindern. Beschäftigte werden entlassen, bzw. die Senatsverwaltung lässt befristete Verträge auslaufen. Viele Räume in Grundschulen im Bezirk werden also schon in Kürze leer stehen. Auf die Frage, warum trotzdem auf dem SEZ-Gelände eine neue Grundschule gebaut werden soll, wurde uns mitgeteilt, ein Grundschulbau sei nötig, weil es dafür im Bebauungs­plan eine Festlegung für die Nutzung des Grundstückes gibt. Eine Oberschule würde das nicht erfüllen. Aber Bauen um des Bauens willen? Wir kennen diese Argumente von Stadtrat Andy Hehmke (SPD), der damit schon viele Menschen gegen sich und die SPD aufgebracht hat. Ist es sinnvoll, dass eine gewachsene Grundschulgemeinschaft an einen entfernten Standort umziehen muss, nur weil man dort eine Grundschule statt einer Oberschule errichten darf?

Am 10. Februar wurde im Bezirkselternausschuss von Friedrichshain-Kreuzberg berichtet, dass das Bezirksamt den Umzug der Ludwig-Hoffmann-Grundschule für 2029 beschlossen habe. Gegen den massiven Protest der Eltern, Beschäftigten und Kinder! Der Umzug zerstört eine preisgekrönte und intakte Schule, reißt Kinder aus ihrer sozialen Umgebung und verpflanzt sie zwei Kilometer weiter an den Rand des Bezirks. Für den Schulweg müssen sie dann mit der Karl-Marx-Allee und der Landsberger Allee zwei der verkehrsreichsten Stadtstraßen Deutschlands überqueren, zweimal täglich. Für einen Schulneubau ist auf dem SEZ-Gelände übrigens eigentlich zu wenig Platz. Eine konkrete Planung gibt es noch nicht.

Sollte die Howoge mit dem Schulbau beauftragt werden, muss damit gerechnet werden, dass es noch zehn Jahre dauert, bis dort ein Gebäude steht – so lange braucht die Howoge im Durchschnitt für Schulen, in sieben Jahren hat sie drei von 26 Schulen fertiggebaut, drei weitere befinden sich im Bau, die anderen gibt es nur auf dem Papier. Die extremen zeitlichen Verzögerungen bereiten nun riesige Probleme, denn die Howoge sollte vor allem neue Oberschulplätze schaffen. Sie fehlen jetzt schmerzlich. Pankow wird kommendes Schuljahr voraussichtlich 450 Oberschulplätze zu wenig haben, Mitte sogar 800 zu wenig. Genaue Zahlen aus Friedrichshain-Kreuzberg sind uns nicht bekannt, aber es soll kaum besser aussehen. Trotzdem will Stadtrat Andy Hehmke nach dem Umzug des Heinrich-Hertz-Gymnasiums in einen Neubau dessen bisheriges Schulgebäude leer stehen lassen.

Das SEZ-Gelände darf nicht Teil einer absurden Rochade für den Schulbau werden. Aus dem Umfeld der BVV haben wir erfahren, dass man es im Bezirksamt für „nützlich für den Ringtausch der Schulen“ halte, wenn es für eine gewisse Zeit eine leerstehende Schule gibt. Der Umzug der Ludwig-Hoffmann-Grundschule ist nicht erforderlich, wenn das leerstehende Gebäude der Heinrich-Hertz-Gymnasiums wieder einer Schulnutzung zugeführt wird.

Öffentliche Finanzen

Die öffentlichen Finanzen werden vom SEZ in mehrfacher Hinsicht berührt. Erstens stellt das SEZ einen Wert dar, dem mit Vernichtung gedroht wird. Zweitens fehlt für die Ersatzbau-Pläne bisher die – haushaltsrechtlich vorgeschriebene – Wirtschaftlichkeitsuntersuchung. Und drittens sind die Kosten eines Betriebs nach Sanierung zu schätzen und zu bewerten.

