3-Minu­ten-Info: Volks­in­itia­ti­ve „Unse­re Schu­len“

Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand (GiB) hat die Volks­in­itia­ti­ve „Unse­re Schu­len“ gestar­tet.  War­um?

Der Ber­li­ner Senat plant eine soge­nann­te Schul­bau­of­fen­si­ve. Inner­halb von zehn Jah­ren will er mit 5,5 Mil­li­ar­den Euro Schul­bau­ten sanie­ren und neue Schu­len bau­en. Das klingt gut, hat aber einen Haken:

Die rot-rot-grü­ne Regie­rung will min­des­tens 30 der geplan­ten 60 Schul­neu­bau­ten über die Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft Howo­ge abwi­ckeln. Glei­ches droht den Groß­sa­nie­run­gen (Schul­sa­nie­run­gen mit mehr als 10 Mil­lio­nen Euro).

Was ist pro­ble­ma­tisch dar­an?

Schul­bau als öffent­li­che Auf­ga­be wird bis­her von öffent­li­chen Ver­wal­tun­gen orga­ni­siert. Mit den oben genann­ten Plä­nen ändert sich das. Die Howo­ge ist eine GmbH. Sie befin­det sich zwar in Lan­des­ei­gen­tum, unter­liegt aber als GmbH voll­um­fäng­lich dem Pri­vat­recht. Schu­len, Schul­grund­stü­cke und Bau­auf­trä­ge, im Volu­men von zunächst 1,5 Mil­li­ar­den Euro wer­den aus der öffent­li­chen Hand her­aus­ge­löst und an die GmbH aus­ge­la­gert. Das bedeu­tet eine for­mel­le bezie­hungs­wei­se Rechts­form­pri­va­ti­sie­rung. Eigen­tü­mer ist dann die GmbH. Bis­her lie­gen Bau- und Sanie­rungs­maß­nah­men in der Ver­ant­wor­tung der Stadt­be­zir­ke. Sie wer­den künf­tig zu Mie­tern — mit Miet­ver­trä­gen, die 25 Jah­re lang unkünd­bar sind.

Damit ändert sich auch das Haus­recht. Wer­den künf­tig Ver­ei­ne, Sport­grup­pen et cete­ra Schu­len und Turn­hal­len noch nut­zen kön­nen? Und wenn ja, zu wel­chen Kon­di­tio­nen? Wie wird die Howo­ge GmbH die Schu­len ver­mark­ten? Wird Wer­bung in und an den Schu­len Ein­zug hal­ten?

Als pri­vat­recht­lich orga­ni­sier­te juris­ti­sche Per­son ent­zieht sich die  Howo­ge GmbH den demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Kon­troll­in­stan­zen, selbst wenn sie als lan­des­ei­ge­ne GmbH aus­ge­prägt ist. Aus­kunfts­rech­te der Bür­ge­rIn­nen müs­sen künf­tig hin­ter dem Betriebs- und Geschäfts­ge­heim­nis zurück­ste­hen. Auch das öffent­li­che Ver­ga­be­recht gilt nicht mehr.

Vor allem aber kann von der neu­en Schul-GmbH aus wei­ter pri­va­ti­siert wer­den. Dar­über ent­schei­det dann das GmbH-Manage­ment: Kre­dit­auf­nah­men am pri­va­ten Kapi­tal­markt, Ein­be­zug von Pri­vat­in­ves­to­rIn­nen auf Pro­jekt­ebe­ne – das alles wird mög­lich. Auch kann die  Howo­ge GmbH selbst spä­ter teil­wei­se oder ganz ver­kauft wer­den, zum Bei­spiel von der nächs­ten Regie­rung. Die Ber­li­ner Schu­len wer­den damit für Pri­vat­in­ves­to­rIn­nen geöff­net, und zwar von einer rot-rot-grü­nen Regie­rung.

Auch die even­tu­ell zum Ein­satz kom­men­den öffent­lich-pri­va­ten Part­ner­schaf­ten (ÖPP) stel­len eine Form der Pri­va­ti­sie­rung dar, in die­sem Fal­le eine funk­tio­na­le. Seit Jah­ren sor­gen ÖPP-Pro­jek­te für Nega­tiv­schlag­zei­len., zum Bei­spiel im Bereich der Schu­len (Land­kreis Offen­bach) oder im Auto­bahn­bau und -betrieb (A1 mobil GmbH). Ihr finan­zi­el­les Desas­ter geht regel­mä­ßig zulas­ten der öffent­li­chen Hand und damit der Steu­er­zah­le­rIn­nen.

Wir wol­len die Schul-GmbH und Schul-ÖPP und damit die Schul­pri­va­ti­sie­rung ver­hin­dern! Mit der Volks­in­itia­ti­ve „Unse­re Schu­len“ grei­fen wir ein und zie­hen die Not­brem­se.

Was wir wol­len

Unse­re Schu­len müs­sen öffent­lich blei­ben! Schul­im­mo­bi­li­en und -grund­stü­cke dür­fen nicht in das Pri­vat­recht über­tra­gen wer­den!