Abrisskosten und weitere Risiken: Damit 300 bis 340 Wohnungen auf dem Gelände als „bezahlbar“ gelten dürfen, müssen die Kosten für Abriss und Erschließung unter den Grundstückskosten von anderen öffentlichen Wohnungsbaukosten bleiben. Leider haben weder der Senat noch die WBM diese Kosten bisher offengelegt. Gleichzeitig wurde der Abrissauftrag bereits vergeben, mindestens diese Kosten sind also bekannt, aber nicht öffentlich. Es ist bedauerlich, dass die Untersuchung, die von der WBM als „Machbarkeitsstudie“ bezeichnet wurde, diesen elementaren Punkt nicht benennt. Die Kosten für den Abriss des Palasts der Republik vor 20 Jahren haben ohne die Asbestsanierung 38,5 Mio. Euro betragen. Mit Inflationsausgleich sind das für Abriss und Entsorgung heute 52 bis 60 Mio. Euro, also 153.000 bis 200.000 pro Wohnung – bevor der Bau überhaupt losgeht. Dazu kommen Risiken aus einer „überfüllten Planung“: Der aktuelle Entwurf kommt nur mit Tricks und Finten auf so eine hohe Wohnungszahl, er verstößt dabei mehrfach gegen den bestehenden Bebauungsplan. Das Gebäude ist höher geplant als erlaubt, und die wegen Lärmbelastung für Wohnungen nicht nutzbare zweite Etage (1. OG) wurde dem Wohnungsbau zugeschlagen. Es besteht daher das Risiko, dass die Zahl der realisierbaren Wohnungen sich noch um 50 oder 100 reduziert. Dazu kommen die Risiken aus den vorgesehenen 20.000 Quadratmetern Gewerbefläche: Wer die Landsberger Alle und die Danziger Straße kennt, weiß, dass dort Gewerbeflächen nicht besonders ertragreich vermietet sind, vieles steht leer. Wenn am Standort SEZ „bezahlbarer“ Wohnraum entstehen sollte, wäre das mit einem für Berlin beziehungsweise die Steuerzahler:innen unzumutbaren Förderaufwand verbunden. Das Wohnungsbauargument sticht daher nicht.

Zum geplanten Schulbau auf dem SEZ-Gelände durch die Howoge: Die Kosten der Howoge für ihre Schulbauten sind bis zu 15-mal höher als im Bundesdurchschnitt, ihre Gesamtkosten für den Berliner Schulbau hat die Howoge seit Beginn der „Berliner Schulbauoffensive“ von einer Mrd. Euro auf 11,7 Mrd. Euro mehr als verzehnfacht, bei einer gleichbleibenden Zahl von Schulen. Von diesen 11,7 Mrd. Euro sind 6,1 Mrd. Euro Zinsen für Kredite und geschätzt 960 Mio. Euro für Gebühren an die Howoge. Im Durchschnitt kostet eine Howoge-Schule 292 Mio. Euro – für den Preis nur einer solchen Schule könnten alle Schulen des Bezirks luxuriös saniert und erweitert werden.

Wert des SEZ: Das SEZ ist viel wert. Damit dieser Wert nutzbar wird, muss der Bau zuvor saniert werden. Anders als zuweilen behauptet liegen die Sanierungskosten voraussichtlich deutlich unter einem späteren Gebäudewert. Bereits in der Anhörung im Sportausschuss am 13. Juni 2025 lagen die Schätzungen des zuständigen Staatssekretärs und von Gemeingut nicht so weit auseinander (Senat: 100 bis 110 Mio. Euro für alles, Gemeingut: 50 Mio. Euro für das Schwimmbadareal). Eine weitergehende Schätzung besagt:

Sanierung von Gebäude­ausbau, Dach und Fassade 40 bis 50 Mio. € Erhalt der soliden Bausubstanz, Erneuerung der Leitungen und Medienversorung
Wasserwelt & High-Tech Pooltechnik 35 bis 55 Mio. € Kreisförmige Wellentechnik, Rotationsrutschen, Unterwasserbeleuchtung
Wellness, Sauna & Mineralbäder 10 bis 15 Mio. € Dampf-/Trockensaunen, Eisbäder, Kältekammer, Feng-Shui-Design
Eis-/Skaterbahn 10 bis 15 Mio. € Modernes Kühlmittel, Winter/Sommerbahn
Sport, Fitness & Entertainment 5 bis 10 Mio. € Bowling, 24/7-Studios
Konferenz & Gastronomie 7 bis 12 Mio. € Smart-Meeting, Restaurants, Biergarten
Gewerbe mit Sportbezug 3 bis 5 Mio. € Sport- und Fanartikel, Sportmedizin
Außenanlagen 5 bis 8 Mio. € Tennis-Standards, Baumhäuser, Labyrinthe
Gesamtkosten 115 bis 170 Mio. €

 

Ein vergleichbarer Neubau dieser Dimension und Ausstattung hätte heute einen Wiederbeschaffungswert von mindestens 200 bis 400 Mio. €. Es können also stille öffentliche Reserven in der Größenordnung von 85 bis 230 Mio. € gehoben werden. Zur Finanzierung könnte sich das Land Berlin um Infrastrukturmittel des Bundes bemühen.