Wir for­dern:

  • Schu­len öffent­lich bau­en, erhal­ten, betrei­ben und finan­zie­ren statt Über­tra­gung von Schu­len in eine pri­vat­recht­li­che GmbH oder ÖPP-Schu­len
  • Aus­bau des Per­so­nals in den Schu­len und Bau­äm­tern in öffent­li­cher Hand statt Spar­dik­tat und Abwer­ben von Fach­kräf­ten durch die GmbH
  • Schul­ge­bäu­de und -grund­stü­cke im Eigen­tum der Bezir­ke belas­sen, statt die Bezir­ke zu Mie­tern ihrer Schu­len zu machen

Die Ber­li­ner Schu­len müs­sen im öffent­li­chen Eigen­tum mit öffent­li­chen Gel­dern saniert und aus­ge­baut wer­den – das ist der schnells­te Weg und auch das sichers­te, güns­tigs­te und demo­kra­tischs­te Vor­ge­hen.

Wie funk­tio­niert die Volks­in­itia­ti­ve „Unse­re Schu­len“?

Wenn wir inner­halb von 6 Mona­ten 20.000 gül­ti­ge Unter­schrif­ten sam­meln, muss das Abge­ord­ne­ten­haus uns in den betrof­fe­nen Aus­schüs­sen anhö­ren. Wir hat­ten am 3. Janu­ar mit dem Sam­meln begon­nen. Am  3. Juli haben wir 30.402 Unter­schrif­ten an den Prä­si­den­ten des Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­hau­ses über­ge­ben. Jetzt wird dort der Antrag auf Aner­ken­nung als Volks­in­itia­ti­ve geprüft. Danach wer­den die Unter­schrif­ten kon­trol­liert.

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War­um ist solch ein Auf­wand nötig?

Die Abge­ord­ne­ten, die ein­grei­fen, Bedin­gun­gen set­zen oder Fra­gen stel­len könn­ten, ver­ste­cken sich hin­ter ihren Par­tei­vor­sit­zen­den und wie­der­ho­len deren Argu­men­te gebets­müh­len­ar­tig:

Das sei kei­ne Pri­va­ti­sie­rung, sagen sie, obwohl sie wis­sen, dass die Über­füh­rung einer öffent­li­chen Ein­rich­tung in das Pri­vat­recht juris­tisch als Rechts­form­pri­va­ti­sie­rung bezeich­net wird und immer der ers­te Schritt in die wei­te­re Pri­va­ti­sie­rung ist.
Die Schul­pri­va­ti­sie­rung in Ber­lin steht vor einer außer­ge­wöhn­li­chen Situa­ti­on: Es gibt im Par­la­ment kei­ne Oppo­si­ti­on gegen das Mil­li­ar­den-Vor­ha­ben, obwohl die Mehr­heit der Bun­des­bür­ge­rIn­nen gegen die Pri­va­ti­sie­rung der öffent­li­chen Daseins­vor­sor­ge ist. Wir sagen des­halb: “Wer, wenn nicht wir!”
Wir haben zahl­rei­che Fra­gen gestellt, Brie­fe geschrie­ben und um Befas­sung gebe­ten – nichts. Daher bleibt ein­zig allein der Weg über die Volks­in­itia­ti­ve.

Als Haupt­ar­gu­ment für die GmbH führt der Senat die ab 2020 gel­ten­de Schul­den­brem­se auf, die den Län­dern eine Net­to­neu­ver­schul­dung ver­bie­tet. Sie soll mit der GmbH umgan­gen wer­den kön­nen, um jen­seits des Ber­li­ner Kern­haus­halts bis zu 1,5 Mil­li­ar­den Euro Kre­di­te auf­zu­neh­men. Das wird dann aller­dings zu schlech­te­ren, markt­üb­li­chen Kon­di­tio­nen gesche­hen als eine Kre­dit­auf­nah­me direkt durch das Land. Ob eine Kre­dit­auf­nah­me über­haupt not­wen­dig ist, ist aller­dings gleich­falls zu hin­ter­fra­gen – das Haus­halts­jahr 2017 been­de­te Ber­lin mit einem Über­schuss von 2,16 Mil­li­ar­den Euro.

Als Sicher­heit für die Kre­di­te bei den Ban­ken sol­len die Schul­im­mo­bi­li­en und/oder die 20 bis 30 Jah­re lau­fen­den Miet­ver­trä­ge der Bezir­ke für ihre eins­ti­gen Schu­len die­nen. Wenn das kei­ne Pri­va­ti­sie­rung ist, was dann?

Bedeu­tung für die gan­ze Bun­des­re­pu­blik?

Die Gro­Ko ver­ab­schie­de­te am 1. Juni 2017, in einer ihrer letz­ten Bun­des­tags­sit­zun­gen vor der Wahl, die Ver­än­de­rung von 13 Arti­keln im Grund­ge­setz, um Infra­struk­tur­ge­sell­schaf­ten mög­lich zu machen. Im Vor­der­grund stand damals die Mög­lich­keit zur Pri­va­ti­sie­rung der Auto­bah­nen, doch es ging auch schon um Infra­struk­tur­ge­sell­schaf­ten im Schul­we­sen.

Genau das soll jetzt in Ber­lin in die Pra­xis umge­setzt wer­den. Setzt die rot-rot-grü­ne Regie­rung ihre Plä­ne um, wird eine neue Pri­va­ti­sie­rungs­wel­le aus­ge­löst.

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