Betrieb des SEZ: Das SEZ sollte nach Auffassung der Menschen, die sich dafür engagieren, als Einrichtung der Daseinsvorsorge saniert und neu eröffnet werden. Die Kosten und Einnahmen einer solchen sozialen Infrastruktur sind dabei volkswirtschaftlich zu betrachten, nicht betriebs­wirtschaftlich im Sinne von privater Gewinnerzielung. Solche volkswirtschaftlichen Nutzen sind:

  • zivilgesellschaftliche Aspekte (Einbindung der Anwohner:innen, Treffpunkt für Nachbarschaftsinitiativen)
  • städtebauliche Aspekte: im hochverdichteten Friedrichshain wird mit einem Ausbau von sozialer Infrastruktur der „Ghettoisierung“ entgegengewirkt, soziale Spannungen sinken, das Politikvertrauen und die Bereitschaft, sich einzubringen, steigen wieder
  • Klimaschutz durch ein modernes, nachhaltig betriebenes Sportgebäude und durch Vermeidung von Abriss und Neubau sowie Erreichbarkeit zu Fuß und mit ÖPNV
  • Auseinanderdriften begegnen: Denkmal mit Ostbezug bewirkt wertvolle soziale Kohäsion, dem Rechtsruck wird etwas Nährboden entzogen

Der Betrieb als Schwimmbad darf und sollte zum Beispiel pro potentieller Nutzer:in nicht mehr und nicht weniger kosten (müssen) als für jedes öffentliche Schwimmbad in Berlin, Gleiches gilt für die Nutzung als öffentliche Eislaufhalle und öffentliche Sporthalle.

Die Kosten für einen Betrieb des SEZ werden auf 10 Mio. Euro pro Jahr geschätzt, das Besucherpotential liegt bei mindestens 500.000 pro Jahr (im Eröffnungsjahr waren es 4,5 Mio.). Dieser Betrieb kann refinanziert werden. Der Landeszuschuss für die Berliner Bäderbetriebe betrug 2023 insgesamt 10,9 Mio. Euro, bei 5,7 Mio. Besuchern (davon 2,1 Mio. aus Schulen und Vereinen). Jeder Besuch wurde somit mit 19,45 Euro gefördert. Übertragen auf das SEZ wären das 9,7 Mio. Euro Landeszuschuss. Dazu kämen Einnahmen aus Eintrittskarten von 6 Euro pro Person, also 3 Mio. Euro pro Jahr. Damit stünden für den Schwimmbadbetrieb 12,7 Mio. Euro zur Verfügung.

Darüber hinaus bietet das SEZ als Multifunktionszentrum die Möglichkeit, für bestimmte Angebote Einnahmen zu erzielen, die anderen Einrichtungen nicht möglich sind und nicht im Widerspruch zu bezahlbaren Basisangeboten stehen. Dies könnten unter anderem sein:

  • öffentliches Eislaufen, Restaurant/Parkimbiss/Biergarten, Saunalandschaft mit Eisbaden
  • kulturelle Nutzungen wie Kongresse, Ausstellungen, Konzerte, Sonderveranstaltungen
  • Kursangebote: Yoga/Chi Gong im SEZ-Garten, Eislaufen / Skaten
  • Reha-Sport und vorbeugender Gesundheitsschutz in Kooperation mit Krankenkassen und Rentenversicherung (zum Beispiel „RV Fit“)

Die geschätzten jährlichen Betriebskosten können zudem noch unterboten werden

  • Kooperation mit den Wasserbetrieben, um Schwimmbadkosten zu senken.
  • Becken mit verschiedenen Wassertemperaturen.
  • Reaktivierung der Kälte-Wärme-Kopplung Eisbahn-Schwimmbecken mit modernem Kältefluid
  • Solarthermie auf dem Dach, Tiefenbohrungen im Garten

Insgesamt können die Betriebskosten durch die bereits vorhandene ökologische Bauweise, eine kluge Sanierung und einen umweltschonenden Betrieb unterdurchschnittlich gestaltet werden. Wenn der Ausbau genutzt wird, um modernere Konferenztechnik, Saunen und Gewerbe mit Sportbezug einzurichten, sind erhebliche zusätzliche Einnahmen möglich. Damit können Preise für soziale Angebote gestützt werden.

Bürgerbeteiligung

Für den Neubau von Howoge-Schulen werden für Partizipationsverfahren 3 bis 5 Mio. Euro ausgegeben – pro Schulbau. Nichts dergleichen beim SEZ, ganz im Gegenteil. Hier mussten die Bürger:innen ihre Beteiligung selbst organisieren. Mehr als 20.000 Unterschriften wurden gesammelt – Herr Gaebler interessierte sich leider nicht dafür. Ein „Runder Tisch SEZ“ wurde ins Leben gerufen, er hat bereits sechsmal getagt. Christian Gaebler war jedes Mal eingeladen – er ist nie gekommen. Auch Kai Wegner hat nie Zeit gefunden. Unsere wiederholt vorgetragene Bitte, einen eigenen Termin vorzuschlagen, bleibt seit einem Jahr unbeantwortet.

In der Anhörung des Sportausschusses am 13. Juni 2025 sagte Staatssekretär Alexander Slotty: „Es hat selbst­verständlich im Rahmen des Bebauungsplans in den Jahren vor der Festsetzung 2018 öffentliche Debatten darüber gegeben. Es hat öffentliche Beteiligung darüber gegeben.“ Tatsächlich gab es die vorgeschriebene Auslegung von vier Wochen – aber damals gehörte das SEZ nicht Berlin, und von einem Abriss war nicht die Rede. Und so steht es im vom Parlament beschlossenen Bebau­ungs­plan: „Der vorhandene bauliche Bestand genießt im Übrigen – auch wenn er den Festsetz­ungen des Bebauungs­plans widerspricht – Bestandsschutz und kann in diesem Rahmen genutzt werden.“ Eine Beteiligung zur Frage Abriss – ja oder nein – gab es nie, geschweige denn eine Beteili­gung zu Entwürfen, die eine positive Entwicklung des SEZ zeigen bei Bewahrung und Ausbau des Bestandes. Zur Erinnerung: Der vormalige Besitzer und Investor erfüllte seine vertragliche Verpflicht­ung zur Wiedereröffnung eines Schwimmbades nicht, sondern entwickelte eigene Pläne für das Areal. Um diesen Plänen Einhalt zu gebieten, wurde 2018 der B-Plan aufgestellt. Auf Drängen von Bürger:innen, Verbänden und Medien holte sich das Land Berlin das SEZ wegen des vom Investor nicht umgesetzten Schwimmbades auf dem Klageweg zurück. Um das SEZ jetzt selbst abzureißen und damit das einst monierte Ansinnen des Investors in die Tat umzusetzen? Die Menschen empfinden das als Farce.

Miteinander von Ost-West

Der Umgang des Senators und auch des Regierenden Bürgermeisters mit den Menschen im Osten ist demütigend. Der Abriss des SEZ würde sich in eine lange Reihe von Abrissen wertvoller Ostbauten einreihen. Es scheint fast, dass alles, was baulich an die DDR erinnert, dem Erdboden gleichgemacht werden soll. Das sagten die Leute zu uns am Telefon: „wie selbstherrlich“, „die Besser-Wessis von CDU und SPD schleifen die DDR“, „zwei Alpha-Männchen zerschlagen, was vom Wiedervereinigungsporzellan noch übrig war“.

Im Einigungsvertrag steht: „Die kulturelle Substanz in dem in Artikel 3 genannten Gebiet darf keinen Schaden nehmen. “ Darauf weisen uns die Menschen immer wieder hin. Was sollen wir entgegnen? Wir haben keine rechtliche Handhabe, dieses Versprechen des Einigungsvertrags einzuklagen. Es darf nicht verwundern, dass sich das vielfach gebrochene Versprechen zu einem Zorn aufstaut, der Berlin und unserem ganzen Land nicht guttut. Der Bau des SEZ steht für eine außergewöhnliche Kooperation von Ost und West – über alle Mauern hinweg. Die Abrisspläne hingegen fegen das alles beiseite, über die Köpfe der Menschen dieser Stadt, vor allem der Menschen aus dem Osten hinweg.

Sehr geehrte Abgeordnete, sehr geehrter Abgeordneter,

wir bitten Sie, sich einzumischen. Bewegen Sie Ihre Kollegen im Ausschuss für Stadtentwicklung dazu, ein Moratorium in Sachen SEZ-Abriss zu veranlassen, mindestens bis zur Wahl und bis die Stadtgesellschaft Optionen zum Erhalt prüfen und diskutieren konnte. Überzeugen Sie Christian Gaebler und Kai Wegner davon, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit dem SEZ wichtig ist.

Mit freundlichen Grüßen

Gemeingut in BürgerInnenhand

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